Separatistenrepublik Transnistrien "Sie sollten uns nicht mit der DDR verwechseln"

Igor Smirnow nennt sich "Präsident" - doch seine "Republik Transnistrien" wird international nicht anerkannt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über den blutigen Krieg, in dem sich Transnistrien von Moldau abgespalten hat, über Moskaus Unterstützung - und behauptet, die USA hätten Angst vor ihm.


SPIEGEL ONLINE: Ihre "Transnistrische Moldauische Republik" existiert schon fast 19 Jahre, wird aber von der Weltgemeinschaft nicht anerkannt. Woran liegt das?

Igor Smirnow: Das Wichtigste ist, dass die Republik vom Volk anerkannt ist. Die internationale Anerkennung ist zweitrangig. Wir haben in den vergangenen Jahren alle staatlichen Institutionen gebildet. Wir wählen regelmäßig ein Parlament und haben sogar eine eigene Währung. Die Schaffung unserer Republik war eine erzwungene Maßnahme zum Schutz vor gewaltsamer Rumänisierung beim Zerfall der Sowjetunion.

Separatistenführer Igor Smirnow: "Präsident" von Transnistrien
REUTERS

Separatistenführer Igor Smirnow: "Präsident" von Transnistrien

SPIEGEL ONLINE: Damals träumten viele in Moldau von einer Vereinigung mit Rumänien.

Smirnow: Wir wollten keine Rumänen werden. So sind auf dem Gebiet der früheren Moldauischen Sowjetrepublik zwei neue Staaten entstanden: Moldau und Transnistrien.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet Transnistrien von Moldau?

Smirnow: Uns trennen die Geschichte, die slawische, russische Mentalität, die Sprache und die außenpolitischen Prioritäten. Das Volk Transnistriens geht seinen Weg an der Seite Russlands. Dabei haben wir drei offizielle Sprachen: Russisch, Ukrainisch und Moldauisch. Es gibt bei uns keine Nationalitätenkonflikte.

SPIEGEL ONLINE: Russland tritt offiziell für die territoriale Integrität Moldaus ein und schlägt vor, den Konflikt um Transnistrien auf dieser Grundlage zu lösen. Sind Sie damit einverstanden?

Smirnow: Wir erkennen die bestehenden Grenzen zwischen Transnistrien und Moldau an. Aber wir gehörten nie zur Republik Moldau. Pro-rumänische Nationalisten aus Moldau haben 1990 bis 1992 einen Krieg gegen uns geführt. Sie wollten unser Volk vernichten. Russland möchte einen Verhandlungsprozess, in dem Moldau und Transnistrien sich gleichberechtigt an einen Tisch setzen. Die Russen garantieren den 1992 ausgehandelten Waffenstillstand mit ihren Friedenstruppen hier.

SPIEGEL ONLINE: Moldau aber will, unterstützt vom Westen, den Abzug der russischen Soldaten. Warum wollen Sie die russische Militärpräsenz aufrecht erhalten?

Smirnow: Die russischen Friedenstruppen haben hier vor 17 Jahren einen Genozid, einen Völkermord, beendet und seither weiteres Blutvergießen verhindert. Deshalb will unser Volk sie hier behalten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Haltung hat Ihnen ein Einreiseverbot in die USA und in die Europäische Union eingebracht. Der amerikanische Geheimdienst CIA nennt Transnistrien ein "illegales separatistisches Regime". Warum liebt Amerika Sie nicht?

Smirnow: Wen lieben die eigentlich? Man kann sogar stolz darauf sein, dass so eine Großmacht vor Smirnow Angst hat. Die USA wollen die Präsenz Russlands hier beseitigen. Das aber darf nicht geschehen. 130.000 unserer 500.000 Bürger sind zugleich russische Staatsbürger. Die USA haben unter Bruch völkerrechtlicher Normen das Kosovo anerkannt und wollen uns das Recht auf Selbstbestimmung absprechen.

SPIEGEL ONLINE: Westliche Politiker und Diplomaten werfen Ihnen vor, sie seien nicht kompromissbereit.

Smirnow: Was haben die USA mit dem Leben in Transnistrien zu tun? Der russische Einfluss hier ist älter als die Vereinigten Staaten von Amerika. Die monopolare Welt aber, von der manche in den USA träumen, gibt es nicht und wird es in der von USA-Spekulanten ausgelösten Wirtschaftskrise noch weniger geben. Wir sind verhandlungsbreit, wir haben mehr als 80 Vereinbarungen mit Moldau unterzeichnet, die wir erfüllen, aber Moldau nicht.

SPIEGEL ONLINE: Moldau hat 2005 ein Gesetz über den Status von Transnistrien verabschiedet, das eine Autonomie Ihres Gebietes innerhalb Moldaus vorsieht. Was halten Sie davon ?

Smirnow: Was würden Sie davon halten, wenn Moldau ein Gesetz über Hamburg verabschieden würde? Wir leben nicht in Moldau. Man kann nicht ohne uns ein Gesetz für uns machen.

Separatisten-Republik Transnistrien: Unterstützung aus dem fernen Russland
Google Earth

Separatisten-Republik Transnistrien: Unterstützung aus dem fernen Russland

SPIEGEL ONLINE: Im Westen wird Transnistrien vorgeworfen, Schmuggel zu unterstützen oder sogar zu organisieren.

Smirnow: Die Europäische Union hat eine spezielle Kommission an unsere Grenze entsandt, die zu dem Ergebnis gekommen ist, dass sich ein von uns unterstützter oder organisierter Schmuggel nicht feststellen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich die Zukunft Transnistriens vor?

Smirnow: Die Antwort darauf hat unser Volk im September 2006 in einem Referendum gegeben, als sich 97 Prozent für die Unabhängigkeit aussprachen und für eine weitere gemeinsame Entwicklung Transnistriens zusammen mit Russland.

SPIEGEL ONLINE: Der Präsident Moldaus Wladimir Woronin schlägt Ihnen eine Entmilitarisierung Moldaus und Transnistriens vor. Sie aber haben kürzlich verkündet, Ihre Republik müsse ihre Verteidigungsfähigkeit stärken. Sehen Sie wirklich die Gefahr, dass Transnistrien ein Krieg von Moldau droht?

Smirnow: Wir sind für gutnachbarliche Beziehungen zu Moldau. Ich habe Herrn Woronin ein Gewaltverzichtsabkommen angeboten. Im bewaffneten Konflikt gab es 1990 bis 1992 etwa 800 Tote und mehrere tausend Verletzte. Wir wurden damals von Moldau angegriffen. Wir sind nicht bereit, uns entwaffnen zu lassen, damit man mit uns machen kann, was man will.

SPIEGEL ONLINE: Moldaus Präsident wirft Ihnen vor, in Transnistrien herrsche eine Atmosphäre der Diktatur "wie 1937 in der Sowjetunion". Was entgegen Sie?

Smirnow: Es ist interessant solche Vorwürfe von einem Kommunisten zu hören, der Oppositionelle mit Strafverfahren überzieht und die Geschäftswelt drangsaliert. Das konstatieren auch westliche Diplomaten und Menschenrechtsorganisationen. Wir haben zehn politische Parteien und 434 Nichtregierungsorganisationen. Glauben Sie nicht den Märchen, bei uns werde das Volk mit Gewalt unterjocht.



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