Sexskandal der US-Republikaner: "Mal was Exotisches tun"

Von , New York

Tränenbeichte eines bigotten Moral-Vorkämpfers: Schon wieder muss ein Republikaner einen Sexskandal gestehen. Mark Sanford, Gouverneur und heißer Kandidat für die Präsidentenwahl 2012, hatte eine Affäre in Argentinien - die nur aufflog, weil er ohne jede Notiz bei "Maria" in Buenos Aires abgetaucht war.

Der Gouverneur braucht ganze acht Minuten, um zur Sache zu kommen. Zunächst schwafelt er scheinbar steuerlos von seiner Jugend, von "abenteuerlichen" Wanderungen durch die Appalachen. Springt dann plötzlich zu aktuellen politischen Fragen. Und beginnt sich schließlich pauschal zu entschuldigen.

Bei seiner Gattin.

Seinem Schwiegervater.

Seinem besten Freund.

Bei "gläubigen Menschen".

Und am Ende bei "jedem, der in South Carolina lebt".

Schnell hat Mark Sanford feuchte Augen. Er muss mehrmals abbrechen, bevor er sich endlich dazu durchringt, tatsächlich zu enthüllen, wofür er eigentlich um Entschuldigung bittet. "Ich habe meine Frau betrogen", sagt der 49-Jährige - zu dem Zeitpunkt überrascht das keinen wirklich mehr.

Und so findet am Mittwochabend Ortszeit in der Säulenrotunda des Kapitols von South Carolina die wohl bizarrste Episode in der turbulenten Geschichte dieses Südstaates ihren vorläufigen Höhepunkt. Fast sechs Tage lang war der Republikaner Sanford komplett abgetaucht. Einfach verschwunden. Selbst den US-Vatertag verpasste der vierfache Vater. Eine fadenscheinige Erklärung jagte die andere. Er ist in Kur. Er ist wandern. Er macht Sightseeing in Südamerika. Sanfords Gattin lässt ausrichten, sie wisse selbst nichts, und es sei ihr auch egal. Spätestens da ist klar, in welche Richtung sich der Fall entwickeln dürfte.

Schließlich taucht Sanford am Mittwoch wieder auf - und gesteht bei einer der absurdesten Pressekonferenzen in der jüngeren Geschichte der USA, er habe eine Affäre mit einer Señorita in Buenos Aires. "Eine liebe, liebe Freundin", mit der er jahrelang ein platonisches Fernbündnis unterhalten habe, aus dem dann "diese ganze funkelnde Sache" geworden sei.

Sanford verstrickt sich in intimste Details, geißelt sich als "selbstsüchtig", beschwört "die Odyssee, auf der wir alle in unserem Leben gehen". Die argentinische Affäre sei vor einem Jahr ernst geworden. Gattin Jenny habe seit fünf Monaten Bescheid gewusst. Sie lebten getrennt, befänden sich in Eheberatung.

"Es war, als schaue man einem Mann dabei zu, wie er sich selbst anzündet", schreibt John Dickerson später mitleidig im Online-Magazin "Slate". Die Beichte des strenggläubigen Episkopalen, der einst die Hetzjagd auf Bill Clinton wegen dessen Lewinsky-Affäre mit vorantrieb, wird live über alle Nachrichtensender verbreitet - und wirkt am Ende wie eine Telenovela, eine dieser gefühlstriefenden, lateinamerikanischen Seifenopern.

Sanford seufzt, wimmert, weint ein bisschen. Weshalb später nicht nur spitzfedrige Blogger das unvermeidbare Leitmotiv dieses Dramas finden: "Don't cry for me, Argentina."

Sanford - das war immer ein Bannerträger seiner Partei, ein potentieller Präsidentschaftskandidat für 2012. Einer, der sich erst kürzlich im Kampf gegen Barack Obamas Konjunkturpaket wacker profiliert hatte. "Er hätte unser JFK sein können", jammert Radio-Talker Rush Limbaugh.

Hätte. Denn nun ist Sanford schwer beschädigt. Als Vorsitzender der republikanischen Gouverneursvereinigung ist er schon zurückgetreten, auf seinem Amt als Gouverneur beharrt er, zumindest noch - aber das ändert nichts daran, dass er seiner Partei enorme Probleme bereitet. Er ist schon der zweite Republikaner binnen einer Woche, der außerehelichen Eskapismus eingestehen musste.

Erst am vergangenen Dienstag musste sich Senator John Ensign, bis dahin die Nr. 4 in der Partei, zu einem Verhältnis mit einer Wahlhelferin bekennen. Pikanterie der Geschichte: Während sich Ensign hinter verschlossener Tür seine Kongresskollegen um Entschuldigung bat, war Sanford noch in Buenos Aires. Als ihn dann eine clevere Lokalreporterin tags darauf am Flughafen von Atlanta abfing, stotterte er, ihm habe nach "was Exotischem" der Sinn gestanden.

Für das Image der Republikaner, der selbst ernannten Partei der Moral, sind solche Ausfälle verheerend. Zumal sie gerade einen neuen Kulturkampf begonnen hat - im Streit um die Schwulenehe stand Sanford, 49, ganz vorne im Glied jener, die die "geheiligte Institution der Ehe" vor den "Angriffen" gleichgeschlechtlicher Sünder schützen wollen.

