Sexskandal in Moskau "Dissident, hast du schon mit Katja geschlafen?"

Sexvideos, Drogen und eine geheimnisvolle Schönheit: In Russland werden Kreml-Kritiker mit Geheimdienstmethoden unter Druck gesetzt. Moskau rätselt über die Hintermänner des Skandals - und fürchtet weitere Enthüllungen.

REUTERS

Von , Moskau


Wiktor Schenderowitsch, 51, ist ein Meister des geschliffenen Wortes: pointiert wie Harald Schmidt, scharfzüngig und politisch wie der deutsche Kabarettveteran Dieter Hildebrandt. Der Moskauer Satiriker und Moderator ist ein Meister der Provokation. Einst verulkte er Wladimir Putin in seiner Sendung "Kukly - Puppen". Schenderowitsch verglich ihn mit dem entstellten Schrat "Klein Zaches, genannt Zinnober" aus dem Märchen des deutschen Dichters E. T. A. Hoffmann. "Mein Gott," seufzt in Schenderowitschs Persiflage Putins Ziehvater Boris Jelzin, "warum ist mir, einem Demokraten durch und durch, solch ein Wesen erwachsen?"

Jetzt ist Schenderowitsch selbst zum Gespött der Nation geworden - weil er in eine Sexfalle tappte. Im Internet ist ein Video aufgetaucht. Es zeigt den verheirateten Autor, nackt und beim Geschlechtsverkehr mit einer deutlich jüngeren Dame: Anfang 20, langbeinig, brünett, Katja, genannt "Mumu".

Katja Gerasimowa, ein Moskauer Gelegenheitsmodel, hat es im russischen Internet inzwischen zu zweifelhaftem Ruhm gebracht. Ihren Reizen ist offenkundig eine ganze Reihe von Kreml-Gegnern erlegen: der Führer der linksradikalen Nationalbolschewiken, Eduard Limonow, etwa, der einst Arm in Arm mit Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow die Opposition gegen Putin auf die Straße führte. Oder der Chef der "Bewegung gegen Illegale Einwanderung", Alexander Potkin.

"Das ist das Werk der Staatsmacht", klagt nun Schenderowitsch, man wolle ihn "diskreditieren und erpressen". Tatsächlich gleicht die Schmutzkampagne gegen die Kreml-Kritiker jenen Praktiken, mit denen einst der sowjetische Geheimdienst KGB Dissidenten und ausländische Diplomaten unter Druck setzte.

Verbreitet wurde das Video Ende der Woche über die Web-Seite kanal911.com. Deren Betreiber verstecken sich hinter der kryptischen Bezeichnung "Gesellschaftliches Komitee zum Schutz von Moral, Gesetz und bürgerlichem Einverständnis", einer Spiderman-Maske - und einem Server im fernen China.

Ein paar Sexspielzeuge im Schrank

Schenderowitsch, Potkin und Limonow sind nicht die einzigen, die sich im Netz von Katja und ihren Hintermännern verheddert haben. Bereits im März löste ein ähnliches Video mit Michail Fischman, Chefredakteur der vom deutschen Axel-Springer-Verlag herausgegebenen russischen "Newsweek"-Ausgabe, einen Skandal aus. Manche der Aufnahmen zeigen den 37-jährigen Journalisten nackt, einmal nimmt er ein weißes Pulver zu sich - vermutlich Kokain. "Michi Fischman ist ein Junkie", spottet das Video, aufgenommen in demselben verwanzten Apartment. Auch Fischman ist der geheimnisvollen Katja auf den Leim gegangen. Wie zufällig hatte sie ihn an einem lauen Sommerabend nach der Arbeit abgepasst, dann trafen sie sich wieder, begannen eine Affäre.

Aber Katja ist nicht der einzige Lockvogel. Journalisten und Oppositionsaktivisten in Moskau berichten von mindestens zwei weiteren jungen Frauen, die auf sie angesetzt wurden. Ilja Jaschin, 28, Aktivist des Oppositionsbündnisses und Kolumnist der regierungskritischen "Nowaja Gaseta", hat im Internet bekannt, sich ebenfalls regelmäßig mit Katja getroffen zu haben. Erst als sie eine weitere Gespielin zum Geschlechtsverkehr hinzubat und allerlei Sexspielzeuge aus dem Schrank zauberte, schöpfte Jaschin Verdacht - und suchte das Weite.

Er ist schon öfter Opfer von Angriffen unter der Gürtellinie geworden. Mal ließ man ihm Transvestiten nachstellen und die Szenen filmen, mal versuchten Aktivisten der Jugendgruppen des Kreml, den Jungpolitiker mit Fäkalien zu überschütten.

Doch die jetzigen Attacken auf Kreml-Kritiker haben eine neue Qualität. Die Sexstreifen sind aufwendig produziert, aufgenommen in einer konspirativen Wohnung von mindestens einem halben Dutzend verschiedener Kameras, sorgsam verborgen vor den Blicken der Opfer. Zudem begann die konzertierte Operation "Katja" bereits im Jahr 2008.

Kreml-treue Jugendgruppen beteuern vehement, nicht in den Skandal verwickelt zu sein. Die Web-Seite der "Jungen Garde" aber, der Jugendorganisation der Putin-Partei "Einiges Russland", feiert das "Mädchen Katja, das die Opposition entlarvte". Ein der Sowjetpropaganda nachempfundenes Plakat fragt auf der Homepage gar "Dissident, hast du schon mit Katja geschlafen?"

Weitere Videos und noch mehr Betroffene?

Moskau rätselt. Haben doch die Putin-treuen Jugendgruppen die Schmuddelvideos gedreht? Oder wurden sie von Geheimdienstkreisen in Auftrag gegeben?

Weder Fischmans "Newsweek" noch der eloquente Schenderowitsch oder der junge Jaschin stellen ernstlich eine Bedrohung für Russlands Machtelite dar.

Zudem zeichnet sich gerade eine zarte Liberalisierung der russischen Öffentlichkeit ab. So empfing der junge Präsident Dmitrij Medwedew demonstrativ den Chefredakteur der dauerrenitenten "Nowaja Gaseta" im Kreml zum Interview. Demonstrationen von Kreml-Gegnern werden nicht mehr von Sonderpolizisten auseinandergeknüppelt, sondern geduldet. Und der mächtige Premierminister Wladimir Putin wird vor laufenden Kameras des Staatsfernsehens öffentlich kritisiert. Vor zwei Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

Warum also - und weshalb jetzt?

Medwedews Apparat hatte sich nach der Attacke auf den "Newsweek"-Chefredakteur demonstrativ hinter Fischman gestellt. Der Pressedienst des Präsidenten veranlasste die Veröffentlichung eines offenen Unterstützerbriefes, unterzeichnet von Chefredakteuren führender Zeitungen und Magazine, darunter auch die Regierungstreue "Iswestija".

Jetzt zeigt sich: Die Solidaritätsadresse aus dem Kreml hat das Treiben nicht stoppen können. Unter der Hand heißt es nun in Moskau, es gebe noch weitere Videos und noch mehr Betroffene. Dann wären die bislang veröffentlichen Bänder lediglich Teil eines viel größeren Intrigenspiels - und eine Warnung an hochrangige Würdenträger in der Umgebung des Präsidenten.



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.