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Sex-Prozess: Drei Frauen richten über Berlusconi

Von , Rom

Silvio Berlusconi lächelte bislang alle Probleme weg. Doch der bevorstehende Prozess könnte Italiens Ministerpräsidenten schwer zu schaffen machen. Drei Frauen sind Richterinnen in einem Schnellverfahren über seine angeblichen Sex-Affären mit Minderjährigen. Dem Regierungschef drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis.

Premier Berlusconi: "Nun halten Frauen über Dich Gericht" Zur Großansicht
AFP

Premier Berlusconi: "Nun halten Frauen über Dich Gericht"

Eigentlich hätte es ein schöner Termin sein sollen, am Dienstagvormittag in der sizilianischen "Residenza degli Aranci". Silvio Berlusconi flog aus Rom ein, besichtigte die weitläufige Anlage in der Nähe von Catania, die in den kommenden Tagen bis zu 2000 jener Flüchtlinge aufnehmen könnte, die derzeit in Scharen von Tunesien übers Mittelmeer auf die kleine italienische Insel Lampedusa übersetzen. Über Menschlichkeit im Umgang mit den Geflohenen hätte der Ministerpräsident und Medienprofi reden können, oder auch darüber, dass Italien allein damit überfordert sei und die anderen EU-Staaten beispringen müssten.

Aber Berlusconi verweigerte sich den Fragen des Journalistenpulks, ließ keines seiner üblichen Witzchen hören, keinen Spott über all jene, die ihn kritisieren. Still flog er zurück nach Rom, während die für 11 Uhr angesetzte Pressekonferenz ohne ihn begann. Eine Eilmeldung aus Mailand hatte ihm den Tag gründlich vermiest. Vielleicht verleidet sie ihm weit mehr als diesen einen Tag.

In Mailand hatte nämlich kurz zuvor die Untersuchungsrichterin Cristina di Censo nach sechstägiger Prüfung dem Antrag der Staatsanwaltschaft stattgegeben und ein Eilverfahren gegen Berlusconi, Silvio, geboren 29. 9. 1936 in Mailand, eingeleitet. Am 6. April, 9.30 Uhr, soll der Prozess vor der 4. Strafkammer des Mailänder Gerichts beginnen. Vorgeworfen wird ihm Amtsmissbrauch und sexueller Umgang mit einer minderjährigen Prostituierten. Die drei zuständigen Richter dieser Kammer sind - zufällig - allesamt weiblich. Ironisch kommentierte ein Leitartikler der angesehenen Kirchenzeitung "Famiglia Cristiana" (Christliche Familie): "Berlusconi, du hast dich der Frauen in übler Weise bedient, nun halten Frauen über dich Gericht".

Bis zu 15 Jahre Haft

Die Untersuchungsrichterin jedenfalls hält die von den Anklägern vorgelegten Beweismittel für ausreichend und weitere Ermittlungen und Vorverfahren für überflüssig. Nach Meinung der Staatsanwaltschaft soll Berlusconi zahlreiche junge Frauen für Sex bezahlt haben, darunter auch die marokkanische Nachtclub-Tänzerin "Ruby", auch "Rubacuori" genannt, "Herzensdiebin". Die habe etliche Orgien im Hause Berlusconi mitgefeiert, so auch zwischen Februar und Mai vorigen Jahres. Damals war sie aber noch keine 18 Jahre alt.

Als "Ruby" wegen Diebstahls von der Polizei festgenommen wurde, soll Berlusconi höchstpersönlich telefoniert und ihre Freilassung gefordert haben. Sie sei die Nichte des ägyptischen Präsidenten Mubarak, habe er den Polizisten erklärt. Das habe er damals geglaubt, sagen seine Anwälte, er habe nur diplomatischen Schaden von seinem Land fern halten wollen. Die Staatsanwälte sprechen dagegen von Amtsmissbrauch. Auch die Erklärungen von "Ruby" und ihrem möglichen Freier, die bestreiten, je intim gewesen zu sein, überzeugen die Ankläger nicht. Sie legen Telefonmitschnitte von "Ruby" vor, in denen sie detailliert über sexuelle Kontakte berichtet. Im Falle einer Verurteilung drohen Berlusconi bis zu 15 Jahre Haft.

