Sicherheitsfirmen im Irak Kongressbericht entlarvt schießwütige Blackwater-Truppe

Rücksichtslos und schießwütig - ein Kongressbericht zeichnet ein brutales Bild der US-Sicherheitsfirma Blackwater, deren Mitarbeiter vor rund zwei Wochen elf Iraker erschossen. Das US-Außenministerium kontrollierte die Söldner so gut wie gar nicht. Im Ernstfall zahlte man lieber Schweigegeld.


Washington - 437 interne Berichte des US-Sicherheitsunternehmens Blackwater haben die demokratischen Mitglieder des Comittee on Oversight and Government Reform im US-Repräsentantenhaus ausgewertet, dazu interne Korrespondenzen und Memos aus dem US-Außenministerium. Das Bild, das diese Dokumente von der privaten Söldnertruppe im Irak-Einsatz zeichnen, ist dramatisch: Von "häufiger und umfassender" Gewalt des Blackwater-Personals ist in dem zusammenfassenden, 15-seitigen Abschlussbericht des Ausschusses die Rede, Gewalt, die zu zahlreichen Opfern und erheblicher Zerstörung geführt habe.

Der nun veröffentlichte Report gibt jenen Kritikern neue Nahrung, die den im Kriegsgebiet tätigen Sicherheitsunternehmen immer wieder aggressives, schießwütiges, rücksichtsloses und menschenverachtendes Verhalten vorwerfen. Seit dem Jahr 2005, so belegen es die Unterlagen, waren Blackwater-Angestellte in 195 Feuergefechte verwickelt. Dabei gab es mindestens 16 irakische Opfer.

In 163 Fällen, also in mehr als 80 Prozent, waren es die Söldner, die zuerst die Waffe zückten und abdrückten - eine enorme Quote für eine Leibwächtergarde, die vertraglich eigentlich angehalten ist, nur defensiv zu agieren. Tatsächlich sollen Blackwater-Männer an der Seite von US-Soldaten auch bei offensiven Militäraktionen mitgemacht haben.

Fragen nach der Integrität des Personals wirft auch eine andere Zahl auf: So entließ Blackwater in den vergangenen drei Jahren 122 Mitarbeiter wegen des Missbrauchs von Waffen, Verstößen gegen Alkohol- und Drogenvorschriften oder wegen gewalttätigen Verhaltens. Gefeuert wurden Einsatzkräfte auch wegen Befehlsverweigerung oder weil sie Zwischenfälle nicht meldeten oder falsch darstellten. Insgesamt sind derzeit fast tausend Mitarbeiter für Blackwater im Irak im Einsatz.

FBI untersucht Schießerei

Das Unternehmen war zuletzt vor rund zwei Wochen in die Schlagzeilen geraten, nachdem Mitarbeiter, die im Auftrag der US-Regierung einen Konvoi begleiteten, in Bagdad elf Iraker getötet hatten. Die irakische Regierung hatte betont, dass es sich um unschuldige Zivilisten gehandelt habe, während die privaten US-Sicherheitskräfte von einem bewaffneten Angriff sprachen. Der Irak setzte anschließend die Lizenz für Blackwater aus, das Außenministerium unterbrach die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen für den Schutz von diplomatischen Konvois außerhalb der streng gesicherten Grünen Zone in der irakischen Hauptstadt.

FBI-Agenten untersuchen inzwischen vor Ort den jüngsten Zwischenfall. Zudem überprüft ein hochrangiges US-Expertenteam auf Geheiß von Außenministerin Condoleezza Rice die Blackwater-Aktivitäten.

Seit 2001 hat Blackwater von der US-Regierung schon mehr als eine Milliarde Dollar (770 Millionen Euro) erhalten, so der Ausschussbericht. Allein 2006 war es rund eine halbe Milliarde Dollar für den Schutz amerikanischer Diplomaten. Das 1997 gegründete Unternehmen ist das größte der drei privaten Unternehmen mit Aufträgen des Außenministeriums - Blackwater ist in Bagdad und Umgebung tätig, die beiden anderen im Norden und Süden des Landes.

Sorgloses State Department

Trotz der riesigen Auftragssummen - mit der Kontrolle der privaten Kräfte hat es die US-Regierung bisher nicht so genau genommen. Im Gegenteil: Der Ausschussbericht schiebt dem Außenministerium ein gehöriges Maß an Mitverantwortung für das aggressive Auftreten von Blackwater zu. So enthielten die vom Komitee analysierten Dokumente keinerlei Hinweis, dass das State Department über die Zahl der Schießereien, in die das Unternehmen verwickelt war, besonders beunruhigt war.

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Lieber verlegte man offenbar seine Bemühungen darauf, sicherzustellen, dass die Zwischenfälle in der Öffentlichkeit nicht zu hohe Wellen schlugen: Man zahlte. So soll an Familien, die einen Angehörigen durch Schüsse aus Blackwater-Waffen verloren hatten, in Absprache mit dem Außenministerium auch schon mal Geld geflossen sein.

Als ein Blackwater-Mitarbeiter am Heiligabend vergangenen Jahres betrunken einen Bodyguard des irakischen Vize-Präsidenten erschossen hatte, habe ein US-Diplomat in Bagdad vorgeschlagen, der Familie des ermordeten Leibwächters 250.000 Dollar zu zahlen. Ein anderer Diplomat habe jedoch eingewandt, eine derart hohe Summe könne Schießereien mit möglicher Todesfolge geradezu provozieren, weil irakische Familien auf die Zahlung spekulierten. Letztlich zahlte Blackwater 15.000 Dollar, das Außenministerium half dem beschuldigten Angestellten, binnen 36 Stunden das Land zu verlassen.

In einem anderen Fall wurden nur 5000 Dollar gezahlt - ebenfalls auf Drängen des Außenministeriums. Ein Botschaftsvertreter notierte dazu: "Ich hoffe, wir können diese bedauerliche Angelegenheit schnell hinter uns bringen." Zudem führt der Report drei weitere Schusswechsel an, in denen Blackwater irreführende Berichte verfasst haben soll, um die gewaltsamen Vorfälle zu vertuschen.

Anhörung im Ausschuss

Laut "New York Times" wollten weder das Außenministerium noch Blackwater bislang zu dem Bericht Stellung nehmen. Das Papier soll jedoch heute bei einer Ausschussanhörung im Repräsentantenhaus zur Sprache kommen. Unter anderem müssen Blackwater-Gründer Eric Prince sowie der Irak-Koordinator des State Departments, David M. Satterfield, den Abgeordneten Rede und Antwort stehen.

Dabei soll es auch darum gehen, ob Blackwater bei der Auftragsvergabe seitens der US-Regierung möglicherweise von politischen Verbindungen in die republikanische Partei profitierte. Denn der Ausschussbericht legt nahe, dass das Unternehmen die Aufträge "ohne vollen und offenen Wettbewerb" erhielt. Verwandte von Blackwater-Mitbegründer Prince sollen demnach hohe Summen an die Republikaner gespendet haben.

phw/AP/dpa/Reuters

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