Sex-Skandal um Gouverneur Sündenfall auf Zimmer 871

Teure Callgirls, Affären in Hotelzimmern, Geldwäsche: New Yorks Gouverneur Eliot Spitzer, bekannt als knallharter Staatsanwalt und Verfolger der bösen Buben der Wall Street, ist in eine Prostitutionsaffäre verstrickt. Er steht vor dem Ende seiner Karriere.

Von , New York


New York - Es klang erst wie ein schlechter Witz, ein verfrühter Aprilscherz. "Eliot Spitzer in Prostitutionsring verstrickt", stand gestern Mittag plötzlich in breiten, fetten Lettern auf der Website der "New York Times".

New Yorks Gouverneur Spitzer: "Ich entschuldige mich bei der Öffentlichkeit, der ich Besseres versprochen hatte"
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New Yorks Gouverneur Spitzer: "Ich entschuldige mich bei der Öffentlichkeit, der ich Besseres versprochen hatte"

Vor allem den Journalisten, die den ehrpusseligen Gouverneur New Yorks am besten kannten, stockte der Atem. "Absolut schockierend", ächzte Jeffrey Toobin, der mit Spitzer in Harvard Jura studiert und dessen Karriere für CNN und den "New Yorker" begleitet hat. Saubermann Spitzer? "Meister Proper", der seinen Aufstieg den Sündenfällen anderer verdankt, die er einst als Staatsanwalt so gnadenlos verfolgt hat? Kann das sein?

Doch mit Eliot Spitzer macht die "New York Times" keine Witze. Es ist ein realer Kriminalfall - und eine persönliche Tragödie, die sich wie eine jener Klageschriften liest, mit denen der knallharte Starjurist Spitzer seinerseits so vielen Firmenchefs an der Wall Street das Leben zur Hölle gemacht hatte, bevor er im vergangenen Jahr Gouverneur wurde. Teure Callgirls, Affären in Hotelzimmern, Geldwäsche über Tarnkonten: Was Spitzer früher ringsum geißelte, wurde jetzt bitterer Ernst für ihn selbst - und seine Familie.

Die beißende Ironie blieb keinem verborgen, vor allem wohl ihm selbst nicht. Eineinhalb Stunden nach der "NYT"-Schlagzeile erschien der Demokrat gebeugt vor den TV-Kameras in seinem Büro auf Manhattans East Side, an seiner Seite Gattin Silda. Beide hatten glasige Augen. Ein paar seiner Berater weinten leise.

"Ich habe mich auf eine Weise verhalten, die die Verpflichtungen an meine Familie verletzt und meinen - oder jeden - Sinn von Recht und Unrecht verletzt", las Spitzer, 48, stockend von einem Blatt Papier. "Ich entschuldige mich zuerst und vor allem bei meiner Familie. Ich entschuldige mich bei der Öffentlichkeit, der ich Besseres versprochen hatte."

Ein kryptisches Statement: Weder Geständnis noch Dementi, bar jeder Details. Er sprach nicht mal eine Minute und verweigerte sich dann allen Fragen. "Treten Sie zurück?", brüllte ein Reporter. Spitzer steckte nur das Blatt Papier wieder in die Sakkotasche und verließ wortlos den Raum.

Die Börse jubelt: "Es gibt noch einen Gott"

Es dauerte natürlich nicht lange, bis die Geschichte trotzdem in all ihren Details durchsickerte, eifrig von Insidern kolportiert. Prompt machte die 47-seitige, gemeinsame Anklageschrift des New Yorker Oberstaatsanwalts Michael Garcia, des FBI und der Steuerbehörde IRS gegen besagten Callgirl-Ring die Runde. Prompt wurde "Kunde 9", der im Februar eine Hure in ein Hotel bestellt habe, in allen New Yorker Medien namentlich als Eliot Spitzer identifiziert. Und der TV-Wirtschaftssender CNBC zitierte einen schadenfreudigen Börsenhändler mit dem Stoßseufzer: "Es gibt noch einen Gott."

Denn Spitzer, von 1998 bis 2006 der berühmt-berüchtigste Generalstaatsanwalt New Yorks, hatte seinen Ruf als Law-and-Order-Mann und Nemesis der Wall Street erfolgreich in den Gouverneursposten umgemünzt, indem er die Verfehlungen von Konzernchefs nicht nur an den Pranger stellte, sondern auch strafrechtlich ahndete. Dabei hatte er sich zahllose Feinde gemacht, gerade in der Finanzwelt, die sich jetzt vor lauter Häme überschlugen.

"Kaiser Eliot", höhnte der Börsenblog "Dealbreaker", in Anspielung auf den Namen des inkriminierten Prostitutionsrings "Emperors Club VIP" ("Kaiserclub VIP"). Auf den Handelsparketten sei die Nachricht mit "Wogen des Gelächters" begrüßt worden, berichtete ein Leser des Blogs: "Oh Mann, wir brauchten etwas Spaß an diesem Tag!" Andere nannten es die "die tollste Story überhaupt", "phantastisch", einen "Traum".

Ein Alptraum aber, wiewohl selbstverschuldet, für Spitzer und seine Familie (er hat drei Töchter im Teenager-Alter). Und wie so viele dieser Dramen, bei denen ein Machtmann über Sex vorübergehend sein Urteilsvermögen verliert (Bill Clinton, Mark Foley, Larry Craig), eine Parabel von erschütternder Banalität.

Mitschnitte aus dem "Emperors Club VIP"

Spitzer fiel den Berichten zufolge ausgerechnet jenen Ermittlungsmethoden zum Opfer, die er selbst perfektioniert hatte. Die Fahnder hatten den "Emperors Club VIP" schon lange im Visier - Prostitution ist in New York, wie in den meisten US-Staaten, illegal. Die Schlinge zog sich zu, nachdem die Telefongespräche des Rings monatelang abgehört worden waren.

Aus diesen Mitschnitten bauten die Ermittler ihre Anklage gegen die vier Betreiber des "Clubs" - ein Quartett aus New Jersey, Brooklyn und Rhinebeck bei New York, das vorige Woche verhaftet wurde. Sie hätten mit rund 50 Prostituierten mehr als eine Million Dollar verdient und diese über Tarnkonten und Scheinfirmen reinzuwaschen versucht.

Die Anklage bietet einen seltenen Einblick in die Welt der internationalen Hochpreis-Prostitution. Die "Emperors"-Girls - verfügbar in New York, Los Angeles, Miami, London und Paris - kosteten demzufolge zwischen 1000 und 5500 Dollar pro Stunde. Auch "ausgedehnte Dates" seien arrangiert worden, für bis zu 50.000 Dollar.

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