Umfragen: Minus zehn Prozent

Die Opposition fordert nun noch vehementer Berlusconis Rücktritt. Aber das interessiert den Regierungschef eher weniger. Die zerstrittene Opposition muss er nicht fürchten. Eher schon das eigene Lager, denn seine Partei- und Koalitionsfreunde werden mehr und mehr nervös. Für Berlusconi und seine engsten Getreuen bleiben die neuen Vorwürfe zwar durch nichts begründet, "Schlamm" vom politischen Gegner, Lügen von Kommunisten und denen gefälligen "roten Roben". Aber wenn, wie am vergangenen Wochenende, rund eine Million Frauen sich bei Demonstrationen gegen Berlusconi einfinden, hat das schon Auswirkungen. Denn Italiens Frauen sind stets die sicherste Klientel für den immer charmanten einstigen Staubsaugervertreter Berlusconi gewesen. Wehe, wenn diese Klientel sich abwendet!

Größere Verluste kann sich Berlusconi nicht mehr leisten. Im Vergleich zu den letzten Parlamentswahlen 2009 hat seine Partei - bei Umfragen mit des Typs "wenn Sie heute wählen müssten..." - bis zu zehn Prozent eingebüßt und rangiert gerade noch bei 27 bis 30 Prozent. Verloren hat der Regierungschef auch seinen alten Weggefährten Gianfranco Fini, dessen Partei für ungefähr fünf bis sechs Prozent gut ist. Und der letzte verbleibend Verbündete, Umberto Bossi von der separatistischen und ausländerfeindlichen Lega Nord, droht alle paar Tage mit Neuwahlen.

Noch zwei weitere Prozesse

Der peinliche Prozess um orgiastische "Abendessen" mit vielen jungen Damen, die mit Geld, Juwelen oder mietfreien Apartments entlohnt worden sein sollen, ist zudem nicht die einzige Verhandlung, der Berlusconi sich stellen muss. Am 28. Februar wird ein Prozess wieder aufgenommen, in dem es um Steuervergehen beim Verkauf von Filmrechten geht. Mindestens 470 Millionen Euro soll der Ministerpräsident dabei in "schwarzen Kassen" in Übersee versteckt haben. Und ab 11. März geht das Bestechungsverfahren um seinen ehemaligen Anwalt David Mills weiter. Dem soll Berlusconi, laut Anklage, über 400.000 Euro gezahlt haben, damit der in einem Verfahren falsch aussagt.

Bislang hat Berlusconi alle Vorwürfe einfach weggelächelt. Aber inzwischen wird sein Glamour blasser und seine Überzeugungskraft schwindet. Bei den Zockern in den Wettbüros fällt die Siegquote für den, der auf Berlusconis Rücktritt setzt. Lag sie einst bei 9:1, ist sie nun auf 4:1 abgerutscht. Dieselbe Tendenz gibt es in den Börsensälen: Da sackten die Kurse von Berlusconis Mediaset-Konzern am Vormittag um 1,7 Prozent ab.

