Verdächtige im Fall Skripal Russische Verwirrspiele

Die von London im Skripal-Fall beschuldigten Russen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow erklären sich im Staatsfernsehen - ihre Geschichte wirkt alles andere als glaubwürdig. Soll sie auch nicht.

Ruslan Boschirow (l.) und Alexander Petrow während des RT-Interviews
DPA/ RT

Ruslan Boschirow (l.) und Alexander Petrow während des RT-Interviews

Von , Moskau


Zwei Männer, unbescholtene Geschäftsmänner aus Russland, die sich in Großbritannien vergnügen, die "wundervolle Stadt" Salisbury mit seiner Kathedrale anschauen wollten und sich nun Sorgen um ihre Sicherheit und die ihrer Nächsten machen müssen: So präsentieren sich die von den britischen Behörden im Fall Skripal identifizierten Verdächtigen in einem Interview mit dem russischen TV-Sender RT.

Alexander Petrow und Ruslan Boschirow nennen sich die beiden Männer, die im Büro der RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan gefilmt wurden. Die Briten hatten diese Namen als Alias der mutmaßlichen GRU-Geheimagenten bezeichnet - was die beiden bestreiten. Sie sehen den Videobildern ähnlich, mit denen die britischen Behörden ihre Wege in London und Salisbury akribisch dokumentiert haben. Aber ob es sich um dieselben Personen handelt, lässt sich kaum mit Sicherheit sagen - auch wenn die Männern beteuern, sie seien die Personen, die da zu sehen sind.

Bilder der britischen Polizei
Getty Images/ Metropolitan Police

Bilder der britischen Polizei

Auf Rat von Putin

Von sich aus hätten Alexander Petrow und Ruslan Boschirow auf ihrem Handy angerufen, teilte Simonjan mit. Schließlich habe ihre Nummer ja jeder, behauptete sie auf Twitter. Dass die Männer ausgerechnet mit dem vom russischen Staat finanzierten Auslandssender gesprochen haben, ist sicher kein Zufall. So wurde das Interview von RT zuerst auf Englisch und dann auch in anderen Sprachen verbreitet.

Dies passierte alles wenige Stunden, nachdem Präsident Wladimir Putin den beiden "Bürgern" geraten hatte, sich selbst in den Medien zu äußern, um für Klarheit zu sorgen.

Weiter Verwirrung stiften

Doch das mehr als 25 Minuten lange Gespräch tut alles andere als das - es stiftet nur noch mehr Verwirrung. Und so gibt es seit Donnerstag eine angebliche Version im Fall des vergifteten ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal mehr.

Seit Monaten werden Medien und soziale Kanäle wie Twitter von Dutzenden Erzählungen über das, was in Salisbury angeblich passiert sein soll, überschwemmt - sei es durch Vertreter der russischen Regierung - etwa der Sprecherin des Außenministeriums - oder durch Troll-Accounts. Kaum einer, der sich mit dem Thema nicht intensiv beschäftigt, blickt mehr durch, was eigentlich genau passiert ist und wer dahinterstecken könnte.

Ermittlungen in Salisbury
AFP

Ermittlungen in Salisbury

Im russischen Staatsfernsehen wurde nun eine weitere Erzählung aufgetischt, die alles andere als glaubhaft zu sein scheint, die vielmehr stellenweise so absurd ist, dass sie für Spott sorgt. So verschwimmen im Skripal-Fall nicht nur Wahrheit und Lüge, sondern wird der Anschlag auch letztendlich ins Lächerliche gezogen. Eine Attacke, bei der insgesamt fünf Menschen durch den Kampfstoff Nowitschok gesundheitliche Schäden erlitten, darunter eine Frau so sehr, dass sie starb.

Wegen Schnee einen Trip abgebrochen?

