Fall Skripal Russland kündigt Vergeltung für Ausweisungen an

Nato- und EU-Partner haben Dutzende russische Diplomaten wegen des Giftangriffs auf den Ex-Spion Sergej Skripal ausgewiesen. Moskaus Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Außenministerium Russlands in Moskau
AFP

Außenministerium Russlands in Moskau


Russlands Außenministerium hat die konzertierte Ausweisung von Dutzenden Diplomaten durch EU- und Nato-Staaten wegen der Skripal-Affäre als Provokation und als "unfreundlich" kritisiert. Die Verbündeten Großbritanniens folgten "blind dem Grundsatz der euroatlantischen Einheit entgegen dem gesunden Menschenverstand".

Moskau kündigte eine baldige Antwort an. "Wir werden reagieren", hieß es aus dem Außenamt. Ein Sprecher des Kreml erklärte, Präsident Wladimir Putin werde über eine geeignete Antwort entscheiden.

Am Montagmittag hatten Deutschland, die USA, Frankreich und zahlreiche weitere EU- und Nato-Staaten sowie die Ukraine beinahe gleichzeitig zwischen einem und 60 russischen Diplomaten ausgewiesen. Die USA kündigten zudem die komplette Schließung des russischen Generalkonsulats in Seattle an.

Premierministerin Theresa May sagte, es handele sich bei den Sanktionen gegen den Kreml um die größte gemeinschaftliche Ausweisung russischer Diplomaten in der Geschichte. Insgesamt seien davon mehr als 100 Personen in mehr als 18 Ländern betroffen.

Ihr Land werde "Schulter an Schulter mit der EU und der Nato stehen", um russischen Drohungen die Stirn zu bieten, sagte May. Sollte es das Ziel gewesen sein, die westlichen Alliierten auseinander zu treiben, sei Russland "spektakulär gescheitert", so die Regierungschefin.

Russischer Botschafter: Diplomatische Beziehungen zerstört

Russlands Botschafter in der US-Hauptstadt Washington, Anatoli Antonow, nannte die Ausweisung von fünf Dutzend russischen Diplomaten aus den USA "unrechtmäßig". Sie zerstöre das bisschen diplomatischer Beziehungen, das zwischen den Ländern noch existiere.

Die Ausweisungen stehen in Zusammenhang mit dem Giftanschlag auf den im britischen Exil lebenden russischen Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter Julia. Die beiden ringen in einem britischen Krankenhaus um ihr Leben.

Die britischen Behörden sind überzeugt, dass sie mit einem hoch wirksamen Nervengift in Berührung gekommen waren, das aus Russland stamme. Bei keinem anderen Land habe gebe es die Kombination aus Fähigkeit, Absicht und Motiv für eine Tat wie in Salisbury, sagte May am Montag. Es gebe Beweise, dass Russland den Einsatz chemischer Kampfstoffen für Attentate erforschen ließ.

Das Gift gegen Skripal soll mit Wissen der russischen Staatsführung eingesetzt worden sein. Er und seine Tochter waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der britischen Kleinstadt Salisbury gefunden worden. Die Zahl der Menschen, die mit dem Gift in Kontakt gekommen sein könnten, bezifferten May auf mehr als 130.

Kritik an den weltweiten Ausweisungen russischer Diplomaten kam aber auch aus Deutschland, von der oppositionellen Linken sowie aus der SPD. "Die Bundesregierung sollte sich besser für eine gemeinsame Aufklärung des Verbrechens und rechtsstaatliche Verfahren einsetzen, als diesen verhängnisvollen Weg weiterzugehen", erklärte der Linken-Außenpolitiker Stefan Liebich. "Deeskalation tut not, nicht Eskalation." Die Ausweisung sei "ohne die Vorlage von Beweisen für eine Mittäterschaft" staatlicher russischer Organe erfolgt.

Auch SPD-Fraktionsvize Rolf Mützenich kritisierte die Entscheidung. Die Ausweisung sei "übereilt und wird den politischen Kriterien, die an den Giftanschlag Skripal angelegt werden sollten, nicht gerecht", sagte Mützenich der "Welt".

Großbritannien hatte in der Skripal-Affäre am Mittwoch 23 russische Diplomaten und ihre Familien des Landes verwiesen. Laut Premierministerin May soll es sich um Geheimdienstmitarbeiter gehandelt haben. Russland hatte daraufhin als Gegenmaßnahme 23 britische Diplomaten und deren Familien zur Ausreise gezwungen und den britischen Botschafter einbestellt.

