Sexaffären-Bericht: Proteststurm gegen McCain-Enthüllung der "New York Times"

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Alles nur heiße Luft - oder wichtige Enthüllung im Wahlkampf? Die "New York Times" bleibt in ihrer Berichterstattung über eine angebliche Sexaffäre John McCains Beweise schuldig. Jetzt kehrt sich die Stimmung gegen die renommierte Zeitung: Hat sie journalistische Standards verletzt?

Washington - Wenn es stimmt, dass ein Journalist alles richtig gemacht hat, sobald er von allen Seiten Kritik erntet - dann muss Bill Keller, Chefredakteur der "New York Times" ("NYT"), sich gerade wie ein erstklassiger Journalist fühlen. Einen Tag nachdem die Zeitung über eine angebliche Beziehung des verheirateten republikanischen Präsidentschaftsbewerbers John McCain zur Washingtoner Lobbyistin Vicki Iseman berichtete, sieht sie sich massiven Angriffen ausgesetzt. Von den Betroffenen, aber auch von Journalisten und Lesern.

Republikanischer Präsidentschaftsbewerber McCain (mit Frau Cindy): Enttäuschung über die "New York Times"
AFP

Republikanischer Präsidentschaftsbewerber McCain (mit Frau Cindy): Enttäuschung über die "New York Times"

Senator McCain, der gestern Morgen an der Seite seiner Frau Cindy alle Behauptungen des Textes zurückwies, zeigte sich "enttäuscht" über die "New York Times". Sein Pressesprecher sprach von einer "Schmierkampagne". McCains Wahlkampfmanager Rick Davis sagte der Zeitung sogar den Kampf an: Davis rief die Anhänger des Senators in einer E-Mail dazu auf, Geld zu spenden, um McCain "vor der linken Angriffsmaschine zu verteidigen".

Der erzkonservative Radiomoderator Rush Limbaugh, sonst ein erbitterter McCain-Gegner, nannte das "NYT"-Stück "Klatsch". Der bekannte US-Medienkritiker Howard Kurtz bemängelte auf CNN, dass sich die Geschichte auf so viele anonyme Quellen verlasse: "Wenn man einen kontroversen Artikel über einen Präsidentschaftsbewerber ohne Namen veröffentlicht, setzt man sich dieser Art von Kritik aus." Rick Stengel von "Time" sagte MSNBC, er hätte den Text nicht veröffentlicht. Mehr als 2000 "NYT"-Leser trugen online Kommentare ein - sehr viele davon kritisch.

"Where is the beef?"

Tatsächlich drängt sich bei der Lektüre des Textes die Frage auf, die schon US-Präsidentschaftswahlkämpfe entschieden hat: "Where is the beef?" - Wo steckt die Substanz? Der ausführliche Bericht schlingert reichlich unentschlossen zwischen zwei explosiven Anschuldigungen hin und her: der einer "romantischen Beziehung" (gemeint: eine sexuelle Beziehung) McCains mit Iseman vor neun Jahren. Und der vielleicht noch wichtigeren Frage, ob der vermeintliche Anti-Lobby-Kreuzzügler McCain sich für vertraute Lobbyisten über Gebühr einsetzte.

Washingtoner Lobbyistin Vicki Iseman: Berichte über eine angebliche Affäre mit John McCain
REUTERS

Washingtoner Lobbyistin Vicki Iseman: Berichte über eine angebliche Affäre mit John McCain

Die "NYT" bleibt den klaren Beleg in beiden Fällen schuldig. Zwar stützt sich der Artikel neben vielen anonymen auch auf einige namentliche Quellen, darunter den ehemaligen McCain-Mitarbeiter John Weaver. Der wird unter anderem zu Bedenken im Beraterkreis über die enge Beziehung des Senators mit Iseman zitiert - und zu einem Treffen, in dem Weaver der Lobbyistin signalisiert haben soll, sich von McCain fernzuhalten. Doch gestern sagte er dem Polit-Blog "The Fix" der "Washington Post": "Senator McCain habe ich von dem Treffen mit Iseman nichts gesagt. Dass sie anderen Leuten in Washington von ihrem engen Kontakt zu McCain erzählte, konnte ein Problem für unseren Wahlkampf werden. Das sagte ich ihr bei dem Treffen. Nicht mehr und nicht weniger."

Möglich ist also, dass sich die Debatte in den nächsten Tagen vor allem um die Rolle der "New York Times" bei der Recherche und Präsentation der Vorwürfe gegen John McCain drehen wird - also eher zu einem Medien- als einem Politdrama avanciert.

Das wird gerade schon in allen Facetten ausgeleuchtet. Fest zu stehen scheint mittlerweile: Die "NYT" hat seit Monaten an dem Stück recherchiert - und lange intern heftig darum gerungen, ob und wie der Artikel veröffentlicht werden soll. Diese Diskussionen blieben nicht auf die Redaktion beschränkt, sondern fanden unter reger Anteilnahme der amerikanischen Medienwelt statt. Schon am 20. Dezember schrieb der berüchtigte "Drudge Report" - der einst die Monica Lewinsky-Affäre enthüllte - über Versuche McCains, die Geschichte zu verhindern.

Laut der Zeitschrift "The New Republic" verfolgten auch dessen Parteirivalen diese Entwicklung höchst aufmerksam. Der Pressesprecher von Mitt Romney, einer der aussichtsreichsten Mitbewerber im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur, soll einen "NYT"-Reporter direkt gefragt haben, wann die Geschichte endlich erscheine. Eine Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt hätte die Chancen McCains auf die Kandidatur erheblich beschädigt - und Romneys verbessert.

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