Anschlag mit Nervengift Internationale Chemiewaffenexperten untersuchen Skripal-Fall

Die Briten geben Russland die Schuld am Giftanschlag auf den Ex-Spion Sergej Skripal. Wladimir Putin weist die Vorwürfe zurück. Nun sollen Experten der OPCW für mehr Klarheit sorgen.

Britische Ermittler am Fundort Skripals in Salisbury
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Britische Ermittler am Fundort Skripals in Salisbury


Im russisch-britischen Streit über die Herkunft des Nervengifts, das für einen Mordanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal verwendet wurde, schalten sich internationale Experten ein.

Vertreter der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag werden am Montag in Großbritannien erwartet. Bereits in der vergangenen Woche hatte der britische Außenminister Boris Johnson erklärt, man werde mit der OPCW zusammenarbeiten. Die Analyse in internationalen Labors der Organisation soll mindestens zwei Wochen dauern.

Parallel dazu debattierten die EU-Mitgliedstaaten über weitere Strafmaßnahmen gegen Russland. In Brüssel befassen sich auch die EU-Außenminister mit dem Fall. Sie verurteilten den Anschlag und bekundeten ihre "uneingeschränkte Solidarität" mit der britischen Regierung.

Die EU nehme zudem die britische Einschätzung "äußerst ernst, dass es höchst wahrscheinlich ist, dass die Russische Föderation verantwortlich ist", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der Minister. Der "rücksichtslose und illegale" Angriff habe das Leben vieler Bürger bedroht. Die EU sei "schockiert" über den "ersten offensiven Einsatz" eines militärischem Nervengifts "auf europäischem Boden seit mehr als 70 Jahren".

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sagte bei dem Treffen, in dem Fall gebe es bislang keine plausible Erklärung außer einer Verwicklung Russlands. Sollte Großbritannien als Reaktion auf den Fall Skripal Sanktionen fordern, würden diese in der EU diskutiert, so Maas. Neben Deutschland gehen auch die Regierungen Frankreichs und der USA im Fall Skripal von einem Anschlag des russischen Staates aus.

Skripal und seine Tochter Yulia befinden sich auch zwei Wochen nach dem Giftanschlag in einem kritischen Zustand. Sie waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im englischen Salisbury gefunden worden.

Putin: "Russland hat dieses Mittel nicht"

London beschuldigte schon kurz danach den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Drahtzieher. Der Streit entwickelte sich zu einer schweren diplomatischen Krise zwischen beiden Ländern. So ordneten sowohl Großbritannien als auch Russland unter anderem die Ausweisung von 23 Diplomaten des jeweils anderen Landes an.

Unmittelbar nach seiner Wiederwahl bekräftige Putin, sein Land habe nichts mit dem Anschlag zu tun. "Russland hat dieses Mittel nicht, wir haben alle unsere chemischen Waffen unter Kontrolle internationaler Beobachter vernichtet", sagte Putin bei seiner Siegesrede.

Reaktionen auf den Fall Skripal: "Des versuchten Mordes schuldig"

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London aber betont, es habe Beweise für die Produktion und Lagerung des verbotenen Nervengifts Nowitschok in den vergangenen zehn Jahren in Russland. Die Reaktionen Moskaus auf den Fall sprächen für sich, sagte Außenminister Johnson dem britischen Sender BBC. Am Freitag hatte Johnson Putin persönlich für den Anschlag verantwortlich gemacht. Die Entscheidung sei "höchstwahrscheinlich" von Putin selbst getroffen worden, sagte er.

Nach Angaben von Scotland Yard könnten die Untersuchungen im Fall Skripal noch Monate dauern. Etwa 250 Spezialisten der Anti-Terror-Polizei seien mit dem Fall beschäftigt.

Skripal soll den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 über russische Agenten in Europa informiert haben. 2004 flog der ehemalige Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU auf und wurde festgenommen. Er wurde zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Großbritannien.

cht/Reuters/dpa

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