Russischer Journalist über den Skripal-Giftanschlag "Die Agenten haben ihren eigenen Dienst diskreditiert"

Im Fall des Ex-Doppelagenten Skripal sind drei der mutmaßlichen Attentäter als Agenten des Kreml enttarnt - auch dank investigativer Journalisten in Russland. Ein Treffen mit dem Chef des Moskauer Portals "The Insider".

Getty Images/ Metropolitan Police

Von , Moskau


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Wladimir Putin der Lüge zu überführen, ist das eine. Seinen Agenten nachzuweisen, wie schlampig sie vorgehen und wie wenig sie eigentlich geschützt sind, das andere.

Roman Dobrochotow hat beides gemacht. Mutig nennen einige das. Im höchsten Maße riskant, andere.

Dobrochotow ist russischer Investigativjournalist, Chef der Moskauer Webseite "The Insider". Der Mittdreißiger war mit daran beteiligt, drei der mindestens vier mutmaßlichen Attentäter im Fall Skripal zu enttarnen. Alle sind Mitglieder des Militärgeheimdienstes GRU.

Ein Treffen mit Dobrochotow fühlt sich seltsam an: Gegenüber sitzt ein Mann, der in einem Restaurant unweit des Puschkin-Denkmals im Zentrum Moskaus laut über die Operationen des GRU redet: die Cyberattacken auf die Demokratische Partei im US-Präsidentschaftswahlkampf, die aufgeflogene Spionageaktion in Den Haag gegen die Organisation für das Verbot chemischer Waffen, den Nervengift-Anschlag auf den ehemaligen britisch-russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julija in der südenglischen Kleinstadt Salisbury vor einem Jahr. Sie überlebten schwer verletzt, leben jetzt an einem geheimen Ort.

Mühselige Puzzlearbeit

Ermittler im Park, in dem die Skripals gefunden wurden
AFP

Ermittler im Park, in dem die Skripals gefunden wurden

Der Journalist spricht auch ruhig weiter, als der Kellner ihm einen Burger und einen Drink serviert. Das Offenlegen der Informationen sei ihr Prinzip, sagt er. Deshalb veröffentlichen seine Partner vom internationalen Recherchenetzwerk "Bellingcat" und "The Insider" ausführlich Recherchewege, Fundstücke und Indizien.

Doch anders als die Mitstreiter von "Bellingcat", das meist im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, lebt und arbeitet Dobrochotow in Russland, wo nahezu alle großen Zeitungen ihre investigativen Recherchen beenden mussten. Sein Job ist es vor allem, Quellen zu kontaktieren, Informationen vor Ort zu prüfen, Telefonnummern auszuprobieren. Es ist eine mühselige, tage- und oft auch monatelange Puzzlearbeit in einem Land, dessen Medienlandschaft vor allem vom Staatsfernsehen dominiert wird.

Gegen den Informationswirrwarr

Bis heute tut Moskau im Skripal-Fall alle Verdächtigungen Großbritanniens und des Westens als "russophobe Attacken" ab. Eine aktuelle Studie des King's College London zählt 138 verschiedene Geschichten, die russische Staatsmedien inzwischen über den angeblich wirklichen Grund der Vergiftung der Skripals veröffentlicht haben.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist wohl das Gespräch, das der russische Auslandssender RT, ehemals Russia Today, mit zwei Männern unter dem Namen "Alexander Petrow" und "Ruslan Boschirow" ausstrahlte. Darin versuchten sie sich als homosexuelles Touristenpärchen darzustellen, das nichts anderes vorgehabt habe, als sich "das wunderschöne Salisbury" mit der "berühmten Kathedrale" anzuschauen. Die Inszenierung, die zahlreiche hämische Kommentare im Internet auslöste, sollte wohl Putins Aussage untermauern, dass "Petrow" und "Boschirow", die von London des Anschlags verdächtigt werden, nur harmlose Zivilisten seien, an denen rein gar "nichts Besonderes und Kriminelles sei".

Wladimir Putin
AFP

Wladimir Putin

Dobrochotow und seine Partner brauchten danach keine zwei Wochen, bis sie die tatsächliche Identität der Männer ermittelt hatten: "Boschirow" ist danach Anatolij Tschepiga, "Petrow" Alexander Mischkin, beides GRU-Agenten, zudem Träger des höchsten Ordens des Landes, "Held Russlands", den Putin in der Regel persönlich verleiht.

Einen Fehler nennt Dobrochotow die Aussage des Präsidenten heute, auch wenn er vielleicht ein Versuch gewesen sei, die Vorwürfe Londons zu widerlegen oder aufkeimende Gerüchte über den Verbleib der GRU-Agenten zu entkräften - unter dem Motto: Den beiden geht es gut, wir kümmern uns um sie.

