Von Sebastian Fischer, Washington
Sie sind die Guten. Immer. Nicht ohne Brüche im Leben, aber stets integer, moralisch sauber. Das sind die Secret-Service-Agenten, wie wir sie aus Hollywood kennen. Zum Beispiel Kevin Costner in "Bodyguard"; zum Beispiel Clint Eastwood im Film "In the Line of Fire". Sie riskieren ihr Leben für andere. Nur eine schöne Illusion?
Die Realität jedenfalls scheint eine andere zu sein. Seit gut einer Woche erschüttert ein Sex-Skandal den Secret Service. Und Tag für Tag kommen neue, pikante Details ans Tageslicht.
Mittlerweile mussten neun Mitarbeiter aus Amerikas Elite-Truppe ausscheiden, drei wurden von den stärksten Vorwürfen entlastet. Zugleich ermittelt das US-Verteidigungsministerium gegen zwölf Militärs. Sie alle sollen Anfang April mit Prostituierten in einem Hotel in Cartagena, Kolumbien, verkehrt haben. Eigentlich waren die Scharfschützen und Sprengstoffexperten als Vorhut dort, sie sollten die Teilnahme von Präsident Barack Obama am Amerika-Gipfel absichern.
Warum ist das so pikant? Schließlich findet sich offenbar nirgends in den Regeln des Secret Service ein konkretes Verbot für Agenten, sich in fremden Ländern mit Frauen einzulassen. Die "New York Times" zitiert einen vom Secret Service informierten Regierungsmitarbeiter. "Die sagten mir: 'Wir klären all unsere Agenten auf, dass sie im Falle einer Dienstreise nach Amsterdam kein Marihuana rauchen dürfen.' Aber sie konnten uns nicht sagen, ob es eine konkrete Regel gibt, die darüber bestimmt, ob ein Agent im Auslandseinsatz die Nacht mit einer Frau verbringen darf."
Vier Präsidenten starben bei Attentaten
Soweit die rechtliche Lage: verworren. Dass sich der Vorfall dennoch zum Skandal entwickelte, hat tieferliegende Ursachen. Es ist das Selbstverständnis dieser Elite-Truppe, das nun angekratzt ist. Der Secret Service ist ein Symbol der Stärke, Unverletzlichkeit und Integrität für die amerikanische Nation. Genau so, wie ihn Hollywood eben inszeniert hat. Die Agenten bürgen für die Sicherheit der Präsidenten, Vizepräsidenten und deren Familien. Sie schützen auch Präsidentschaftskandidaten wie Mitt Romney. Seitdem Präsident William McKinley im Jahr 1901 bei einem Attentat starb, ist der Job des Secret Service klar definiert: Die Nummer eins der Nation schützen, egal um welchen Preis. Und wenn es das eigene Leben ist.
Vier Präsidenten sind bei Attentaten ums Leben gekommen: Neben McKinley sind dies Abraham Lincoln (1865), James A. Garfield (1881) und John F. Kennedy (1963). Zehn Präsidenten haben Anschläge überlebt, in vielen Fällen hatten sie dies dem Secret Service zu verdanken.
War nun in Kolumbien Obamas Sicherheit gefährdet? Bisher sind keine Beweise gefunden worden, dass sich die mehr als 20 Prostituierten auch als Agenten für fremde Mächte oder sonstige Organisationen verdingten. Nein, erklärte am Mittwoch auch Heimatschutzministerin Janet Napolitano, deren Haus der Secret Service zugeordnet ist: "Es gab kein Risiko für den Präsidenten." Man werde den Fall jetzt aufklären, "jeden Stein umdrehen", versprach sie bei der Anhörung vor einem Kongressausschuss in Washington. Die Vorwürfe aber seien "unentschuldbar".
Nächster Skandal in Brasilien?
Napolitano ist auf der Hut. Sie weiß: In einem Wahljahr wie 2012 steht viel auf dem Spiel. Geradezu vorsichtig beantwortete die Ministerin deshalb eine der zentralen Fragen: Handelt es sich beim kolumbianischen Sex-Skandal um die Verfehlung einzelner Agenten? Oder ist hier nur die Spitze des Eisbergs zu erkennen, steckt dahinter gar ein Muster? In den vergangenen zweieinhalb Jahren, sagte Napolitano, habe der Secret Service 900 Reisen ins Ausland und 13.000 Inland-Trips gesichert; und während des gesamten Zeitraums sei keine solche Beschwerde eingegangen. Und dann fügte sie mit Blick auf den aktuellen Fall hinzu: "Es gab also nichts in den Protokollen, das auf ein solches Verhalten hindeuten konnte." Nichts in den Protokollen - das ist reichlich defensiv.
Davon unabhängig musste die US-Regierung jetzt einen weiteren Vorfall einräumen, in den eine Prostituierte verwickelt war. Schauplatz diesmal: Brasilien, im vergangenen Dezember. Nach Angaben von Verteidigungsminister Leon Panetta kam es zwischen drei Marineinfanteristen sowie einem Mitarbeiter des Außenministeriums zu einem Streit mit einer brasilianischen Prostituierten. Panetta sprach von "nicht akzeptablem" Verhalten. Das Außenministerium erklärte, die Frau habe versucht, in das fahrende Auto der Vier zu gelangen. Dabei sei sie gestürzt und habe sich verletzt.
Obama: "Gruppe von Schwachköpfen"
Obama indes gibt sich alle Mühe, den Ruf des Secret Service halbwegs sauber zu halten: Die vom Skandal betroffenen Mitarbeiter nannte er eine "Gruppe von Schwachköpfen". Er wisse nicht, was sie sich gedacht hätten. Aber deshalb seien sie ja jetzt auch nicht mehr dabei. Für den Secret Service als Ganzes aber hatte der Präsident nur Lob übrig: "Diese Kerle sind unglaublich. Sie beschützen mich. Sie beschützen Michelle. Sie beschützen unsere Mädchen." Das Signal: Vertrauen. Obama bleibt auch gar nichts anderes übrig. Wenn er sich auf jemanden verlassen muss, dann sind es seine direkten Leibwächter. Von dieser Gruppe war zudem nach bisherigen Erkenntnissen niemand in den Fall Cartagena verwickelt.
Zudem befindet sich der Präsident gewissermaßen in einer Zwickmühle: "Wie willst du dich hinstellen und ausgerechnet jene Leute kritisieren, die für dich eine Kugel übernehmen würden?", bemerkte ein Regierungsmitarbeiter über Obamas Verhältnis zum Secret Service in der "New York Times".
Klar ist: US-Parlamentarier, insbesondere die Republikaner sowie der unabhängige Senator Joseph Lieberman, werden weitere Untersuchungen verlangen, mehrere Ausschüsse sind mit der Materie befasst. Liebermann hat bereits vermeldet, Informanten hätten in seinem Büro angerufen und Hinweise auf frühere Verhaltensverstöße von Secret-Service-Mitarbeitern gegeben. Peter T. King, der republikanische Vorsitzende des Ausschusses für "Homeland Security" im Repräsentantenhaus, nannte den Skandal "den schlimmsten Moment" in der Geschichte des Secret Service.
Mit einer Fortsetzung ist also zu rechnen.
Mit Material von AFP
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