Fall Skripal Russische Herkunft von Nervengift im Labor nicht nachweisbar

Großbritannien beschuldigt den Kreml, hinter der Attacke auf den russischen Ex-Agenten Skripal zu stecken. Laut britischen Wissenschaftlern kann die russische Herkunft des Gifts bisher nicht belegt werden.

Porton Down
ANDY RAIN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Porton Down


Vor einem Sondertreffen internationaler Chemiewaffen-Ermittler haben die britischen Giftgasexperten eingeräumt, dass eine russische Herkunft des Nervengifts im Fall Skripal nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte. Die entsprechenden Informationen seien an die britische Regierung gegangen, die dann zusammen mit weiteren Hinweisen ihre Rückschlüsse gezogen habe, sagte der Chef des britischen Porton Down Labors, Gary Aitkenhead, am Dienstag dem Sender Sky News.

Aitkenhead sagte mit Blick auf das bei dem Anschlag verwendete Gift: "Wir konnten nachweisen, dass es sich um Nowitschok handelte, nachweisen, dass es sich um ein Nervengift militärischer Art handelte." Aber sein Labor habe "nicht die genaue Herkunft" aus Russland nachweisen können. Es sei allerdings auch nicht die Aufgabe seines Labors, nachzuweisen, wo ein solches Gift hergestellt worden sei.

Allerdings seien "extrem komplexe Methoden" zur Herstellung dieses Nervengifts vonnöten, über die "nur ein staatlicher Akteur" verfüge, fügte der Laborchef hinzu. Er wies zugleich den Vorwurf aus Moskau zurück, dass das Nervengift aus seinem britischen Labor stammen könnte. "Es ist absolut unmöglich, dass das von uns kommt oder unsere Mauern verlassen haben könnte."

Die Ergebnisse der Laboruntersuchungen seien "nur ein Teil" des Gesamtbildes im Fall Skripal, hob ein Sprecher der britischen Regierung hervor. Es umfasse auch die Kenntnis, "dass Russland im vergangenen Jahrzehnt nach Wegen gesucht hat, um Nervengift vermutlich für Morde zu liefern". Zu diesem Zweck seien auch kleine Mengen Nowitschok produziert und gelagert worden.

Schwere diplomatische Krise

Der frühere Doppelagent Skripal war am 4. März zusammen mit seiner Tochter Julia im südenglischen Salisbury bewusstlos auf einer Parkbank gefunden worden. Großbritannien geht davon aus, dass beide mit dem in der früheren Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok vergiftet wurden und verdächtigt daher Russland, an dem Vorfall beteiligt gewesen zu sein. Moskau bestreitet dies vehement.

Der Streit löste eine schwere internationale diplomatische Krise aus, in deren Verlauf Großbritannien, die USA und weitere westliche Staaten insgesamt rund 130 russische Diplomaten ausgewiesen hatten. Russland reagierte mit der Ausweisung von 60 US-Diplomaten und 59 Vertretern aus weiteren 23 Ländern; auch vier deutsche Diplomaten müssen Russland verlassen.

Die Nowitschok-Gifte wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Sowjetunion entwickelt. Die Giftgruppe besteht aus ungefähr hundert verschiedenen Stoffvarianten (mehr dazu lesen Sie hier).

mho/AFP/Reuters



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