Fall Skripal Russland wirft Großbritannien Versäumnisse vor

Nach der Vergiftung des Ex-Spions Skripal und seiner Tochter Julia hat Moskau über eine Mitschuld Londons spekuliert. Großbritannien solle außerdem seine "Russophobie" ablegen.

OPCW-Experten sichern Spuren
REUTERS

OPCW-Experten sichern Spuren


Das russische Außenministerium hat eine Mitschuld Großbritanniens an dem Giftanschlag auf die Tochter des früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal nahegelegt. Der Angriff auf Julia Skripal sei ein Terroranschlag, für den es nur zwei logische Erklärungen gebe, sagte der Chef der Abteilung Rüstungskontrolle im Außenministerium, Wladimir Jermakow.

Entweder seien die britischen Behörden nicht in der Lage, Schutz vor solchen Anschlägen zu gewähren, sagte Jermakow. Oder sie hätten - direkt oder indirekt - selbst den Anschlag auf eine russische Staatsbürgerin inszeniert. Er wolle aber niemanden beschuldigen. Ob sich Jermakow auch auf Vater Sergej Skripal bezog oder ob er nur dessen Tochter Julia meinte, ist offen.

Auch ein russischer Kampfstoff kam laut Jermakow nicht zum Einsatz. "Jeder respektierte Experte wird Ihnen sagen, dass die Anwendung von Kampfstoffen unvermeidlich zu zahlreichen Opfern am Einsatzort führt", sagte er. Bei dem Fall in Großbritannien sei dies aber nicht eingetreten. "Legen Sie ihre Russophobie ein bisschen ab", warf er Großbritannien vor.

Die britische Regierung macht Russland für den Giftanschlag auf Skripal und dessen Tochter Julia verantwortlich. Beide waren Anfang März in dem Städtchen Salisbury bewusstlos aufgefunden worden, ihr Zustand gilt als kritisch. Bei dem Anschlag wurde nach britischen Angaben ein Mittel aus der Gruppe der Nowitschok-Nervengifte eingesetzt, die das sowjetische Militär in den Siebziger- und Achtzigerjahren entwickelt hatte. London und Moskau haben in dem Streit gegenseitig Diplomaten ausgewiesen.

Boris Johnson: WM in Russland wie Olympia 1936

Der Zeitpunkt des Anschlags auf Skripal könnte dem britischen Außenminister Boris Johnson zufolge auch in Verbindung zur russischen Präsidentschaftswahl am Wochenende stehen, aus der Wladimir Putin erneut als Sieger hervorging. "Das Timing ist wahrscheinlich enger in Verbindung mit der aktuellen Wahl in Russland zu sehen", sagte er. "Für viele undemokratische Figuren kann es interessant sein, in der Öffentlichkeit einen Feind zu beschwören, wenn etwa Wahlen oder andere kritische Ereignisse anstehen."

Johnson zog in der Debatte während einer Sitzung des Auswärtigen Ausschusses auch Vergleiche zwischen Putin und Adolf Hitler. Er schloss sich der Einschätzung eines Labour-Abgeordneten an, Putin werde die Fußball-WM im Sommer in Russland instrumentalisieren, "wie Hitler die Olympischen Spiele 1936". "Ich glaube, Ihre Charakterisierung dessen, was sich in Moskau abspielen wird, die Fußballweltmeisterschaft, in allen Bereichen, ja, ich glaube der Vergleich mit 1936 ist sicherlich richtig", sagte Johnson. Es sei eine "Brechreiz erregende" Aussicht, dass Putin das Event auskoste.

Boris Johnson
AFP

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Russland bestreitet jegliche Beteiligung an dem Fall und übermittelte zu der Vergiftung einen eigenen Fragenkatalog an die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW). Das sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow bei einem Besuch in Tokio. "Wir werden durchsetzen, dass alle unsere Fragen beantwortet werden." OPCW-Experten sind in Großbritannien, um Proben zu sichern. Die Analyse wird der Uno-Organisation zufolge zwei bis drei Wochen dauern.

Russland fürchtet indes, London könnte Spuren vernichten. Jermakow verlangte Einsicht in die Proben vom Tatort - zudem wolle Russland in die Ermittlungen eingebunden werden. Er sagte, mit der Zeit könnte das chemische Material verschwinden, sodass ein Beweis nicht mehr möglich sei.

In Moskau hatte das Außenministerium alle akkreditierten Botschafter eingeladen, um die russische Sicht darzustellen. Die Botschafter aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und China ließen aber mitteilen, sie würden nicht teilnehmen und nur Vertreter entsenden. Die britische Botschaft in Moskau teilte mit: "Statt Antworten zu geben, verbreitet Russland weiterhin Lügen und Desinformation."

apr/Reuters/dpa/AFP

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