"Flucht aus Lager 14" Nordkoreanischer Dissident widerruft Teile seines Berichts

Er wurde gefoltert, sah Mutter und Bruder sterben: Der Nordkoreaner Shin Dong-hyuk hat ein Buch über sein Leben im Gulag geschrieben. Nun gibt er zu, unwahre Angaben zu Zeiten und Orten gemacht zu haben.

Shin Dong-hyuk: "Ich bitte um Vergebung"
REUTERS

Shin Dong-hyuk: "Ich bitte um Vergebung"


Die Geschichte von Shin Dong-hyuk liest sich wie ein Bericht aus der Hölle: Er kam in einem Umerziehungslager in Nordkorea zur Welt, wurde gefoltert und zu Schwerstarbeit gezwungen, sah Mutter und Bruder sterben. Seine Erlebnisse schilderte Shin eindrücklich in einem Erfahrungsbericht, den der Autor Blaine Harden aufgeschrieben hat. Doch offenbar stimmen etliche Angaben nicht. Das berichtet Harden auf seiner Internetseite.

Er habe Shin zur Rede gestellt, nachdem dieser Freunden seine Lebensgeschichte anders geschildert hatte als im Buch beschrieben. "Er wurde brutal gefoltert, aber er hat Dinge durcheinandergebracht", sagte Harden der "Washington Post", für die er 2008 den ersten Artikel über Shin geschrieben hatte.

Das Buch, in Deutschland als SPIEGEL-Buch erschienen, trägt den Titel "Flucht aus Lager 14", - tatsächlich hat Shin dieses berüchtigte Lager wohl schon im Alter von sechs Jahren zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder verlassen. Sie seien in das weniger strenge Lager 18 gesteckt worden, behauptet er nun. Aus diesem Lager sei er zweimal geflohen: 1999 und 2001. Das erste Mal sei er wenige Tage später gefasst worden, das zweite Mal sei es ihm gelungen, bis nach China zu kommen. Beide Fluchtversuche hätten zunächst wieder in Lager 18 geendet, zur Strafe sei er dann jedoch in Lager 14 gebracht worden, aus dem ihm dann schließlich die Flucht gelungen sei.

Shin, der mittlerweile in Seoul lebt, hatte Harden gesagt, er sei als 13-Jähriger in Lager 14 gefoltert worden. Nun sagt er, er sei bei der Folter 20 Jahre alt gewesen.

Im Buch beschreibt Shin, wie ein Wärter seinen Finger abschnitt, weil er eine Nähmaschine fallengelassen hatte. Tatsächlich sei das passiert, als ihm zur Strafe für den zweiten Fluchtversuch die Fingernägel gezogen worden seien, sagt er nun.

"Es war mir nicht klar, dass diese Details wichtig sind", wird er von Harden zitiert. "Es tut mir leid, dass ich nicht in der Lage war, von Anfang an die ganze Wahrheit zu sagen."

Schon im Oktober hatte es Wirbel um Shin gegeben: In einem nordkoreanischen Propagandavideo mit dem Titel "Wahrheit und Lügen" sagte ein Mann, er sei Shins Vater und sein Sohn habe nie in einem Gulag gelebt. Dieser hatte bis dahin behauptet, er sei Vollwaise. Das Video war wohl ein Versuch des international isolierten Nordkorea, weitere Sanktionen der Vereinten Nationen abzuwenden.

Eine frühere Gefangene aus Lager 18 habe Shins Vater in dem Video erkannt, schreibt die "New York Times". Sie und andere ehemalige Häftlinge hätten sich daraufhin südkoreanischen Journalisten anvertraut: Sie hatten den Verdacht, dass Shin und seine Familie nie in dem berüchtigten Lager 14 waren.

Shin sei klar, dass seine veränderte Geschichte seine Glaubwürdigkeit in Frage stellt, schreibt Harden: "Ich bitte um Vergebung", habe er gesagt.

Auf Facebook schreibt Shin, jeder habe Geschichten oder Dinge, die er lieber verheimliche: "Auch ich wollte Teile meiner Vergangenheit verbergen." Er sei dankbar für das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wurde. Dies sei wohl sein letzter Facebook-Eintrag: "Es tut mir so leid."

Harden will in Absprache mit dem Verlag nun weiterrecherchieren und das Buch entsprechend ergänzen.

vet

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
mathiaswagener 19.01.2015
1. Nicht lügen
Es sollte nicht gelogen werden, denn das führt zur Infragestellung des gesamten Berichts/Buchs usw. Lügereien nutzen dann indirekt dem System, in dem die Glaubwürdigkeit insgesamt leidet.
warum_denkt_keiner_nach? 19.01.2015
2. Sorgfalt
Genau aus solchen Gründen sind Berichte wie der von Herrn Shin wichtige Hinweise, die man ernst nehmen muss. Aber man muss sie eben auch so weit wie möglich prüfen und nicht gleich als unverrückbare Tatsachen in die Welt posaunen. Dies gilt nicht nur für Nordkorea. Es sollte eigentlich ein Grundsatz für jegliche Nachrichtenverbreitung sein.
tom_teufelskerl 19.01.2015
3. Dumm gelaufen
Armer Junge, zu seinem Lebensunglück muss er sich jetzt nicht nur berechtigte Kritik an seiner Glaubwürdigkeit gefallen lassen, sondern auch noch den Geifer der Nordkorea-Trolle ertragen. Dabei war schon klar, dass er in seinem Buch nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Was an Schrecklichkeiten bleibt, sprengt aber noch jeden Rahmen der Vorstellungskraft.
patsche2712 19.01.2015
4. Möglichkeit A....
...er lügt, Möglichkeit B, er oder seine Familie werden von Seiten des nordkoreanischen Regimes bedroht. Ob man mir eine Fingerkuppe abschneidet, oder ob man mir die Fingernägel zieht ist relativ egal. Es sind beides barbarische und verabscheuungswürdige Foltermethoden, die ein verbrecherisches Regime anwendet um sein Gewaltmonopol zu unterstreichen.
Leser161 19.01.2015
5. Respekt
Da gehört erstmal Mut zu. Manche Aussagen waren ja auch etwas widersprüchlich. Nichtsdestotrotz bleibt Nordkorea ein unangenehmer Ort.
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