Michail Chodorkowski über den Giftangriff "Finden Sie Putins Bande"

Der Ex-Oligarch und Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski sieht die Verantwortung für den Giftanschlag von Salisbury bei einer lichtscheuen Kreml-Clique. Ihr müsse der Westen das Handwerk legen.

Michail Chodorkowski
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Michail Chodorkowski

Von , London


Am Dienstagmittag sind in einer kleinen Straße im Westens Londons mehrere Limousinen und Busse mit Diplomatenkennzeichen vorgefahren. Dann öffneten sich die Türen der russischen Botschaft und heraus huschten ein paar Dutzend Menschen in Wintermänteln. Bevor sie in die Fahrzeuge stiegen, herzten sie Kollegen und Verwandte. Dann verschwanden sie. Richtung Moskau.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Die Heimreise der 23 russischen Diplomaten war vergangene Woche von der britischen Regierung angeordnet worden, als Reaktion auf den Giftanschlag gegen den ehemaligen Doppelspion Sergej Skripal und dessen Tochter Yulia. Weil London überzeugt davon ist, dass der Kreml hinter der Attacke steht, mussten nun die Botschaftsangehörigen gehen. Aber es gibt Menschen, die daran zweifeln, dass London dadurch sicherer geworden ist.

Abreise russischer Diplomaten
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Abreise russischer Diplomaten

Am Dienstagmorgen sitzt Michail Chodorkowski gut drei Kilometer entfernt von der russischen Botschaft an einem Tisch und zerknüllt zwei Stunden lang ein Taschentuch. Der Mann, der mal als reichster Russe galt, lebt nun in London. Für ihn ist der Rückweg versperrt.

Würde er versuchen, zurück nach Russland zu reisen, verschwände er womöglich für den Rest seines Lebens hinter Gittern. Seine Gegnerschaft zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin und seine politischen Ambitionen haben dem Ex-Chef des Ölkonzerns Yukos bereits zehn Jahre Gefängnis eingebracht.

Vergiftung mit Wissen und Billigung des russischen Machtapparats

Und so sitzt Chodorkowski stattdessen nun im Besprechungsraum seiner Stiftung Open Russia nahe dem Oxford Circus und versucht, ein paar Dinge zurechtzurücken.

Für den 54-Jährigen steht fest: Sergej Skripal sei mit Wissen und Billigung des russischen Machtapparats vergiftet worden. Er wisse nicht wie, und er wisse nicht, von wem, es gebe bislang auch keinen endgültigen Beweis. "Aber wenn Sie unter einem Haus vorbeilaufen, von dem Ziegelsteine fallen, müsste das Beweis genug sein, um einen Helm aufzusetzen, oder?" Jedem Russen sei klar, wie viele Gifte seit Stalins Zeiten entwickelt wurden und das nicht nur zum Zeitvertreib.

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Es sei jedoch wichtig, bei der Schuldzuweisung präzise zu sein, mahnt Chodorkowski. "Die russische Regierung ist sicher nicht involviert in diesen Fall." Die russische Regierung, das seien Beamte, die das übliche Beamtenzeug erledigten. Und diese dürfe man nicht verwechseln mit dem eigentlichen russischen Machtapparat - "Putins Zirkel". Das sei eine Clique von weniger als 100 Leuten, fast alle von ihnen fände man im "Kreml Report", in dem die US-Regierung Anfang des Jahres hohe russische Beamte und reiche Geschäftsleute auflistete.

Chodorkowski nennt namentlich Nikolai Patruschew, den Sekretär des russischen Sicherheitsrats, der nach einer unabhängigen britischen Untersuchung hinter dem Giftmord an Alexander Litwinenko im Jahr 2006 stehen soll; und Igor Sechin, Chef des russischen Erdölriesen Rosneft. Er gilt als enger Vertrauter Putins - und als der Mann, der Chodorkowskis Sturz betrieb. Sechin sei "der größte Manipulator" in dieser Clique, sagt dieser, sein Einfluss auf den wiedergewählten Präsidenten sei nicht zu unterschätzen. "Wir haben es hier mit einer Bande organisierter Krimineller zu tun, die vom Staat geschützt werden", sagt Chodorkowski.

"Nutzen Sie die Instrumente"

Diesen Zirkel, nicht Russland als Ganzes, sollte der Westen endlich ins Visier nehmen. Viele Instrumente stünden dazu zur Verfügung: Vermögen einfrieren, die Reisefreiheit beschränken, Investitionen unterbinden. Chodorkowskis Rat an die britische Regierung lautet daher: "Finden Sie heraus, wer die Mitglieder von Putins Zirkel sind, und nutzen Sie die Instrumente."

Als Chodorkowski am Ende gefragt wird, ob er Angst habe, selbst Ziel eines Mordanschlags zu werden, winkt er ab. Zweimal sei sein Stellvertreter bei Open Russia bereits vergiftet worden. Und nachdem der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow 2015 in Moskau ermordet worden war, sei er "aus halboffiziellen Quellen" informiert worden, dass auch sein Name auf einer Liste stünde. So wie auch der von Xenija Sobtschak, einer schillernden Oppositionspolitikerin, die bei der Präsidentschaftswahl abgeschlagen bei nicht mal zwei Prozent landete.

Chodorkowski hat gelernt, mit der Gefahr zu leben. Es bleibt ihm auch wenig anderes übrig. "Sollte jemals der Befehl von oben kommen, wird es dagegen keinen Schutz geben."

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