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1. Berluscone, die Richterinnen und die Medien
lulu636 15.02.2011
Drei Frauen*sind Richterinnen*in einem Schnellverfahren über seine angeblichen Sex-Affären mit Minderjährigen. Sicher sind alle Frauen Opfer der linksgerichteten Medien in Italien, die dem armen, unschuldigen Berlusconi Böses wollen ;-)
2. Kopf Hoch, Silvio
muellverbrenner 15.02.2011
Hey Silvio, Kopf hoch Mann ! Bunga-Bunga sollte der Schlachtruf aller benachteiligten und ungerecht verfolgten werden. Mein Gott. Da wird der Silvio wegen einer Sehschwäche vor Gericht gezerrt. Er hat halt nicht gesehen, das die süße Ruby noch keine 18 war. "Angefühlt hat sie sich jedenfalls so".... sagt er. Ist hier nicht sogar der Tatbestand der "Diskriminierung Behinderter" gegeben, wenn man wegen seiner Sehschwäche mal einen Fehler macht ? In was für einer Welt leben wir eigentlich ? Ich bin auch Brillenträger ! Mich kotzt das an. Bunga-Bunga !!!! Und dann hat er auch noch ein gutes Wort für Ruby einlegen wollen. Ist doch nett ! Da wollen sie ihm auch noch ans Toupet... äh, an den Pelz. Und wo wir schon mal dabei sind (ich bin jetzt richtig in Fahrt ....) was soll das Gequatsche, das alle Diktatoren Nordafrikas - bis an die östereichische Grenze - "wackeln"? Häääh? Keine Ahnung ...von Biologie oder was ? Wo liegt Afrika? Hey Mann, wo sind alle alten Verbündeten, die in Silvios Schaumweinwanne lustig abgefeiert haben? Die Blairs, die Bush´s, Aznars und Schröders,... den letzten beißen die Hunde, Silvio. Aber ich, ich denke an Dich.... ...BUNGA-BUNGA !!!!!!!!
3. Geld oder Sex
Liberalitärer, 15.02.2011
Zitat von sysopSilvio Berlusconi lächelte bislang alle Probleme weg. Doch der bevorstehende Prozess könnte*Italiens Ministerpräsident*schwer zu schaffen machen. Drei Frauen*sind Richterinnen*in einem Schnellverfahren über seine angeblichen Sex-Affären mit Minderjährigen. Dem Regierungschef drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745797,00.html
Also diese Sex und Partygeschichten mit Nutten finde ich eher lustig. Schwerer wiegen die 470 Mios. Zwar auch nicht so viel, in hiesigen Tagen, aber spürbar.
4. befangen
toskana2 15.02.2011
Zitat von sysopSilvio Berlusconi lächelte bislang alle Probleme weg. Doch der bevorstehende Prozess könnte*Italiens Ministerpräsident*schwer zu schaffen machen. Drei Frauen*sind Richterinnen*in einem Schnellverfahren über seine angeblichen Sex-Affären mit Minderjährigen. Dem Regierungschef drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745797,00.html
An seiner Stelle hätte ich sofort das Gericht für befangen erklärt - garanzie!
5. Mal die Kommunisten, mal die Linken
bauagent 15.02.2011
Zitat von lulu636Drei Frauen*sind Richterinnen*in einem Schnellverfahren über seine angeblichen Sex-Affären mit Minderjährigen. Sicher sind alle Frauen Opfer der linksgerichteten Medien in Italien, die dem armen, unschuldigen Berlusconi Böses wollen ;-)
In der EU ist es nicht anders. Jede Kritik an dieser entrechtenden, ungewählten Konstruktion endet im Vorwurf heimlicher oder offener Nazi, Kommunist oder Linker zu sein. Vielleicht ist Berlusconi, gemessen an christlichen Moralwerten, einfach nur ein Verbrecher!
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Italiens Premier: Berlusconi und die Frauen

Berlusconi und seine Skandale
Mafia, Korruption und wilde Partys - Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist nicht nur wegen politischer Verdienste in die Schlagzeilen geraten.
Junge Frauen
Mit seinem großherzigen Einsatz für ein Partygirl sorgte Berlusconi im Oktober für Aufsehen. Der 74-Jährige soll eine junge Marokkanerin mit einem Anruf vor der Justiz bewahrt haben. Berichten zufolge soll er die 17-Jährige nicht nur zu Festen in seine Residenz bei Mailand eingeladen haben, sondern sie höchstpersönlich vor einer Festnahme wegen Diebstahls bewahrt haben.

Als Kandidatinnen der Regierungspartei für die Europawahl 2009 schlug Berlusconi drei junge Schönheiten vor: eine ehemalige TV-Ansagerin, eine Fernsehschauspielerin und eine Sängerin. "Schamlose Luder im Dienst der Macht", kommentierte seine damalige Ehefrau Veronica Lario. Sie reichte 2009 die Scheidung ein.

Eine angebliche Affäre mit der Schülerin Noemi Letizia hatte schon zuvor für Aufsehen gesorgt. Nach einem Besuch des Medienmoguls auf Noemis Party zum 18. Geburtstag hatte Lario öffentlich gesagt, Berlusconi treffe sich "mit Minderjährigen". Gerüchte um eine Liaison mit der Schülerin, die ihn "Papi" nannte, wies er zurück.

Mafia-Verdacht
Im März wurde ein Senator von Berlusconis Regierungspartei PdL unter Mafia-Verdacht festgenommen. Unter anderem geht es um Wahlbetrug und Geldwäsche. Der Politiker soll zudem mit Hilfe der Mafia ins Parlament gekommen sein. Zuvor hatte ein ehemaliger Mafiakiller Berlusconi vor Gericht mit einer Serie von Bombenanschlägen in Verbindung gebracht.
Entgleisungen
Erst sorgte Silvio Berlusconi mit einem Hitler-Witz für Wirbel, dann erregte er mit einem Juden-Witz im Oktober großen Unmut: Die Empörung über Berlusconi war groß - doch der Premier leistet sich immer neue Entgleisungen. Jüngster Fauxpas: Auf harsche Kritik an seinem mutmaßlichen Interesse an einem minderjährigen Partygirl sagte Berlusconi, er schaue eben gerne Frauen an, das sei besser "als schwul zu sein".

