Giftaffäre um Ex-Agent Skripal Die geheimnisvolle Nichte

Seit Ex-Agent Sergej Skripal und seine Tochter Julija in Großbritannien vergiftet wurden, tingelt Wiktorija Skripal durch russische Talkshows. Sie gibt die besorgte Verwandte - doch viele halten sie für eine Marionette des Kreml.

REUTERS

Von , Moskau


Auf dem Tisch vor Wiktorija Skripal stehen junge Birkenzweige, daneben liegt ein Brief. Verfasst hat ihn ein britischer Konsularbeamter, Kürzel ECO 002. "Ich bin nicht davon überzeugt, dass Sie ein echter Besucher sind", schreibt ECO 002. Deshalb lehne er ihren Visumsantrag ab.

Seit Wiktorijas Onkel Sergej und ihre Cousine Julija im britischen Salisbury vergiftet wurden, ist die Buchhalterin aus der Stadt Jaroslawl an der Wolga selbst zu einer wichtigen Figur in einem internationalen Streit geworden. Und deshalb ist auch der Brief ein Politikum. Wie kann man einer Verwandten verweigern, ihre Lieben am Krankenbett zu besuchen? Das fragen die Offiziellen in Moskau. Ist Wiktorija eine Schachfigur des Kreml? Das fragen sie in London.

Wiktorija gibt selbst Anlass zu Verdacht. Seit der Vergiftung ihrer Verwandten ist sie Dauergast in Talkshows geworden, die Russlands Position in der Affäre Skripal propagandieren. Ihre Geschichte ist eine über das Misstrauen zwischen Ost und West, aber auch über die Kluft zwischen russischem Fernsehen und Wirklichkeit.

"Von den Frauen geliebt, von den Männern geachtet"

Der Tag, an dem die Skripals ihren Nachnamen zum ersten Mal im Fernsehen hörten, war der 9. August 2006. Berichtet wurde vom Ende eines Geheimprozesses: Ein Ex-Offizier des Militärgeheimdienstes GRU habe jahrelang für die Briten gearbeitet. Der Mann namens Sergej Skripal sei mit 13 Jahren Lager milde bestraft worden. "In der Sowjetunion wurde man für Landesverrat erschossen", sagte der Nachrichtensprecher.

Wiktorija Skripal erfuhr damals auf der Arbeit davon. Ihr erster Gedanke war: Das darf auf keinen Fall die Großmutter wissen, ihr Herz hält es nicht aus! Aber es war zu spät. Sergej Skripals Mutter Jelena hatte die Fernsehnachrichten schon gesehen. "Ich bin mit meinem Mann gleich hingefahren", erzählt Wiktorija. "Es war hart, es gab viel Tränen und Geschrei. Die Nachbarn dachten, bei uns sei jemand gestorben."

Sergej Skripal kam in ein Straflager, man schrieb hin und her, und Großmutter Jelena bestand darauf, dass die Briefe des Sohnes nach der Lektüre vernichtet wurden. Sie hatte Angst. Es war nicht einfach, zur Familie eines Verräters zu gehören.

Wiktorija mag bis heute nicht glauben, dass ihr Onkel ein Verräter ist. Sie bewundert ihn. "Er ist dieser Typ Mann, der von allen Frauen geliebt und von allen Männern geachtet wird", sagt sie. Nach vier Jahren im Lager wurde Sergej offiziell begnadigt. Zwar nur, um ihn gegen russische Agenten auszutauschen, aber Wiktorija sah sich in ihrer Annahme bestätigt. Sergej zog nach England, meldete sich alle zwei Wochen per Telefon, um nach seiner Mutter zu fragen, die bei Wiktorija wohnt.

Schlechte Nachrichten - aber nicht im russischen TV

Nun sind wieder schreckliche Nachrichten vom Onkel eingetroffen. Wiktorija erfuhr noch am Abend des 4. März davon. Bekannte hatten gelesen, dass Sergej und eine 33-Jährige bewusstlos in Salisbury gefunden worden waren. "Das muss Julija sein", dachte Wiktorija und rief bei der britischen Botschaft in Moskau an. Dort habe sich niemand für sie interessiert: Wir sind nicht zuständig, wenden Sie sich an die russische Botschaft in London, habe man ihr gesagt.

Auch aus dem russischen Fernsehen erfuhr Wiktorija zunächst gar nichts: "Bei uns war vier Tage Stille." Dann allerdings wurde der Vorfall in Salisbury zum Dauerthema. Diesmal war es einfach, die Oma abzuschirmen: Jelena ist bald 90 Jahre alt und sieht und hört schlecht. Sie weiß nicht, dass ihr Sohn vergiftet wurde.

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Skripal-Nichte Viktoira: "Lasst sie doch reden"

Und sie weiß nicht, dass ihre Enkelin mittlerweile ein Dauergast im russischen Fernsehen ist: Einen Monat nach der Vergiftung trat Wiktorija in der Live-Show "60 Minuten" auf. Sie erzählte von ihrem Visa-Antrag und davon, dass ihr jeder Kontakt mit Julija verweigert werde. Man wetterte gegen "Infamie und Sadismus" der britischen Behörden.

