Sgrena in Rom Ihr Retter starb in ihren Armen

Als die Gefahr schon vorüber schien, kam für Giuliana Sgrena der schrecklichste Augenblick: Der Mann, der bei den irakischen Geiselnehmern die Freilassung der italienischen Journalistin erreicht hatte, starb im Kugelhagel von US-Soldaten. Er hatte sich schützend über sie gebeugt. Italiens Premier Berlusconi soll außer sich vor Wut sein.


Sgrena nach ihrer Ankunft in Rom: Erschöpft und verstört
EPA/DPA

Sgrena nach ihrer Ankunft in Rom: Erschöpft und verstört

Rom - Sgrena schien starke Schmerzen zu haben, als man ihr heute in Rom aus dem Flugzeug half und zu einem Krankenwagen brachte. Über der verletzten Schulter trug sie eine Decke. Die erschöpft wirkende Journalistin wurde bei ihrer Ankunft von Ministerpräsident Silvio Berlusconi begrüßt. Anschließend wurde sie in ein Militärkrankenhaus gebracht, wo eine weitere Operation an ihrem Schlüsselbein vorgesehen war. In einem Bagdader US-Lazarett waren der Reporterin bereits am Freitagabend Munitionssplitter aus der Schulter entfernt worden.

"Wir dachten, die Gefahr sei nach meiner Rettung vorbei. Stattdessen plötzlich diese Schüsse, wir wurden von einem Kugelhagel getroffen", sagte die 56-Jährige nach ihrer Ankunft in Rom in einem Telefoninterview des Senders Rai News 24 über den Zwischenfall, als sich ihr Auto einer Straßensperre am Bagdader Flughafen näherte.

Witwe Rosa Maria Calipari: Ihr Mann schützte Sgrena
AP

Witwe Rosa Maria Calipari: Ihr Mann schützte Sgrena

Geheimdienstoffizier Nicola Calipari warf sich schützend über sie. "Ich sprach mit Nicola, als er sich über mich beugte - offensichtlich, um mich zu schützen. Und dann sackte er zusammen. Das war wahrlich schrecklich." Neben der Journalistin wurde noch mindestens ein weiterer Geheimdienstbeamter verletzt. Nach italienischen TV-Berichten befindet er sich in kritischem Zustand.

Ihr Lebensgefährte Pier Scolari zitierte die Journalistin mit den Worten: "Es war der schlimmste Moment, als ich zusehen musste, wie der Mensch, der mich gerettet hat, in meinen Armen starb."

Ihren Kollegen von der Zeitung "Il Manifesto" sagte sie, ihre Entführer hätten sie nie schlecht behandelt. Sgrena war am 4. Februar verschleppt worden. Der Herausgeber von "Il Manifesto", Gabriele Polo, sagte, Sgrena habe ihn mit den Worten "Hallo" und "Danke" begrüßt. Er habe geantwortet: "Es gibt keinen Grund, sich zu bedanken."

Sgrena widerspricht US-Angaben

Weg zum Bagdader Flughafen: "Das Fahrzeug fuhr nicht sonderlich schnell"
AP

Weg zum Bagdader Flughafen: "Das Fahrzeug fuhr nicht sonderlich schnell"

Italienische Zeitungen zufolge sollen Kommunikationsprobleme der Grund für die Tragödie gewesen sein: Die US-Soldaten seien wahrscheinlich nicht rechtzeitig über die Freilassung Sgrenas informiert worden. Nach Darstellung der US-Armee war der Wagen mit hoher Geschwindigkeit auf eine Straßensperre zugefahren. Der Fahrer habe Aufrufe zum Bremsen mehrfach ignoriert, hieß es in einer Erklärung. Dann hätten die Soldaten Warnschüsse abgegeben, bevor sie auf den Motorblock des Autos gezielt hätten. Sgrena widersprach nach ihrer Rückkehr dieser Darstellung und erklärte, das Fahrzeug sei nicht sonderlich schnell gefahren.

Der Zwischenfall verwandelte in Italien die Freude über Sgrenas Freilassung in Sorge und Verärgerung. Schließlich hatte es der italienische Geheimdienst in den vergangenen Wochen geschafft, Kontakte zu den Geiselnehmern herzustellen und sich auf eine friedliche Übergabe zu einigen. Drei Beamte holten Sgrena am Freitagnachmittag von ihren Geiselnehmern ab. Noch vom Auto aus telefonierte die Journalistin mit italienischen Politikern und soll dabei ausgerufen haben: "Sieg! Sieg! Danke!" Und dann die Schüsse an einem Kontrollpunkt der US-Truppen.

"Befreit. Und dann die Tragödie", titelt am Samstag die Zeitung "La Repubblica". Fast ungläubig schrieb sie weiter: "Keine Patrouille der Guerilla von Saddam und keine Terroristen von Sarkawi. Sondern eine amerikanische Einheit."

Berlusconi außer sich vor Wut

Berlusconi und Leibwächter auf dem Flughafen Campino: Außer sich vor Wut über den Vorfall
AP

Berlusconi und Leibwächter auf dem Flughafen Campino: Außer sich vor Wut über den Vorfall

Wirklich froh ist deshalb keiner in Italien. "Ich bin glücklich wegen Giuliana, aber ich kann mich nicht freuen", erklärt ihr Vater Franco. Auch Ministerpräsident Berlusconi wirkte wie versteinert. Schließlich war es Italien in der Vergangenheit mehrmals gelungen, gekidnappte Mitbürger im Irak durch Verhandlungen und ohne Tote nach Hause zu holen - wie zuletzt im Herbst 2004 die beiden humanitären Helferinnen Simona Pari und Simona Torretta.

Berlusconi bestellte umgehend den US-Botschafter ein und forderte eine lückenlose Aufklärung. "Für einen so schwerwiegenden Vorfall muss jemand die Verantwortung übernehmen", sagte der Politiker mit gereiztem Unterton. Berlusconi machte öffentlich zwar einen gefassten Eindruck, einem Zeitungsbericht zufolge soll er aber außer sich vor Wut gewesen sein. Präsident Carlo Azeglio Ciampi, der sich in seiner repräsentativen Rolle eigentlich mit politischen Äußerungen zurückhält, sagte: "Wie alle Italiener erwarte ich von den Vereinigten Staaten, dass sie diese schmerzhafte und tragische Episode aufklären."

US-Präsident George W. Bush drückte seinem Verbündeten Berlusconi in einem fünfminütigen Telefongespräch sein Bedauern aus und versprach umfassende Ermittlungen. Trotz der sichtbaren Verstimmungen erklärte Italiens Außenminister Gianfranco Fini umgehend, der Zwischenfall könne die Beziehungen Italiens zu den USA nicht beschädigen. Er sprach von einer unglücklichen Verkettung von Umständen, die zum Tod des Geheimdienstmannes geführt habe.

Dennoch dürfte der Tod des Agenten und die Verletzung der Journalistin die Kritik an der Irak-Politik der USA und der eigenen Regierung verstärken. "Die Vorstellung ist absurd, dass jemand von denen getötet wird, die von sich sagen, sie seien im Irak, um die Menschen zu schützen", sagte Piero Fassino, Chef der größten Oppositionspartei, der Linksdemokraten.

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