Peinliche Patzer

In Wirklichkeit hat der russische Staat wenig dafür getan, um seine Spione zu schützen. Die Rechercheure haben vor allem Flugpassagierdaten, Passdaten und Wohnadressen ausgewertet, manche sind mehr oder weniger frei zugänglich, andere wurden ihnen zugespielt. Dobrochotow zählt auf, was sie unter anderem herausgefunden haben:

  • In einer Behörden-Datenbank, auf die Zehntausende Beamte Zugriff haben, gab es zu den Inlandspässen der Männer - die Entsprechung der deutschen Personalausweise - den Vermerk "streng geheim", dazu war eine Telefonnummer des Verteidigungsministeriums angegeben, dem der GRU unterstellt ist;
  • die auf die Agenten ausgestellten Reisepässe sind fortlaufend nummeriert, unterscheiden sich nur in der letzten Ziffer;
  • in einer Datenbank der russischen Inspektionsstelle für die Sicherheit im Autoverkehr werden 305 Autos aufgeführt, alle auf die Adresse des GRU zugelassen, dazu sind Namen, Passdaten und Nummern der Fahrzeughalter angegeben.

Der dritte Mann

"Viele sagen, der GRU geht unprofessionell vor. Die Agenten haben so viele Spuren hinterlassen, dass sie ihren eigenen Dienst diskreditiert haben", sagt Dobrochotow. Doch die Frage sei, wie viel man wirklich über die GRU-Operationen wisse. Erst kürzlich veröffentlichte er einen Bericht mit anderen Medien über den Spion Denis Sergejew, Deckname "Sergej Fedotow", den dritten mutmaßlichen Skripal-Attentäter, auf "The Insider" ist sie auf Russisch zu lesen. Es war eine lange Recherche, weil sein Name inzwischen aus den Registern gelöscht worden war. Auch Sergejew führte eine Scheinfirma, über die er Geschäftsvisa beantragte, mit denen er durch Europa reiste.

2015 kam er so nach Bulgarien - wenige Tage, bevor ein dortiger Geschäftsmann, der mit Waffen in der Ukraine und Syrien handelte, vergiftet wurde. "Es ist verdächtig, dass Sergejew während der Brexit-Abstimmung in Großbritannien und des Unabhängigkeitsreferendums in Barcelona war, also immer im Zentrum des politischen Geschehens", sagt Dobrochotow. Er hofft nun, dass nach Bulgarien auch andere EU-Länder nun genauer überprüfen, was die GRU-Agenten bei ihnen gemacht haben.

Signal an die Kollegen

Dass die Behörden seine Seite schließen können, weiß er. "Dann machen wir eine neue auf, weichen auf Facebook oder Telegram aus." Seit 2013 betreibt er "The Insider", veröffentlicht Kreml-kritische Analysen und investigative Recherchen. 13 Mitarbeiter sind für das Projekt tätig. Früher als Student organisierte Dobrochotow Proteste gegen Putin und die Regierung. Dutzende Male wurde er festgenommen.

Roman Dobrochotow (Archiv)
imago

Roman Dobrochotow (Archiv)

Er brauche etwa zehntausend Dollar im Monat, um die Arbeit zu finanzieren, sagt Dobrochotow. Er setzt auf Spenden und ausländische Stipendien. Gern würde er die Webseite vollständig über Crowdfunding finanzieren, also durch Hunderte Kleinspenden.

Ob er keine Angst habe, selbst Ziel einer Attacke zu werde? "Bedrohungen habe ich nicht erhalten, aber ich weiß, dass ich ein hohes Risiko eingehe", sagt Dobrochotow. Er habe Vorsichtsmaßnahmen getroffen, kommuniziere über verschlüsselte Messenger, tausche regelmäßig seine Daten mit Kollegen aus. Bisher helfe ihm, dass der Kreml in ihm und seinen Mitstreitern keine ernst zu nehmende Journalisten, sondern nur den verlängerten Arm des britischen Geheimdienstes MI6 sehe. "Außerdem ist die Aufmerksamkeit sehr groß. Sollte mir was passieren, wird sie noch größer. Das ist nicht im Interesse des Kreml."

Russland verlassen will er nicht. Das sei das falsche Signal, sagt Dobrochotow. Er wolle den Journalisten zeigen, dass man auch heute in Russland recherchieren könne. "Wir machen den ersten gefährlichen Schritt, damit die anderen weitermachen."

Derzeit ist er auf der Spur des vierten Skripal-Verdächtigen.


Zusammenfassung: Am 4. März 2018 wurden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julija im englischen Salisbury bewusstlos auf einer Parkbank gefunden. Sie wurden mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet. Die britischen Behörden verdächtigen Moskau hinter dem Anschlag zu stecken. Investigativjournalisten in Russland wie Roman Dobrochotow vom Portal "The Insider" veröffentlichten in Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen die wahre Identitäten der Verdächtigen, die für den russischen Militärgeheimdienst GRU tätig sind.

Mitarbeit: Tatiana Chukhlomina

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