Am Morgen kam ein Anruf von Julija, das erste Lebenszeichen seit dem Anschlag. Wiktorija zeichnete ihn auf: Man hört die ruhige Stimme Julijas und eine aufgeregte Wiktorija. Ob Julija einem Besuch zustimme, fragte Wiktorija die Anruferin. "Ich denke, nein", sagte Julija, "lass uns das später besprechen." Und: "Sie geben dir kein Visum." Noch am selben Tag strahlten russische Fernsehsender die Aufzeichnung aus, Wiktorija hatte sie ihnen gegeben.

Unglaubwürdig oder inszeniert?

Im Ausland hat sie das unglaubwürdig gemacht. Welche Verwandte zeichnet ungefragt Telefongespräche auf und gibt sie ans Fernsehen? Und was ist das für eine "nahe" Verwandte, wenn Julija selbst sagt, dass sie sie nicht sehen will?

Wiktorija ficht die Kritik nicht an. Dass sie Gespräche aufzeichnet, habe mit einem Konflikt auf der Arbeit zu tun. Die Aufzeichnung habe sie nicht bloß ans russische Fernsehen gegeben, sondern auch an die BBC, die sie schätzt.

Und was Julija am Telefon gesagt hat, mag Wiktorija nicht als Absage interpretieren. Das sei ihr nicht deutlich genug. Überhaupt, an Julijas Stimme sei doch zu spüren, dass da jemand neben ihr stehe und Druck ausübe.

Von da an war Wiktorija regelmäßig zu Gast in TV-Shows. Am häufigsten trat sie in "Lasst sie doch reden" auf, einer Krawall-Talkshow, in der üblicherweise Ehekrach, Vaterschaftsstreit und Intimes ausgebreitet werden. Beim ersten Mal saß sie neben Andrej Lugowoj - jenem Mann, der mutmaßlich dem Ex-FSB-Mitarbeiter Alexander Litwinenko 2006 in London radioaktives Polonium in den Tee schüttete.

Großbritannien verlangt vergeblich seine Auslieferung, Russland hat Lugowoj mit einem Parlamentssitz belohnt. Er selbst beteuert seine Unschuld.

"Ist ja 'ne lustige Runde hier", sagte Lugowoj. Es wurde reichlich geschrien und spekuliert, am Ende wusste man weniger als vorher: Gab es überhaupt eine Vergiftung? Ist vielleicht alles, was Russland je in die Schuhe geschoben wurde, eine westliche Provokation?

Neben Wiktorija saß auch Walter Litwinenko, der Vater des Polonium-Opfers, der wie Lugowoj der britischen Justiz misstraut. Sergej und Julija, mutmaßte er, seien längst im Gefängnis, als Geiseln der Briten. Nur öffentlicher Druck helfe da. "Schrei so laut du kannst, dann kannst du das Mädel noch retten!", riet er Wiktorija.

Mix aus Selbstbewusstsein und Verschwörungstheorien

Diese Worte hat sich Wiktorija zu Herzen genommen. Sie glaubt, dass ihre öffentlichen Auftritte den Gang der Ereignisse verändert haben, dass die Briten nur ihretwegen überhaupt etwas preisgegeben haben über Julijas Zustand. Wiktorija ist selbstbewusst, und sie hat einen Hang zu Verschwörungstheorien. Eine gute Grundlage für Fernsehauftritte.

Dabei glaubt sie nicht, dass die Briten Skripal vergiftet haben. Sie verdächtigt eher Julijas Freund und Mitbewohner in Moskau, der untergetaucht ist, oder auch eine "Dritte Seite" - sie meint damit die Amerikaner, auch wenn sie das so nicht sagt. Für viele Russen sind die Amerikaner an allem schuld, was sich gegen Russland richtet.

Hat sich Wiktorija je gefragt, wie Julija Skripal ihre Auftritte findet? Dass es ihre Cousine anwidern könnte, wie Wiktorija sich an Lügendetektoren anschließen lässt oder vor Millionen Zuschauern Julijas Telefonnummer anruft? Dass sie überhaupt teilnimmt an diesen Sendungen, in denen das von Julija geliebte Großbritannien als Reich des Bösen dargestellt wird?

Wiktorija lässt sich solche Zweifel jedenfalls nicht anmerken. Sie scheint ihren neuen Ruhm zu genießen, ihr liegt die Rolle. Und am Ende ist das, was sie will, verständlich. Sie möchte, dass ihre Verwandten nicht einfach so von der Bildfläche verschwinden. Und sie will, dass ihre Großmutter endlich den langersehnten Anruf vom Sohn bekommt.

