Russland und der Skripal-Giftanschlag Der zweite Agent

Der Anschlag auf den Ex-Agenten Skripal wird für den Kreml immer mehr zur Belastung: Erst wollen Journalisten den einen Verdächtigen als hochdekorierten Geheimdienst-Offizier enttarnt haben - jetzt den zweiten als Armeearzt.

DPA/ AP/ Metropolitan Police

Von , Moskau


Ginge es nach Wladimir Putin, wäre "die Sache" schon längst erledigt. "Die Sache" - das ist der Giftanschlag auf den ehemaligen britisch-russischen Doppelagenten Sergej Skripal in Salisbury. Viel zu viel Aufmerksamkeit werde dem Vorfall geschenkt, ließ der russische Präsident durchblicken. Dabei sei Skripal doch nur ein "Verräter" und "ein Dreckskerl". Also aus Sicht Putins einer, der eine Bestrafung verdient hat - schließlich hat der einstige russische Agent sein Vaterland verraten.

Man kann dies als neuen Versuch des Kreml werten, im Skripal-Fall wieder Deutungshoheit zu gewinnen. Der russischen Führung mit den staatlich gesteuerten Medien an der Seite fällt es zunehmend schwer, von der Verantwortung für die Giftattacke abzulenken.

Es wird ihnen nun noch schwerer fallen: Die Journalisten des investigativen Netzwerks "Bellingcat" und des russischen Rechercheblogs "The Insider" berichteten am Montagabend, auch die Identität des zweiten Skripal-Verdächtigen enthüllt zu haben: Demnach ist "Alexander Petrow" nicht "Alexander Petrow", wie er sich in seinem Pass nennt, mit dem er Anfang März nach Großbritannien reiste, sondern Alexander Mischkin. Dazu trägt der 39-Jährige den Recherchen zufolge einen Doktor-Titel: Er soll Militärarzt beim militärischen Geheimdienst GRU sein.

Was ist noch bekannt über den zweiten Mann, den die Briten verdächtigen, am Anschlag auf Skripal am 4. März beteiligt gewesen zu sein? Was ist der Militärgeheimdienst GRU? Und was bedeuten die Enthüllungen für den Kreml? Eine Bestandsaufnahme:

1. Wer ist "Alexander Petrow" wirklich?

"Alexander Petrow" (l.) und "Ruslan Boschirow"
Getty Images/ Metropolitan Police

"Alexander Petrow" (l.) und "Ruslan Boschirow"

Laut der Veröffentlichung von "Bellingcat" und "The Insider" handelt es sich bei "Petrow" um den Militärarzt Dr. Alexander Jewgenjewitsch Mischkin. Geboren wurde er demnach am 13. Juli 1979 in Lojga, einem kleinen Dorf im Norden Russlands in der Region Archangelsk. Den Ort mit etwa 900 Einwohnern erreicht man nur mit der Bahn. Sein Inlandspass, der dem deutschen Personalausweis entspricht, wurde den Recherchen zufolge 2001 in Sankt Petersburg ausgestellt.

Mischkin hat demnach eine medizinische Elite-Militärakademie abgeschlossen. Den genauen Namen nannte "Bellingcat" bisher nicht, am Dienstagmittag will das Netzwerk einen ausführlichen Bericht veröffentlichen. Es ist davon auszugehen, dass Mischkin während seiner Ausbildung auch den Umgang mit Kampfstoffen erlernte.

Im Herbst 2014 war er einige Wochen unter der Moskauer Adresse Khoroshevskoe Chaussee 76B gemeldet, so heißt es auf der Seite von "Bellingcat". Dort befindet sich das Hauptquartier des Militärgeheimdienstes GRU. Von 2011 bis 2018 reiste Mischkin den Angaben zufolge unter seinem Aliasnamen "Petrow": Er soll nicht nur mehrmals nach London, Amsterdam, Paris und Genf geflogen sein, sondern auch ins prorussische Transnistrien gereist sein, das sich von der Republik Moldau abgespalten hat. Zudem war er laut "Bellingcat" mehrmals in der Ukraine, auch in Kiew während des Maidans im Dezember 2013. Die Frage ist, was er dort gemacht hat.

