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Ukrainische Krim-Brigade: "Wir werden uns nicht ergeben"

Aus Sewastopol berichtet

Getty Images

In Sewastopol verweigert die 204. Fliegerbrigade der Ukraine die Kapitulation. Ohne Waffen marschieren die Männer Russlands hochgerüsteten Spezialeinheiten entgegen. Kiews Kämpfer haben nur den Mut der Verzweiflung.

Als der Morgen graut über den Klippen des Schwarzen Meeres rücken die Männer der 204. Fliegerbrigade der ukrainischen Luftwaffe aus und ziehen zu Fuß los. Ihre Waffen haben sie in den Kasernen zurückgelassen. Was könnten sie schon ausrichten mit ihren Dienstpistolen und alten Gewehren gegen Russlands hochgerüstete Spezialkräfte?

"Die 204. Fliegerbrigade hat die Seiten gewechselt", so hat es "Russia Today" bereits am Montag berichtet, der Propagandasender des Kreml. Doch das stimmt nicht. Die Männer der 204. Brigade rücken nicht aus, um sich zu ergeben. Sie wollen retten, was noch zu retten ist, und sei es nur ihre Ehre.

Das rote Banner der Brigade flattert an der Spitze des Zugs, daneben trägt ein Soldat die gelb-blaue Fahne der Ukraine. Russlands Schwarzmeerflotte hat ihnen ein Ultimatum gestellt: Sie sollen den neuen Machthabern auf der Krim Treue schwören und den Stützpunkt räumen. Er habe seiner Einheit aber den Befehl gegeben, "dem Eid treu zu bleiben, den wir dem ukrainischen Volk geschworen haben", sagt Brigade-Kommandeur Julij Mamtschur. "Wenn es sein muss, bis zum Ende".

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Krim: Ohne Waffen gegen die Russen
Auf der Luftwaffenbasis bei Sewastopol sind 49 Kampfjets des Typs MiG-29 stationiert. Mamtschur sagt, er wolle "Parität herstellen". Man habe seiner Einheit die Kontrolle über die Flugzeuge "mit Gewalt entrissen", jetzt will er die Russen wenigstens dazu bewegen, dass seine Männer gemeinsam mit russischen Soldaten die Hallen inspizieren. Er trage doch die Verantwortung für den Stützpunkt.

Die Kommandeure der Gegenseite halten nicht viel von Gesprächen: Als der Zug der unbewaffneten Ukrainer in Sicht kommt, bringen sie Panzerfahrzeuge in Stellung. Als Mamtschurs Männer unbeirrt weiterlaufen, schießen die Russen als Warnung in die Luft.

Ein Unterhändler der Russen kommt zu den Ukrainern. Er stellt sich nicht vor, aber in der Hand trägt er eine Ledermappe mit der Aufschrift "Verteidigungsministerium der Russischen Föderation".

Bruder gegen Bruder

"Ergebt euch, schließt euch uns an", sagt der Unterhändler.

"Niemals", antwortet Mamtschur. "Wisst ihr nicht, dass unsere Ehre als Soldaten das verbietet?"

"Ihr habt die Wahl", sagt der Russe.

"Von was für einer Wahl kann denn die Rede sein, wenn deine Scharfschützen meine Männer im Visier haben", ruft Oberst Mamtschur.

Die Lage der ukrainischen Armee ist verzweifelt. Laut Medienberichten sind Teile auf der Krim stationierter Streitkräfte zu den Russen übergelaufen. Der Kommandeur der ukrainischen Marine hat der neuen prorussischen Führung vor laufenden Kameras Gefolgschaft geschworen. Einige Truppenteile wie die 204. Fliegerbrigade des Oberst Mamtschur verweigern zwar die Kapitulation, sind den Invasoren aber hoffnungslos unterlegen.

Mamtschurs Fliegerhorst zeigt auch, wie schlecht es um die ukrainische Armee bestellt ist: Die Luftwaffenbasis ist übersät mit rostenden Hubschraubern und verfallenden Kampfjets. Die Tanklaster stammen aus den siebziger und achtziger Jahren. Moskaus Einheiten sind zudem erfahren, sie haben im Nordkaukasus gekämpft und 2008 in Georgien. Den Ukrainern fehlt Einsatzerfahrung fast völlig, nur einige Brigaden haben nach 2003 zusammen mit den Amerikanern im Irak gekämpft.

Ukrainische Streitkräfte sind von Korruption zerfressen

Offiziell hat Kiew zwar rund 160.000 Mann unter Waffen und verfügt über 4000 Panzer. Die meisten davon aber sind seit Jahren nicht mehr einsetzbar. Russland hat im vergangenen Jahr 50 Milliarden Dollar für sein Militär ausgegeben, die Ukraine dagegen nur 1,5 Milliarden Dollar, das ist weniger als ein Dreißigstel.

