Von der Leyen zum Fall Skripal "Schaurige Chemiewaffen auf europäischem Grund und Boden"

Deutliche Worte der Verteidigungsministerin: Ursula von der Leyen nennt den Anschlag auf Sergej Skripal "einen Bruch aller internationalen Abkommen" - und fordert eine Untersuchung durch die Uno.

Britische Soldaten in Schutzkleidung am Tatort in Salisbury
AP

Britische Soldaten in Schutzkleidung am Tatort in Salisbury


Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat die Vergiftung des früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien als "schweren Schlag gegen die internationale Sicherheit" bezeichnet. "Es ist das allererste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass so schaurige Chemiewaffen eingesetzt worden sind auf europäischem Grund und Boden", sagte sie im ZDF-"Morgenmagazin". Man dürfe nun nicht "zur Tagesordnung übergehen".

"Wir haben ja in Syrien schon das Grauen gesehen, das dort angerichtet wird. Aber hier ist zum ersten Mal ein schwerer Anschlag in Europa geschehen", fügte von der Leyen hinzu. Die Bundesregierung nehme den Vorfall "sehr, sehr ernst". Es handle sich um einen "schweren Bruch aller internationalen Abkommen".

Ursula von der Leyen
Getty Images/ Ulrich Baumgarten

Ursula von der Leyen

Der 66-jährige frühere Doppelagent Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London bewusstlos auf einer Parkbank aufgefunden worden. Sie wurden mit lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus eingeliefert. London geht davon aus, dass bei dem Mordanschlag ein Gift der sogenannten Nowitschok-Gruppe zum Einsatz kam, das während des Kalten Krieges in der Sowjetunion entwickelt wurde.

Am Mittwoch hatte sich der Uno-Sicherheitsrat mit dem Fall befasst. Zuvor hatte die britische Premierministerin Theresa May Sanktionen gegen Moskau verkündet, darunter die Ausweisung von 23 russischen Diplomaten.

Von der Leyen forderte die Aufklärung des Vorfalls durch unabhängige Chemiewaffenexperten der Vereinten Nationen. Im Anschluss daran müsse über Konsequenzen gesprochen werden. "Von Russland erwarte ich, dass es seinen Teil zur Aufklärung beiträgt", sagte die Verteidigungsministerin. Aber die Aufklärung gehöre nicht allein in russische Hände.

Russland habe "bereits einmal in Großbritannien einen Menschen getötet", sagte von der Leyen und verwies auf den 2006 getöteten russischen Oppositionellen Alexander Litwinenko. Auch als Verbündeter des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, der in Syrien Giftgas einsetze, sei es für Russland entscheidend, zur Aufklärung beizutragen. Von der Leyen kündigte an, am Donnerstagnachmittag mit ihrem britischen Kollegen Gavin Williamson über den Vorfall zu sprechen.

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Giftattacke auf Sergej Skripal: Das Drama von Salisbury

Präsidentschaftskandidatin fordert Sanktionen

Die russische Präsidentschaftskandidatin Xenia Sobtschak hat sich für Sanktionen gegen die Eliten in ihrem Land ausgesprochen. "Sollte Moskau hinter dem Nervengift-Anschlag stecken, sind neue Sanktionen des Westens unausweichlich", sagte Sobtschak der "Bild"-Zeitung.

Demnach sprach sie sich aber für Strafmaßnahmen aus, die sich gezielt gegen Freunde von Staatschef Wladimir Putin und korrupte Eliten richten. Auch Konzerne wie die Energieriesen Rosneft oder Gazprom müssten ins Visier genommen werden. "Die Sanktionen, die nur wieder das einfache russische Volk treffen, darf es nicht geben. Diese müssten im Gegenzug zur Verschärfung des Vorgehens gegen die Putin-Eliten gelockert werden", forderte Sobtschak.

Sobtschak ist die einzige Frau bei der Wahl an diesem Sonntag. Sie gilt als chancenlos, Umfragen zufolge ist Putins Sieg sicher.

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REUTERS

cte/AFP

insgesamt 56 Beiträge
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Emderfriese 15.03.2018
1. Nicht schlecht
"...Von der Leyen forderte die Aufklärung des Vorfalls durch unabhängige Chemiewaffenexperten der Vereinten Nationen. Im Anschluss daran müsse über Konsequenzen gesprochen werden. 'Von Russland erwarte ich, dass es seinen Teil zur Aufklärung beiträgt', sagte die Verteidigungsministerin. Aber die Aufklärung gehöre nicht allein in russische Hände. ..." Durchaus kluge Sätze von Frau von der Leyen. Unabhängige (!) Chemiewaffenexperten sollten tatsächlich die Vorgänge untersuchen und ihre Ergebnisse dann vorstellen. Man könnte ihren Zusatz noch ergänzen: "... aber die Aufklärung gehört nicht allein in britische Hände..." Die Frage, die sich nunmehr stellt, ist schlicht die nach der Umsetzung ihrer Forderung. Warum handeln die Briten nicht entsprechend? Kommt da vielleicht Kritik von Frau vdL?
acitapple 15.03.2018
2.
Wen sähen Sie denn als "unabhängig" an ? Und würden Sie deren Erkenntnisse anerkennen oder am Ende doch als kapitalistisch-imperialistische beeinflusste Propaganda abstempeln ? Und die Briten "müssen" erst mal gar nichts. Auf deren Grund und Boden wurden von außen Chemiewaffen eingesetzt und sie haben das Recht nach eigenem Ermessen aufzuklären.
derhey 15.03.2018
3. Von Rußland erwarte ich
NICHTS außer VETO, VETO! Wird ausgehen wie das Hornberger Schießen und das war´s dann. Die Welt hat sich weitergedreht und Putin juckt es nicht. Warum auch? Der grinst sich nur eins über die Aufregung und macht weiter wie bisher und die Anderen auch.
Emderfriese 15.03.2018
4. Experten
Die "Unabhängigkeit" könnte sich erweisen durch die Vorlage aller Untersuchungsergebnisse. Ich denke schon, dass es möglich ist, relativ unparteiische Experten zu finden. Gegen diesen Vorschlag würden sicher auch die Russen nichts haben...
Fuinlhach 15.03.2018
5. Oha
Das sind durchaus vernünftige Worte von Frau von der Leyn. Aber ob sich die Briten darauf einlassen würden? Die wollen ja aktuell nichtmal eine Probe des Giftes an Russland geben, damit der Russe zumindest auch offiziell weiß, was da für Zeug genutzt wurde. Weiß eigentlich wer, wie das Zeug nun genau appliziert wurde? Da kursieren ja auch wilde Gerüchte. Gibt es da was offizielles?
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