2. Was ist über den zweiten Mann bekannt?

Gedenktafel mit dem Namen von Anatolij Tschepiga in Blagoweschtschensk
REUTERS

Gedenktafel mit dem Namen von Anatolij Tschepiga in Blagoweschtschensk

"Ruslan Boschirow", wie sich der zweite Russe gegenüber den Briten auswies, haben "Bellingcat" und "The Insider" eigenen Angaben zufolge als Anatolij Tschepiga identifiziert. Der 39-Jährige soll ebenfalls in einem kleinen Dorf aufgewachsen sein, im Osten Russlands an der Grenze zu China. Er ist laut den Recherchen nicht nur ein einfacher Agent des GRU, sondern ein hoher Offizier - er soll sogar den Ehrentitel "Held Russlands" tragen. In der Regel verleiht Putin den höchsten Orden des Landes selbst. Tschepiga soll ihn Ende 2014 für seinen Einsatz im Krieg in der Ukraine bekommen haben. Ein Journalist, gut vernetzt in Geheimdienstkreisen, schreibt, dass der Agent an der Operation beteiligt gewesen sein soll, mit welcher der ehemalige ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch in Sicherheit gebracht wurde.

Tschepigas Foto, das dem Mann, der im Interview mit dem staatlichen TV-Sender RT als "Boschirow" auftrat, sehr ähnlich sieht, hängt an einer Gedenkwand für die "Helden Russlands" in der Höheren Militärschule in Blagoweschtschensk im fernen Osten Russlands. In Blagoweschtschensk ist Tschepiga den Informationen der Rechercheure zufolge ausgebildet worden. Fotos von der Wand der Geehrten finden sich im Internet, auch auf der Seite der Militärschule.

3. Wie sind "Bellingcat" und "The Insider" vorgegangen?

Nachdem die russischen Männer versuchten, sich im RT-Interview als harmloses homosexuelles Touristenpaar darzustellen (hier lesen Sie mehr dazu), fingen die Rechercheure in offen zugänglichen Quellen an, Informationen über die beiden zu suchen. Zudem nutzten sie Kontakte in den Geheimdiensten und Datenbanken.

Bereits einen Tag nach dem Interview konnten die Rechercheure der beiden Portale Passdaten von "Boschirow" und "Petrow" präsentieren: Die Formulare für ihre Inlandspässe sind demzufolge nahezu leer. Stattdessen finde sich dort der Hinweis "streng geheim" und eine Telefonnummer, unter der sich das Verteidigungsministerium melde, dem der Militärgeheimdienst GRU untersteht.

Zuvor hatten andere Medien gemeldet, dass die Nummern von "Boschirows" und "Petrows" Auslandspässen jener sehr ähnlich seien, die einem bekannten Agenten einer dem GRU zugeschriebenen Operation in Montenegro gehört. "Bellingcat" und "The Insider" veröffentlichten seitdem ihre einzelnen Rechercheschritte - auch weil sie so russischen Vorwürfen entgegentreten wollen, sie seien im Auftrag westlicher Geheimdienste tätig.

4. Was sagt Großbritannien?

Theresa May
AFP

Theresa May

Die britischen Behörden haben sich öffentlich nicht zu den Recherchen geäußert. Sie hatten Anfang September, als sie Haftbefehle gegen die zwei Russen "Ruslan Boschirow" und "Alexander Petrow" erließen, deutlich gemacht, dass sie davon ausgehen, dass es sich dabei um Aliasnamen handelt. Die Polizei veröffentlichte damals Bilder von Überwachungskameras, die detailliert die Wege der zwei Männer ab dem 2. März 2018 in Großbritannien dokumentieren. Premierministerin Theresa May bezeichnete die beiden als Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU, die höchstwahrscheinlich im Auftrag der russischen Regierung gehandelt hätten.

5. Was ist der GRU?

GRU-Gebäude in Moskau
DPA

GRU-Gebäude in Moskau

GRU ist bis heute der Name, der für den Auslandsaufklärungsdienst der russischen Armee üblicherweise verwendet wird, obwohl er seit 2010 eigentlich offiziell nur noch GU heißt. Er steht in Konkurrenz zum Auslandsgeheimdienst SWR, der aber im Vergleich zu den Militärgeheimdienstlern eher im Hintergrund wirkt.

Der GRU machte in den vergangenen Jahren durch einige aufsehenerregende Aktionen auf sich aufmerksam: GRU-Sondereinheiten besetzten 2014 die Krim, Agenten des Dienstes mischten sich in den Präsidentschaftswahlkampf in den USA 2016/2017 ein und versuchten in diesem Jahr einen Hackerangriff auf den Sitz der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag.

6. Was bedeutet das für Putin?

Wladimir Putin
AFP

Wladimir Putin

Spätestens seit dem 12. September ist Wladimir Putin persönlich in den Skripal-Fall involviert. Damals behauptete er, die beiden von Großbritannien Verdächtigten seien einfache Zivilisten. Doch das Interview der beiden Männer bei RT wirkte grotesk, ihre Darstellung alles andere als stimmig. Da half es auch nicht, dass russische Vertreter sich über die Ermittlungen in Großbritannien und später die Recherchen der investigativen Journalisten lustig machten: Es sieht nun so aus, als hätten sie den Präsidenten auch beim zweiten Verdächtigen der Lüge überführt.

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