Bereits nach einem Erdbeben in den Abruzzen 2009 gab Berlusconi den in Zelten untergebrachten Opfern Empfehlungen der besonderen Art. "Man muss es eben nehmen wie ein Camping-Wochenende", sagte er bei einem Besuch in der Region. Bei der Katastrophe waren mehr als 290 Menschen ums Leben gekommen, 50.000 wurden obdachlos.

Bestechungsvorwürfe
Ein Korruptionsprozess gegen Berlusconi wurde 2008 vorübergehend ausgesetzt, weil ihm ein neues umstrittenes Gesetz Immunität verlieh. Zuvor musste sich der Medien-Milliardär wegen der Bestechung des britischen Anwalts David Mills verantworten. 1998 soll Berlusconi 600.000 US-Dollar, umgerechnet 446.000 Euro, bezahlt haben, damit dieser in Prozessen gegen seinen Medienkonzern Falschaussagen macht. Das Verfassungsgericht hat das Gesetz mittlerweile gekippt. Mehrere Verfahren gegen Berlusconi können damit neu aufgerollt werden.

Immunitätsgesetze in Italien
"Lex Berlusconi"
Der italienische Regierungschef, der Staatschef und die Präsidenten der beiden Parlamentskammern sollten während ihrer Amtszeit Immunität genießen und nicht strafrechtlich verfolgt werden können – das besagten zwei praktisch identische Immunitätsgesetze, die unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi 2003 bzw. 2008 verabschiedet worden waren.
Doch das italienische Verfassungsgericht erklärte das erste der Gesetze, den "Lodo Schifani", 2004 für verfassungswidrig und damit unwirksam. 2009 folgte die danach erlassene Regelung, der "Lodo Alfano".
Die Immunitätsgesetzgebung ist höchst umstritten: Die Opposition hatte gegen die Regelung protestiert und sie als "Lex Berlusconi" verurteilt. Zwar gibt es auch in anderen Ländern wie Frankreich, Portugal und Griechenland ähnliche Gesetze. Die Immunitätsgesetze in Italien wurden jedoch auf Drängen von Regierungschef Berlusconi erlassen und führten dazu, dass gegen ihn laufende Verfahren wegen Bestechung und Steuerhinterziehung für die Dauer seiner Amtszeit ausgesetzt wurden und damit zum Teil zu verjähren drohen.
"Lodo Schifani"
Der "Lodo Schifani" oder "Lodo Maccanico-Schifani" wurde im Juni 2003 unter Protesten der Opposition verabschiedet. Im Januar 2004 erklärte ihn das Verfassungsgericht für verfassungswidrig, weil er unter anderem den Gleichheitsgrundsatz in der Verfassung verletze. Er gewährte den vier ranghöchsten Politikern Italiens Immunität und begünstigte damit den amtierenden Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi , indem alle gegen ihn laufenden Gerichtsverfahren für die Dauer seiner Amtszeit eingestellt wurden.
Das Gesetz heißt nach dem Berlusconi-Anhänger, Juristen und Politiker Renato Schifani , der das Gesetz zusammen mit Antonio Maccanico ausarbeitete.
"Lodo Alfano"
Der "Lodo Alfano" ist fast identisch mit dem gescheiterten "Lodo Schifani" und wurde - ebenfalls auf Drängen von Ministerpräsident Silvio Berlusconi - 2008 nur zwei Monate nach dessen dritter Wiederwahl als Regierungschef verabschiedet. Im Oktober 2009 setzte das Verfassungsgericht auch dieses Gesetz außer Kraft, weil es gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoße. Damit verliert der Regierungschef seine Immunität , und mehrere der eingestellten Verfahren gegen ihn könnten wiedereröffnet werden.
Das Immunitätsgesetz heißt nach Berlusconis Justizminister Angelino Alfano .
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Anti-Berlusconi-Demo: Auf Stelzen gegen den "Cavaliere"


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