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
zeichenkette 23.04.2018
1. Ist das in Russland eigentlich legal?
Die Aufzeichnung von Telefonanrufen ohne vorhergehende Einwilligung des Gesprächspartners ist zumindest in Deutschland illegal. Ist das in Russland anders oder hat Julija Skripal ihr Einverständnis gegeben? Das war jedenfalls der Punkt, an dem mir das sofort als etwas übergriffig erschien...
haarer.15 23.04.2018
2. Kontaktsperre
Man sollte schon fragen - warum ? Warum dürfen die Skripals keinen Besuch von Verwandten empfangen ? Da gäbe es doch wohl weitere Angehörige. Jedoch die Briten genehmigen nicht mal ein Einreisevisum, was allein schon merkwürdig ist. Herr Esch, da sollte schon etwas tiefer geschürft werden - mit Blick auf beide Seiten ! Nicht dass man umgekehrt auf den Gedanken käme, dass Sergej Skripal und seine Tochter vielleicht auch von Großbritannien instrumentalisiert werden. Das ist sicher auch eine berechtigte Frage.
Emderfriese 23.04.2018
3. Wenig
Das Verhalten der Nichte Skripals ist eigentlich weniger zu kritisieren. Sie nutzt einfach die Gelegenheit, ihre (ihre ganz persönliche) Geschichte dem Interesse gemäß allen Leuten kund zutun. Sie steht im Rampenlicht. Kann man doof finden, machen aber sehr viele Typen in unserem Kulturkreis. Eher seltsam ist dagegen wie wenig in unseren Medien seit Wochen schon über den Fortgang der Dinge berichtet wird. Wie geht es beiden Skripals? Und die wichtigste Frage, warum Tochter Julija nicht wenigstens einigen ausgesuchten Journalisten ein Statement abgibt, bleibt ungeklärt. Was ist weiter nun mit dem Ergebnis der OPCW genau? Ist eine Schuld Russlands beweisbar oder nicht? Das große Schweigen aus Great Britain macht die britische Darstellung nicht eben glaubhafter.
viktor koss 23.04.2018
4. Die Aufzeichnung der Telefonate ist in Deutschland durch G-10 Gesetz
Zitat von zeichenketteDie Aufzeichnung von Telefonanrufen ohne vorhergehende Einwilligung des Gesprächspartners ist zumindest in Deutschland illegal. Ist das in Russland anders oder hat Julija Skripal ihr Einverständnis gegeben? Das war jedenfalls der Punkt, an dem mir das sofort als etwas übergriffig erschien...
... geregelt. Insbesondere bei nachrichtendienstlich empfindlichen Operationen kommen dazu Bestimmungen des Artikels 38 des Zusatzabkommens zum Nato-Truppenstatut. Was es praktisch bedeutet durch meinen konkreten Fall wird weder Spielgel noch irgendwelche andere Zeitung veröffentlichen, auch dann nicht, wenn es zu massiven Menschenrechtsverletzungen durch die Anwendung der besonderen Maßnahmen kam. Viel mehr auch dann wenn ausgerechnet die Störung und Missbrauch des privaten und familiären eigenen Lebens durch die Geheimdienste über Jahrzehnte , als die Grundlage der streng geheimen Vorkehrungen und Bildung der Irrtümer der Geheimdienste das wahre Ziel der ganzen Operation die ganze Zeit war. Die Betroffenen verlieren alle ihre wirkende Grundrechte, die unschuldigen werden verfolgt und alles dies hat eine konforme Gesetzeslage. Auch in beim Fall Skripal ist eine Familie zerstörtem die Beziehungen schwer beschädigt, aber es ist der Preis für die eigene nachrichtendienstliche Tätigkeit und das weitere Spiel der Geheimdienste mit ihrem Schicksal. Beim konkreten persönlichen Fall gab es weder irgendwelche nachrichtendienstliche Tätigkeit, sondern wurden die personenbezogenen Daten der Familie und mir persönlich durch die Bildung eines nach oberen Gesetzen geschützten Agenten-Provokateurs missbraucht. Noch ein keines Detail, der geschützte Agent-Provokateur der mehreren Geheimdienste übte bestimmte Straftaten unter institutionellem Schutz, so auch gegen die betroffene Kernfamilie deren eigenen personenbezogenen Daten für die Bildung der verdeckten, verfälschten Teilidentität des Agenten - Provokateurs missbraucht wurden. Durch die Anwendung des Art 38 des Zusatzabkommens zum Nato-Truppenstatut verlieren die Opfer alle Rechte, als unwilliger Träger der Geheimhaltung werden sie weiter verfolgt und diskriminiert, weil die Geheimhaltung absolut die oberste Priorität genieße.
Emderfriese 23.04.2018
5. Lauscher
Zitat von zeichenketteDie Aufzeichnung von Telefonanrufen ohne vorhergehende Einwilligung des Gesprächspartners ist zumindest in Deutschland illegal. Ist das in Russland anders oder hat Julija Skripal ihr Einverständnis gegeben? Das war jedenfalls der Punkt, an dem mir das sofort als etwas übergriffig erschien...
Man wird wohl davon ausgehen müssen, dass der russische Geheimdienst seine Ohren im Spiel hatte. Das wäre aber normal in einem solchen Fall. Ich bin mir sicher, dass auch unsere Geheimdienste bei einem die nationalen Interessen betreffenden Telefongespräch offen oder klammheimlich dabei wären. Doch möglicherweise hat die Nichte auch allein gehandelt.
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