An den Ausweisungen beteiligten sich bislang mehr als 20 Staaten, darunter die USA, Kanada, die Ukraine, Albanien, Norwegen und diverse EU-Mitgliedstaaten. Zu ihnen zählen neben Deutschland, Frankreich und Großbritannien auch Polen, Tschechien, Litauen, Spanien, die Niederlande, Dänemark, Italien, Ungarn, Schweden, Kroatien, Rumänien, Finnland, Estland und Lettland.

cht/Reuters



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heikonservation 26.03.2018
1. Wie war das nochmal?
Also ein ehemaliger Doppelagent und seine Tochter kommen in Kontakt mit einem Nervengift, welches nicht als Kampfmittel zugelassen ist und das seine Tochter wie auch immer aus Russland nach GB transportiert hat. In der ganzen Geschichte wird gar nicht hinterfragt, ob der ehemalige Agent und seine Tochter vielleicht Handel mit dem Stoff treiben wollten (Agenten übermitteln nämlich u.A. genau solche Stoffe, bzw. die Infos darüber), und die Sache vielleicht aus dem Ruder gelaufen ist. Statt dessen wird Putin pauschal von der Völkergemeinschaft geächtet und persönlich dafür verantwortlich gemacht, ohne dass es irgendwelche schlüssigen Beweise für eine Mitwisser- oder Täterschaft gibt.
zardoz77 26.03.2018
2. Ohja
Zitat von heikonservationAlso ein ehemaliger Doppelagent und seine Tochter kommen in Kontakt mit einem Nervengift, welches nicht als Kampfmittel zugelassen ist und das seine Tochter wie auch immer aus Russland nach GB transportiert hat. In der ganzen Geschichte wird gar nicht hinterfragt, ob der ehemalige Agent und seine Tochter vielleicht Handel mit dem Stoff treiben wollten (Agenten übermitteln nämlich u.A. genau solche Stoffe, bzw. die Infos darüber), und die Sache vielleicht aus dem Ruder gelaufen ist. Statt dessen wird Putin pauschal von der Völkergemeinschaft geächtet und persönlich dafür verantwortlich gemacht, ohne dass es irgendwelche schlüssigen Beweise für eine Mitwisser- oder Täterschaft gibt.
Ohja, völlig an den Haaren herbeigezogen, dass Putin damit was zu tun haben könnte. Vor allem da er 2010 seine "leicht kritische" Haltung zu Verrätern schon kundgetan hattte. Abgesehen davon war das sicher nicht der erste Fall eines krummen Mordes, der einen Putinkritiker getroffen hat. Man zählt inzwischen weit über 100 davon in den letzten Jahren.
muellerthomas 26.03.2018
3.
Zitat von heikonservationAlso ein ehemaliger Doppelagent und seine Tochter kommen in Kontakt mit einem Nervengift, welches nicht als Kampfmittel zugelassen ist und das seine Tochter wie auch immer aus Russland nach GB transportiert hat. In der ganzen Geschichte wird gar nicht hinterfragt, ob der ehemalige Agent und seine Tochter vielleicht Handel mit dem Stoff treiben wollten (Agenten übermitteln nämlich u.A. genau solche Stoffe, bzw. die Infos darüber), und die Sache vielleicht aus dem Ruder gelaufen ist. Statt dessen wird Putin pauschal von der Völkergemeinschaft geächtet und persönlich dafür verantwortlich gemacht, ohne dass es irgendwelche schlüssigen Beweise für eine Mitwisser- oder Täterschaft gibt.
Ne genau, Putin war es ja nie. Gehörten Sie auch zu denen, die hier im Februar 2014 vehement bestritten haben, dass die grünen Männchen auf der Krim russische Soldaten sind? Und Sie glauben sicher auch, dass wirklich russische Soldaten Kampfurlaub in der Ostukraine machen? MH17 war natürlich auch keine russische Buk, entgegen aller Beweise? Immer wird der Friedensengel Putin völlig zu Unrecht verdächtigt.
scharfekante 26.03.2018
4. Voreilig und dumm
Das Verhalten unserer Regierungen kann man nur als voreilig, dumm und gefährlich bezeichnen. Und das alles, nachdem den beiden orangefarbenen Angebern aus USA und GB ein IQ von unter 60 und die Reife von 11jährigen bescheinigt wurde. Inzwischen musste der Ober-Schreihals Boris Johnson einräumen, dass auch das von Salisbury nur etwa 10 km entfernte britische Chemiewaffen-Labor in Porton Down (natürlich zu Abwehrzwecken) ebenfalls die Chemikalie Novitschok (wie wird die überhaupt auf Russisch geschrieben?) besitzt und die Behauptung, das bei dem Unglück beteiligte Gift stamme nicht von dort sondern aus dem tausende KM entfernten Russland sich alleine daraus ableitet, dass der Leiter des britischen Labors Stein und Bein schwört, dass unter seiner Leitung dort die Kontrollen sehr streng sind .....
Rechtsanwalt Abogado 26.03.2018
5. Gefährdungshaftung
Das in Großbritannien freigesetzte Gift hat eine große Anzahl von Menschen ebenfalls vergiftet oder in hohem Maße gefährdet, Polizisten, Ärzte, medizinisches Personal etc. Kein verantwortlicher Politiker kann über diese Gefährdungslage des öffentlichen Lebens hinwegsehen. Aufgrund der Indizienlage ist Russland verpflichtet, aktiv an der Aufklärung mitzuwirken. Der sogenannte Strengbeweis, der für die Zuweisung einer individuellen Schuld notwendig wäre, wird aller Voraussicht nach sowieso nicht zu führen sein. Die Unschuldsvermutung besteht nur im Verhältnis zwischen einem Individuum und einem starken und mächtigen Justizsystem. Da soll das Individuum geschützt werden. Russland ist nicht dieses schwache Individuum, sondern ein starker Staat, der meint, sich mit Missachtung aller Mindestregeln im Zusammenleben der Völker betätigen zu dürfen.
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