Hinzu kommt: Die Streitkräfte sind ebenso von Korruption zerfressen wie der Rest des Staates. Für eine Beförderung zum Brigadekommandeur müssen Offiziere bis zu 12.000 Dollar Bestechungsgeld an ihre Vorgesetzten bezahlen, berichten ehemalige Militärs. Das Geld zweigen sie dann an anderer Stelle wiederum bei ihrer Einheit ab.

Kiew hat die Mobilisierung der Armee verkündet. Ob die Ukraine aber tatsächlich überhaupt über Verbände verfügt, die den Russen Paroli bieten könnten, daran zweifeln auch Politiker der neuen Regierungskoalition. "Wir haben es ins 22 Jahren nicht geschafft, eine richtige Armee aufzubauen", sagt der Abgeordnete Gennadij Moskal. "Ich vertraue ihnen ein Staatsgeheimnis an: Bei uns hebt kein Flugzeug mehr ab, und kein Panzer springt mehr an."

"Für ein paar Dollar werden wir nicht zu Verrätern"

Auf der Luftwaffenbasis bei Sewastopol haben die Männer der 204. Fliegerbrigade dem Gegner auch kaum mehr entgegenzusetzen als den Mut der Verzweiflung. "Schande über Euch", ruft ein Major namens Leonid den Russen zu. "Habt ihr vergessen, dass die letzten Schüsse auf diesem Boden fielen, als unsere Großväter hier gemeinsam die Deutschen vertrieben."

Kommandeur Mamtschur sagt, es könne nicht angehen, dass zwei Brudervölker aufeinander schießen, "nur wegen der Ambitionen einzelner Politiker". Er spricht den Namen Wladimir Putin nicht aus, aber gemeint ist der russische Präsident. Die Russen seien hier aufgekreuzt und hätten erwartet, dass alle Ukrainer mit lautem Hurra zu ihnen überlaufen, knurrt Mamtschur.

Die Funkverbindung mit dem Festland bricht immer wieder zusammen. Ein Unterhändler der Russen stellt ihnen mehr Gehalt in Aussicht, bislang verdient ein ukrainischer Luftwaffenoffizier umgerechnet 500 Euro im Monat. "Wir sind zufrieden mit unserem Sold", ruft ein Soldat namens Oleg. Er kämpfe für die Ehre der Ukraine und für ein geeintes Land. "Für ein paar Dollar werden wir nicht zu Verrätern."

Der Russe zuckt mit den Schultern. Er sagt, er könne warten.

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Eskalation in der Ukraine - Chronologie der Krise
Donnerstag, 20. Februar

Sicherheitskräfte eröffnen in Kiew das Feuer auf Demonstranten. Fast 80 Menschen werden getötet. Damit eskalieren die wochenlangen Proteste in Kiew, die sich auch daran entzündeten, dass Präsident Wiktor Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte. Die Europäische Union beschließt individuelle Sanktionen gegen Verantwortliche für die Gewalt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seine Kollegen aus Frankreich und Polen beginnen eine Vermittlungsmission.

Freitag, 21. Februar

Auf Vermittlung der drei europäischen Außenminister und eines russischen Abgesandten unterzeichnen die Oppositionsführer und Präsident Wiktor Janukowitsch eine Vereinbarung, die eine Präsidentschaftswahl bis Ende des Jahres vorsieht. Das Parlament beschließt die Rückkehr zur Verfassung des Jahres 2004 mit weniger Rechten für den Staatschef.

Samstag, 22. Februar

Das Parlament enthebt Janukowitsch des Amtes und setzt für den 25. Mai eine vorgezogene Wahl an. Janukowitsch reist von Kiew in den Osten der Ukraine und taucht unter. Das Parlament wählt Alexander Turtschinow zu seinem Vorsitzenden. Zudem verfügen die Abgeordneten die sofortige Freilassung Julija Timoschenkos. Sie reist nach Kiew und ruft die Demonstranten auf dem Maidan zur Fortsetzung des Protests auf.

Sonntag, 23. Februar

Das Parlament wählt Turtschinow zum Übergangspräsidenten. Die USA und der Internationale Währungsfonds stellen Finanzhilfen in Aussicht.

Montag, 24. Februar

Die Übergangsregierung beziffert den Finanzbedarf der Ukraine auf 35 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Euro).

Dienstag, 25. Februar

In der Ukraine wird der nach Russland geflohene Janukowitsch wegen "Massenmords" gesucht. Boxweltmeister Vitali Klitschko erklärt seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl.

Mittwoch, 26. Februar

Der proeuropäische Politiker Arseni Jazenjuk wird vom Maidan-Rat als Chef der Übergangsregierung nominiert. Kiew beantragt einen internationalen Haftbefehl gegen Janukowitsch. Putin ordnet eine gewaltige Militärübung an der Grenze zur Ukraine an. Auf der Krim kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Führung in Kiew.

Donnerstag, 27. Februar

Prorussische Milizionäre besetzen den Regierungssitz und das Parlament in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Jazenjuk wird als Regierungschef vom Parlament bestätigt.