Was er selbst von der Institution Ehe hält, hat Sünder Sanford lange vertuscht - wie so viele vorgebliche Sittenwächter vor ihm. Jetzt kommt die Erinnerung wieder hoch an Mark Foley (liebte blutjunge Kongresspagen), Larry Craig (liebte Flughafentoiletten), David Vitter (liebte Prostituierte).

Die Demokraten haben auch ihre Affären, von Bill Clinton über Eliot Spitzer bis John Edwards - aber den Vorwurf der Bigotterie müssen sich eben nur die Republikaner machen lassen. Der Republikaner Bob Inglis sprach am Mittwoch von "stinkender Fäulnis der Selbstgerechtigkeit".

Selbst das ehrwürdige "Wall Street Journal" schlagzeilte am Abend der Sanford-Beichte: "Sexskandale sabotieren Republikaner-Bemühungen zur Neubildung". Tatsächlich hat die Partei, die vor einigen Monaten noch an der Macht war, eigentlich ganz andere Probleme. 2006 verlor sie die Mehrheit im Kongress, 2008 das Weiße Haus, seither versinkt sie in Führungskämpfen und schrillen Kampagnen - und wird nun auch noch als Hort der Scheinheiligen enttarnt.

Zumal die Affäre Sanford noch nicht ausgestanden ist. Wer hat für die mindestens drei Lustreisen nach Argentinien bezahlt, die Sanford zugibt? Er selbst? Der Steuerzahler?

In aller Breite wird in den US-Medien jetzt dargelegt, wie die Affäre sich entwickelt hat. "The State", Stanfords Heimatzeitung, zitiert zum Beispiel episch aus einem E-Mail-Wechsel des Gouverneurs und seiner "Maria" - dieser Name findet sich darin - vom 10. Juli 2008 (!), der offiziell als authentisch bestätigt worden sei:

"Ich könnte abschweifen und sagen, dass Du prachtvolle weiche Küsse geben kannst, oder dass ich Deine Bikinistreifen liebe, oder dass ich die Rundungen Deiner Hüften liebe, die erotische Schönheit, wenn Du Dich (oder zwei prachtvolle Teile Deines Körpers) im schummerigen Licht der Nacht zeigst - aber hey, da würde ich jetzt ja in sexuelle Details gehen..."

Ebenso akribisch wie diesen E-Mail-Verkehr recherchieren Reporter nun nach, wie der Gouverneur die vergangene Woche verbracht hat. Abgetaucht ist er am Donnerstag, ohne Erklärung - er fuhr mit dem Dienstwagen eines Sicherheitsbeamten zum Flughafen, wo das Funksignal seines Mobiltelefons ein letztes Mal registriert wurde.

Schon am Freitag murrten dann die ersten Kollegen. Wo denn der Gouverneur sei, fragte der republikanische Senator Jake Knotts. Was passiere, wenn es einen Notfall gäbe, einen "Gefängnisaufstand oder so was von der Art"? Sanford habe niemandem seine Amtsgewalt offiziell übertragen, der Staat sei führungslos.

Das Mysterium bekam übers Wochenende immer mehr Aufmerksamkeit. Der Gouverneur blieb "AWOL", "Absent Without Leave", wie das Desertieren im US-Militärjargon heißt. Sein Büro gab zu, ihn nicht erreichen zu können.

"Es ist Montag - wissen Sie, wo Ihr Gouverneur ist?", begrüßte dann CNN-Anchorman John Roberts die Zuschauer seiner Frühstücksshow "American Morning".

Schließlich gab Sanfords Sprecher Joel Sawyer ein kryptisches Statement heraus: "Gouverneur Sanford hat sich etwas freigenommen, um nach dem Konjunkturpaket-Streit seine Batterien aufzuladen." (Sanford hatte es als erster Gouverneur abgelehnt, Bundesgelder anzunehmen, war aber von seinem eigenen Landesparlament überstimmt worden.)

Die Erklärung warf mehr Fragen auf, als sie beantwortete. Am späten Montagabend folgte deshalb eine aktualisierte Version. Sanford befinde sich auf einer Wanderung über den Appalachian Trail, einen Fernwanderweg durchs Appalachengebirge von Maine bis nach Georgia, also doch nicht durch South Carolina.

Dann bekam "The State" einen anonymen Tipp und schickte Reporterin Gina Smith zum Flughafen von Atlanta. Dort fing sie am Mittwochvormittag tatsächlich den Gouverneur ab - arglos einem Linienjet aus Buenos Aires entsteigend. Fotos zeigen ihn gut gebräunt und im Freizeithemd, Pass in der Brusttasche.

Sanford log, er habe sich in letzter Minute gegen die Appalachen entschieden, und sagte eben jenen Satz: "Ich wollte mal was Exotisches tun."

"The State" konfrontierte Sanford kurz darauf mit besagtem E-Mail-Wechsel, der der Zeitung seit Dezember vorlag - worauf der Gouverneur nicht mehr anders konnte, als seine Offenbarungspressekonferenz abzuhalten.

Ehefrau Jenny Sanford, 46, meldete sich später per Presseerklärung selbst zu Wort. Sie liebe ihren Mann, teilte sie mit. Anfangs habe sie auf "Versöhnung durch Vergebung" gehofft - aber am Ende ihren Söhnen nicht mehr in die Augen sehen können.

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