Vergifteter Spion "Für Moskau war Skripal nicht besonders bedeutend"

Der Anschlag auf Sergej Skripal bleibt mysteriös: Der im Exil lebende Russe Waleri Morosow hat den Doppelagenten kürzlich getroffen. Er hält es für unwahrscheinlich, dass Russland hinter dem Attentat steckt.

Sergej Skripal
Yuri Senatorov/ Kommersant/ REUTERS

Sergej Skripal

Ein Interview von


Noch immer rätseln die britischen Ermittler, wer hinter dem Anschlag auf den Ex-Agenten Sergej Skripal und seine Tocher Yulia steckt. Eine entscheidende Frage ist dabei, welches Nervengift die Täter einsetzten. Denn das könnte Rückschlüsse auf die Angreifer geben. Die britische Regierung vermutet Russland hinter dem Attentat - einen klaren Beweis haben sie bislang nicht geliefert.

Der Zustand des früheren Doppelagenten ist auch Tage nach der Tat laut den Ärzten kritisch - ob er und seine Tochter überleben werden, ist völlig unklar. Beide seien bewusstlos, sagte Innenministerin Amber Rudd. Auch ein Polizist, der Skripal und seiner Tochter am Tatort helfen wollte, wird noch im Krankenhaus behandelt. Viele Fragen bleiben offen.

Einer, der Skripal kürzlich noch traf, ist Waleri Morosow. Der 63-jährige Russe lebt seit Dezember 2011 in London. Er verließ Russland, weil er um sein Leben fürchtete.

Waleri Morozow
privat

Waleri Morozow

Morosow besaß in Moskau lange eine gut gehende Baufirma, pflegte enge Kontakte in den Kreml und übernahm auch staatliche Aufträge - nach eigenen Angaben wurde er unter anderem für Renovierungsarbeiten am Staatlichen Kremlpalast engagiert. Verschiedene Medienberichte bestätigen seine Schilderungen.

Morosow sollte auch Bauaufträge in der Olympiastadt Sotschi übernehmen - allerdings wollten die Staatsdiener dafür erhebliche Schmiergelder kassieren. Das machte er publik und ging juristisch gegen die Personen vor. "Viele wurden deshalb gefeuert - die sind nicht gut auf mich zu sprechen", sagt Morosow. Irgendwann wurde die Situation für ihn zu gefährlich sagt er. "Mein Leben war bedroht." Er erhielt Asyl in Großbritannien.

Morosow schildert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE glaubhaft Details von seinem Treffen mit Skripal. Überprüfen lassen sie sich von unabhängiger Seite jedoch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie haben Sergej Skripal kürzlich getroffen. Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?

Morosow: Das war Ende 2017 in einem russischen Lebensmittelgeschäft nahe der U-Bahn-Station Waterloo. Wir kamen zufällig ins Gespräch und haben etwa eine halbe Stunde miteinander geredet. Das letzte Treffen lag schon Jahre zurück, das war irgendwann im Jahr 2000 bei einem Empfang von Wirtschaftsvertretern in Russland. Deshalb kamen wir uns bekannt vor, fanden schnell einen Draht zueinander.

SPIEGEL ONLINE: Wie eng war ihr Verhältnis?

Morosow: Seit der Begegnung im Jahr 2000 hatten wir keinen Kontakt - bis zum Treffen in dem Supermarkt. Ich wusste aber von dem damaligen Treffen, dass er im russischen Geheimdienst aktiv war.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkte er auf Sie?

Morosow: Ganz entspannt, von Angst keine Spur. Skripal war sehr offen, sprach von dem Verlust seines Sohnes und dass Zuhause nur Katzen auf ihn warteten.

SPIEGEL ONLINE: Skripal verheimlichte also nicht seine wahre Identität?

Morosow: Nein, er stellte sich mit seinem richtigen Namen vor, gab mir seine Telefonnummern und wollte sich danach noch mal treffen. Er erzählte von seiner früheren Arbeit, dass er immer noch einmal im Monat russische Freunde in der Botschaft treffe und nun im Bereich Cyber Security tätig sei. Er wollte mir sogar helfen.

SPIEGEL ONLINE: Bei was?

Morosow: Er sagte, er habe Freunde in der Botschaft und könne mir beim Aufbau von Kontakten helfen. Aber ich wollte das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Freunde in der russischen Botschaft - das klingt merkwürdig. Ein Doppel-Agent wird in Russland enttarnt, zu Lagerhaft verurteilt, kommt dann im Zuge eines Agententauschs nach Großbritannien. Warum sollte er noch weiter Kontakte nach Russland pflegen?

Morosow: Das mag überraschend klingen, aber es ist doch so: Für Moskau war Skripal nicht besonders bedeutend. Davon bin ich überzeugt. Das wird jetzt nur so dargestellt.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Morosow: Er hat nur 13 Jahre Arbeitslager als Strafe erhalten. Das hätte wesentlich schlimmer für ihn ausgehen können. Ich war im Militär und Diplomatischen Dienst tätig und bin mir daher auch sicher: Mit dem Austausch nach Großbritannien war der Fall für den russischen Geheimdienst erledigt. Skripal hatte seine Strafe erhalten und diese akzeptiert. Daher konnte er auch danach weiter Kontakte nach Russland pflegen, etwa in die Botschaft. Ich bin daher der Meinung, sie hatten keinen Grund, ihn nun zu vergiften. In Russland interessiert sich doch niemand mehr für Agenten wie ihn.

Tochter des Agenten: Yulia Skripal
AFP/ FACEBOOK ACCOUNT OF YULIA SKRIPAL

Tochter des Agenten: Yulia Skripal

SPIEGEL ONLINE: Wer war es dann?

Morosow: Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass der Kreml oder Wladimir Putin dahinterstecken. Die Täter profitieren von einer günstigen weltpolitischen Lage: Wenn etwas in Großbritannien in dieser Art geschieht, wird direkt Putin verantwortlich gemacht. In dieser Hinsicht ist Großbritannien der Himmel für Kriminelle aus Russland. Und von denen gibt es hier viele. Dafür spricht noch ein weiterer Faktor.

SPIEGEL ONLINE: Welcher?

Morosow: Die Ausführung der Tat. Nach allem, was ich aus persönlichen Erfahrungen und von Bekannten aus dem Geheimdienst weiß, sind Kinder bei solchen Anschlägen tabu. Das entspricht nicht der Vorgehensweise. Nun ist die Tochter aber mitvergiftet worden.

REUTERS


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