Bedrohtes Südkorea: Nah am Feind

Aus Seoul berichtet Heike Sonnberger

Korea-Krise: Nah am Feind Fotos
AFP

Fast 50 Millionen Südkoreaner leben täglich mit den Atomkriegsdrohungen aus dem verfeindeten Nachbarland im Norden. Die Hauptstadt Seoul ist nur 40 Kilometer vom Grenzgebiet entfernt. In der Metropole demonstriert man Gelassenheit - selbst im Katastrophenzentrum.

Südkoreas Millionenmetropole Seoul liegt im Schatten der Grenze zu Nordkorea, es sind nur rund 40 Kilometer bis zur demilitarisierten Zone. Jenseits davon beginnt das Nachbarland, Feindesland, von wo aus der kommunistische Befehlshaber Kim Jong Un und seine Gefolgsleute in diesen Tagen ihre Drohungen gegen den kapitalistischen Süden schicken.

Jang Sung Man ist einer der Teamleiter im Katastrophenzentrum der Stadtverwaltung von Seoul, ein schmaler, behutsamer Mann in dunklem Anzug. Wie schwer wird es, die zehn Millionen Einwohner Seouls zu schützen, wenn nordkoreanische Truppen die Grenze überrennen sollten wie damals vor 63 Jahren? "No problem", sagt Jang. Hinter ihm wälzt sich der Stadtverkehr über mehr als 20 Bildschirme, die eine Wand des Lagezentrums bedecken. Mehr als 800 Kameras seien in der Stadt verteilt, "wir können hier ganz schnell umschalten", sagt Jang. Verkehrschaos, Naturkatastrophe, Truppeneinmarsch - alles können er und seine Leute in diesem Raum im dritten Untergeschoss des Rathauses im Blick behalten.

Doch gerade interessiert nur der Verkehr - und der auch niemanden so richtig. An gewöhnlichen Tagen arbeiten hinter den dicken Panzertüren im Keller acht Menschen. Wenn die dritte, also die höchste Alarmstufe ausgerufen wird, sind es sogar 60. Der Bürgermeister tagt dann mit seinem Krisenstab in hellbraunen Polstersesseln in einem Konferenzraum, in dem die Scheiben zum Lagezentrum auf Knopfdruck zu Milchglas werden.

Seoul hat sich mit der nahen Bedrohung arrangiert

An diesem Freitagmorgen drängen sich allerdings nur vier junge Frauen um zwei Computer und einen Luftbefeuchter in der hintersten Tischreihe des Kontrollzentrums. Den Autoschlangen auf den Wandbildschirmen schenken sie genauso wenig Beachtung wie den fremden Besuchern. Die mehrfarbige Lampe in der Mitte des Raums, die die Alarmstufen anzeigt, ist nicht mal eingeschaltet.

"Es wird keinen Krieg geben", sagt Jang und lächelt entspannt. Somit hat er Zeit für einen Plausch und eine spontane Führung, obwohl er eigentlich keine Presse hier hinunterbringen soll, deswegen auch bitte keine Fotos.

Es braucht offenbar mehr als etwas Kriegsrhetorik aus dem Norden, um diese Stadt in Aufruhr zu versetzen, denn mit der nahen Bedrohung hat sie sich arrangiert. 7000 Schutzräume gebe es in der Stadt, die in friedlichen Zeiten zum Beispiel als Schulen fungieren, sagt Jang. Hinzu kommen die U-Bahn-Stationen und unterirdischen Einkaufspassagen. Alle paar Monate stehen landesweit Katastrophenübungen auf dem Programm. Dann heulen die Sirenen, der Verkehr steht still und die Menschen auf der Straße sollen sich in geschlossene Räume flüchten.

Viele Hotels und andere große Gebäude haben einen direkten Zugang zu den U-Bahn-Schächten. In den modernen und blitzsauberen Stationen stehen alle paar Meter brusthohe Vitrinenkästen, in denen Gasmasken, Taschenlampen und Sauerstoffflaschen wie Shopping-Artikel aufgereiht sind. Auf Fernsehern laufen Anleitungen, wie man sich zu verhalten hat, wenn plötzlich Rauch das Gleis vernebelt.

In der Station Dongdaemun History and Culture Park, Metro-Linie 5, lagern 145 ABC-Schutzmasken und 250 Rauchschutzmasken. Das weiß der adrett in dunkellila gekleidete Herr im Glashäuschen neben der Fahrkartenkontrolle auf Anhieb. Eine junge Frau verlässt gerade die Station.

Die 23-jährige Se Yeon studiert Wirtschaft. Sie ist sehr zuversichtlich - einen Angriff Nordkoreas auf Seoul ist für sie unvorstellbar: "Geografisch sind wir nicht sicher", sagt sie. Aber in der Hauptstadt lebten so viele Menschen. Der Nachbar werde sich bestimmt lieber ein anderes Ziel aussuchen, bei dem die Vergeltung nicht so furchtbar wäre.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. wieso 25 mio.
hornochse 05.04.2013
in Südkorea leben knapp 50 mio. Menschen
2. September 2010 in Seoul
fd53 05.04.2013
Auf dem Rückweg von einem Urlaub auf Viti Levu machte ich im September 2010 einen mehrtägigen Zwischenstop in Seoul. Die Beamten haben bei der Einreise wegen der Masse an eingeklebten Visa in meinem Pass zuerst etwas gelächelt. Und dann stutzen sie etwas wegem dem eingeklebtem Visa der KVDR. Das führte dann zu einer sehr kurzen ergänzenden Unterhaltung, solche Gäste hat halt man selten. Ähnlich war es dann im Hotel und auch bei einer gebuchten Stadtrundfahrt. Natürlich war ich im Bus der einzige Tourist, der schon mal in der KVDR war. Und so habe ich mich nach der Stadtrundfahrt dann noch mit der deutsch sprechenden Tourguide und deren Familie getroffen und wir haben uns fast 3 h unterhalten. Auch diese Zufallsbekanntschaft sah damals überhaupt keine Gefahr und war von einer friedlichen Zukunft voll überzeugt. Allerdings war man vor einer totalen Überlegenheit der südkoreanischen Armee nur bedingt überzeugt. Da war schon viel südlicher Nationalismus dabei.
3. Metropolregion
Accan 05.04.2013
Ich denke, dass sie von der Metropolregion Seoul ausgehen... Dort leben etwa 23,8 mio Menschen. In Seoul selber "nur" 10 Millionen.
4. ist ja super,
theother 05.04.2013
dass in Seoul alles über Monitore beobachtet werden kann, dann kann ja eigentlich garnichts schief gehen. warum wurde so eine wichtige Verteidigungsminister Strategie so lange geheim gehalten worden... :)
5. Nordkorea hungert ...
rkinfo 05.04.2013
Was soll ein Südkoreaner auch Angst haben vor einem Bruderstaat dessen Soldaten kaum vollständig ernährt werden können ? Atombomben sind tatsächlich das einzige was Nordkorea an Gefahr insich trägt.
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Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
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