Die Männer wirken nervös, als sie ihre Geschichte in kurzen Sätzen, oft stockend zum Besten geben. Kurz zusammengefasst geht diese so:

Petrow und Boschirow wollen während ihrer kurzen Reise "auf Empfehlung von Freunden" die berühmte gotische Kathedrale von Salisbury mit ihrem 123 Meter hohen Turm und ihrem Glockenspiel anschauen. Selbst Simonjan reagiert erstaunt, als sie das hört.

Doch das Wetter am 3. März ist schlecht, es schneit in Salisbury - die beiden werden nass und brechen ihr Vorhaben nach einer halben Stunde ab, sie fahren zurück nach London. Am folgenden Tag kommen sie zurück nach Salisbury, um "die Sache zu vollenden", wie es Petrow ausdrückt. Das Wetter ist besser, sie besuchen die Kathedrale. Wo sich das Haus von Skripal befindet, wüssten sie nicht, sagen sie.

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Gleich in mehreren Hinsichten wirkt die Erzählung in sich nicht stimmig: Wieso fahren Petrow und Boschirow bei einer nur dreitägigen London-Reise ausgerechnet nach Salisbury - und das gleich zweimal? Wieso schauen sich die Touristen nicht Soho oder andere Orte in der Hauptstadt an? Wieso beenden die Männer ihren ersten Trip in Salisbury wegen Schnee? Russen sind an das Weiß gewöhnt, auch Anfang März liegt in weiten Teilen des Landes viel Schnee. Im Internet löst deshalb allein diese Äußerung viele sarkastische Kommentare aus.

Wenn die beiden die Kathedrale in Salisbury besuchen wollten, warum laufen sie in die falsche Richtung, wie britische Videoaufnahmen belegen? Und warum zeigen die Männer nicht die Fotos vom Besuch der Kirche, die sie gemacht haben wollen?

Viele offene Fragen

Das alles weckt den Eindruck, sie hätten etwas zu verbergen. Zudem erzählen sie kaum etwas über ihr Privatleben und ihre Arbeit. Sie sagen, sie seien Geschäftspartner, arbeiteten in der Fitnessbranche, handelten mit Nahrungsergänzungsmitteln. Wo sich ihre Firma befindet, darüber gibt es keine Informationen. Auch nicht darüber, wo die beiden wohnen, ob sie Familien haben. Boschirow lehnt Fragen nach dem Privatleben ab. Schon jetzt sei ihr Leben ein Albtraum. Sie wollten sich und ihre Angehörigen schützen, sagen die Männer. Simonjan fragt nicht weiter nach. Auch nicht nach den Auslandspässen, mit denen die beiden in Großbritannien waren.

Beim Anschlag verwendete präparierte Parfümflasche
Getty Images/ Metropolitan Police

Beim Anschlag verwendete präparierte Parfümflasche

Und so bleibt vieles offen: Wieso fand man im Londoner Hotelzimmer der beiden Spuren des Kampfstoffes Nowitschok, wenn sie doch keine umgebaute Parfümflasche dabei gehabt haben wollen? Wieso hatten sie zwei Tickets für den Rückflug nach Moskau gekauft, für den 4. und 5. März?

Kreml schweigt

Der Kreml kommentierte das Interview erst einmal nicht. Muss er auch nicht, mit der Empfehlung Putins, die beiden Zivilisten sollten sich in der Öffentlichkeit erklären, hat sich der Staatschef persönlich von ihnen distanziert - unter dem Motto, wir wissen ja nicht über alles Bescheid, was unsere Bürger so machen.

Eine Argumentation, die Putin schon im Fall der russischen Einmischung in den US-Wahlkampf anwandte. Damals hatte er Hacker als "patriotische Landsleute" bezeichnet, die unabhängig vom Staat handelten. Man habe also rein gar nichts damit zu tun.

Dies hatte der Kreml im Fall der vergifteten Skripals auch immer wieder betont, bis er überraschend seine Strategie änderte und die Männer präsentierte.

Putin wird sich nach diesem Interview dennoch einiges an Fragen gefallen lassen müssen.

Mitarbeit: Katja Kuznetsowa

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