Attentat auf Ex-Spion Skripal Auch der US-Außenminister beschuldigt Russland

Rex Tillerson schließt sich der Einschätzung Großbritanniens an: Russland sei "wahrscheinlich" verantwortlich für das Giftattentat auf Ex-Spion Sergej Skripal. Der US-Außenminister droht den Verantwortlichen mit Konsequenzen.

Rex Tillerson
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US-Außenminister Rex Tillerson hat sich der Schlussfolgerung der britischen Regierung angeschlossen, wonach Russland für den Giftanschlag auf einen russischen Ex-Doppelagenten in Großbritannien verantwortlich ist. "Wir haben volles Vertrauen in die Untersuchungen des Vereinigten Königreiches und seine Bewertung", wird er in einer Mitteilung seines Ministeriums zitiert. "Wir stimmen überein, dass die Verantwortlichen - die das Verbrechen begangen und die es angeordnet haben - angemessene, ernste Konsequenzen zu erwarten haben."

Kurz zuvor hatte das Weiße Haus es noch abgelehnt, sich dieser Lesart anzuschließen. Die Sprecherin des US-Präsidenten sagte am Montag auch auf mehrfache Nachfragen lediglich, die USA stünden an der Seite ihres Alliierten und verurteilten den Anschlag.

Der 66-jährige Sergej Skripal und seine 33-jährige Tochter Yulia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie wurden der Polizei zufolge Opfer eines Attentats mit Nervengift und befinden sich weiterhin in einem kritischen Zustand. Insgesamt mussten 21 Menschen im Krankenhaus behandelt werden.

May stellt Russland Ultimatum

Die britische Premierministerin Theresa May hatte am Montag erklärt, "höchstwahrscheinlich" sei Russland verantwortlich für den Anschlag. Sie berief sich auf eine Analyse des verwendeten Gifts. Bei dem verwendeten Nervengas habe es sich um einen militärischen Kampfstoff eines Typs gehandelt, der in Russland produziert werde, sagte May. Offizielle Stellen in Russland hätten den Anschlag entweder direkt in Auftrag gegeben oder ihn zumindest ermöglicht. May stellte Russland ein Ultimatum bis Dienstagabend. Bis dahin müsse sich Moskau zu dem Fall erklären, sonst werde es Sanktionen geben.

Vide o: Vergifteter Ex-Spion - May beschuldigt Russland

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Moskau wies die Vorwürfe zurück. "Das ist eine Zirkusvorstellung im britischen Parlament", sagte eine Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, der Agentur Tass. "Es ist eine weitere politische Kampagne, die auf Provokationen gründet." Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, Skripal habe für den britischen Geheimdienst gearbeitet und die Tat sei auf britischem Boden passiert. Somit sei dies keine Sache für die russische Regierung.

"Eine unverantwortliche Kraft der Instabilität in der Welt"

Tillerson erklärte, es könne für eine solche Attacke, die versuchte Ermordung eines Privatbürgers auf dem Boden einer souveränen Nation, keinerlei Rechtfertigung geben. "Wir sind schockiert, dass Russland sich erneut in derlei Verhalten engagiert zu haben scheint", fügte er hinzu. "Russland bleibt von der Ukraine über Syrien und nun Großbritannien eine unverantwortliche Kraft der Instabilität in der Welt, die mit offener Verachtung der Souveränität anderer Staaten und dem Leben derer Bürger agiert."

Skripal, ein Oberst des russischen Militärgeheimdiensts, war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Großbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Im Zuge eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Großbritannien.

BBC-Doku über moderne Spione

Die Nato bezeichnete den Einsatz von Nervenkampfstoff als "abscheulich" und "völlig inakzeptabel". Großbritannien sei ein hoch geschätzter Verbündeter und "dieser Zwischenfall" sei Anlass für "große Besorgnis", sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg. Die Nato stehe in der Angelegenheit mit den britischen Behörden in Kontakt.

aar/AFP/dpa

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OskarMaria 13.03.2018
1. Taktik plausible deniability
Ich verstehe diese Aktion als deutliche Warnung an alle potentiell Abtrünnigen in den geheimen Diensten Russlands. Wer sich gegen uns stellt, wer uns verrät, hat mit letalen Konsequenzen zu rechnen. Nicht sofort, aber irgendwann wird es dich treffen. Und vielleicht ist es auch ein Hinweis darauf, dass es unter den russischen Silowiki kritische Stimmen zur Politik des Kreml gibt, die wieder zur Raison gebracht werden müssen. Russland hat mit der Verwendung jenes Nervengifts eine deutliches Zeichen auf seine Urheberschaft hinterlassen. Trotzdem wird das offizielle Moskau wie üblich jede Verantwortung dementieren. Genau so wie die Verantwortung für den Krieg im Donbass, der Abschuss des Passagierflugs MH17 oder die Beteiligung am Bodenkrieg in Syrien abgestritten wird.
Teile1977 13.03.2018
2. Attake
Oh nein, jetzt kommt wieder halb St. Petersburg um all das mit den verschrobensten Verschwörungstheorien abzustreiten, Qui Bono oder so ähnlich? Hat man ja beim Flugzeugabschuss über der Ukraine schön sehen können, inkl Beweise im russischem Fernsehen.
ackermart 13.03.2018
3. Der Russe hat eben noch immer nicht kapiert...
, dass nur die Guten die "Lizenz zum Töten" haben. Was die aber natürlich nie wirklich taten, als denn - wenn - nur virtuell zur Unterhaltung ihres Volkes. Nun wird man aber ja wohl noch sagen dürfen, dass der "kalte" Krieg doch lange schon beendet sei, in dem so was noch "sowas" von legitim war im Jenseits der Legalität. So? Was hat sich denn geändert an der alten Bereitschaft, jederzeit einen Kalten zum so heißen Thema zu machen, dass sich alle wieder wie früher verhalten? Indem sie dafür zumindest einen Wirtschaftskrieg gut heißen, in dem sich aber doch der alte Kalte im Unterschied zum Heißen ja auch „nur“ verstand.
bumbewasserzong 13.03.2018
4. Ich vertraue voll und ganz...
...den hiesigen Qualitätsmedien, dass das komplette russische Statement zu den Anschuldigungen aus Großbritannien auch hierzulande (und nicht nur in Russland oder auf Fakemedien wir Sputnik oder RT) transparent publiziert wird, sodass sich ein jeder seine Meinung selbst bilden kann. Der Leser sollte sehr genau schauen, ob Russland argumentativ auf dem Niveau „Zirkusnummer“ beharrt oder etwas nachlegt, das geeignet ist, die Anschuldigungen zu entkräften. Eines voweg: der Fall spielt sich im Geheimdienstmilieu ab. Ob die Leserschaft hierzu in nächster Zeit mit nichts als der reinen Wahrheit überschüttet werden wird, sollte vom gesunden Menschenverstand alleine deshalb schon extrem kritisch betrachtet werden. Journalistische Aufklärungsleistung in einer Geheimdienstangelegenheit? Viel Spaß!
YourSoul Yoga 13.03.2018
5. Show Effekt
Also man kann davon ausgehen, dass es in Russland Fachleute gibt, die so etwas bewerkstelligen können, ohne dass die Öffentlichkeit davon Kenntnis nimmt. Das hier ist doch eher wie in einem schlechten Agentenfilm aufgezogen, öffentlichkeitswirksam und vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Da darf man dann schon fragen, wer von einem Zerwürfnis von Großbritanniens mit Russland profitiert.
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