Freitag, 28. Februar

Bewaffnete in Uniformen ohne nationale Erkennungszeichen übernehmen die Kontrolle über zwei Flughäfen auf der Krim. Nach Angaben Kiews landen 2000 russische Soldaten auf einem Luftwaffenstützpunkt auf der Halbinsel. US-Präsident Barack Obama droht Moskau mit ernsten Konsequenzen, sollte die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine verletzt werden.

Samstag, 1. März

Das Oberhaus des russischen Parlaments stimmt Putins Antrag zur Entsendung von Truppen in die Ukraine zu. Kiew beschuldigt Russland, inzwischen 6000 Soldaten und 30 Panzerfahrzeuge auf die Halbinsel verlegt zu haben. Ein Referendum über den künftigen Status der autonomen Teilrepublik wird auf den 30. März vorverlegt. Die ukrainische Armee wird in Alarmbereitschaft versetzt.

Sonntag, 2. März

Die Ukraine mobilisiert alle Reservisten, Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk wirft Moskau eine "Kriegserklärung" vor. Prorussische Milizen setzen ukrainische Soldaten auf der Krim in ihren Kasernen fest. Der gerade ernannte ukrainische Marinechef läuft in das Lager der prorussischen Regionalregierung der Krim über.

Die G-7-Staaten legen die Vorbereitungen für den für Juni geplanten G-8-Gipfel in Sotschi auf Eis. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft Putin am Telefonat einen Verstoß gegen das Völkerrecht vor. Putin akzeptiert Merkels Vorschlag zu einem Dialog mit einer "Kontaktgruppe".

Montag, 3. März

Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes setzt Russland die Verlegung von Truppen auf die Krim ungebremst fort. Die USA verlangen die sofortige Entsendung von OSZE-Beobachtern. Russlands Börsen und der Rubel brechen ein. Die EU-Außenminister ringen in Brüssel um eine gemeinsame Position zu der Krise.

Dienstag, 4. März

Erstmals meldet sich Russlands Präsident zu Wort: Wladimir Putin sagt auf einer Pressekonferenz, momentan gebe es keine Notwendigkeit für einen militärischen Einsatz. Generell ausschließen will er eine Intervention aber nicht. Das Pentagon beendet die militärischen Kooperationen mit Moskau. Am Abend testet Russland eine Interkontinental-Rakete – die USA waren vorab informiert. Auf der Krim fallen bei einer Konfrontation am Luftwaffenstützpunkt Belbek die ersten Warnschüsse des Konflikts.

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1. Ergänzung
Bernd.Brincken 04.03.2014
Zitat von sysopGetty ImagesIn Sewastopol verweigert die 204. Fliegerbrigade der Ukraine die Kapitulation. Ohne Waffen marschieren die Männer Russlands hochgerüsteten Spezialeinheiten entgegen. Kiews Kämpfer haben nur den Mut der Verzweiflung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/sewastopol-krim-brigade-verweigert-kapitulation-a-956884.html
Wenn sie so mutig und verantwortungsbewußt sind - warum haben sie sich in den 22 Jahren vorher nicht gegen Korruption und Mißwirtschaft in den eigenen Reihen und in der ukrainischen Politik mit ähnlichem Elan eingesetzt?
2. Allein dafür, ...
Ptrebisz 04.03.2014
Das Janukowitsch die Landesverteidigung dermaßen vernachlässigt, hat gehört er vor Gericht.
3. Mamtschur ....
MephistoX 04.03.2014
Zitat von sysopGetty ImagesIn Sewastopol verweigert die 204. Fliegerbrigade der Ukraine die Kapitulation. Ohne Waffen marschieren die Männer Russlands hochgerüsteten Spezialeinheiten entgegen. Kiews Kämpfer haben nur den Mut der Verzweiflung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/sewastopol-krim-brigade-verweigert-kapitulation-a-956884.html
... samt seinen Mannen ist offensichtlich ein tapferer Mann, der nicht opportunistisch sein Fähnchen in den Wind hängt, sondern in der durch die Umstände erzwungene, leider ziemlich "verzweifelte" Art und Weise den Besatzern Paroli bietet. Chapeau für diesen Widerstand im Namen des ukrainischen Volks !
4.
sagichned 04.03.2014
Ohja, jetzt fängt der Propagandaphatos an. Genau das gleiche Muster wie beim Maidan. Und wenn demnächst die selbsternannte Regierung Schlägertrupps zum Niederschlagen von Aufständen in den Osten schickt, dann wird auch darüber gebiddert.
5. Und wieder ...
effesste 04.03.2014
Zitat von sysopGetty ImagesIn Sewastopol verweigert die 204. Fliegerbrigade der Ukraine die Kapitulation. Ohne Waffen marschieren die Männer Russlands hochgerüsteten Spezialeinheiten entgegen. Kiews Kämpfer haben nur den Mut der Verzweiflung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/sewastopol-krim-brigade-verweigert-kapitulation-a-956884.html
... so ein unreflektierter, einseitiger, vor Russlandhass triefender Beitrag. Danke Spiegel online!
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Krim-Krise: Moskau rüstet, Washington droht

Die umkämpfte Krim

Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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