US-Vize Biden in München: Streicheleinheit für Europa
Die Überraschung ist Joe Biden gelungen: Obamas Vize hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz ein unerwartet klares Bekenntnis für Freihandel zwischen Amerika und der EU abgelegt. Ein transatlantisches Abkommen würde Wachstum und Jobs bringen - unklar ist, ob es im US-Kongress bestehen würde.
Sobald Joe Biden auf Menschen trifft, grinst er, herzt er, klopft er Sprüche. Der US-Vizepräsident ist der Prototyp des volksnahen Politikers, eine Art amerikanischer Brüderle, nur ohne die Anzüglichkeiten.
Auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz ist Biden erst einmal Biden. Der Amerikaner betont zum Auftakt seiner Rede, er sei ja laufend unterwegs, mehr als 640.000 Flugmeilen habe er bislang im Amt gesammelt. In der Regel sende ihn sein Chef, Präsident Barack Obama, jedoch zu unwirtlichen Orten, die dieser selber nicht besuchen wolle, Irak etwa oder Afghanistan. "Es ist dagegen schön, wieder in Deutschland zu sein", sagt Biden. Da lacht das Publikum.
Doch wie ernst man den Politiker Biden trotz seiner Flapsigkeiten mittlerweile nimmt, offenbaren die vollen Sitzreihen im engen Festsaal des Tagungshotels "Bayerischer Hof". Selbst Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier ergattert für Bidens Auftritt nur noch einen Stehplatz.
Denn es gibt, allen Scherzen zum Trotz, in Sachen Außenpolitik vermutlich keinen einflussreicheren US-Vizepräsidenten der jüngeren Geschichte - von Vorgänger Dick Cheney abgesehen, den aber in den Bush-Jahren viele für den wahren Präsidenten hielten. Biden hat den Abzug der US-Truppen aus dem Irak koordiniert, er sitzt neben Obama, wenn dieser sein morgendliches Briefing zur Weltsicherheitslage erhält.
"Die Tage vor uns werden schwierig bleiben"
Vor allem aber gilt der erfahrene Außenpolitiker Biden in dem ewigen Ringen zwischen Realisten und Idealisten als jemand, der das Gewissen des Ex-Sozialarbeiters Obama in Schach hält - und das vieler Berater im Weißen Haus gleich mit, denen etwa humanitäre Interventionen ein Herzensanliegen sind.
Nicht so Biden: Er bezweifelt, ob sich Afghanistan in eine moderne Demokratie verwandeln lässt, er drängte auf den raschen Abzug aus dem Irak. Diese pragmatische Weltsicht zieht sich auch durch seine Bemerkungen zum Sterben in Syrien. Auf sie hatten die Konferenzteilnehmer besonders gespannt gewartet.
Natürlich, Biden findet scharfe Worte für Diktator Assad, der "wild entschlossen" sei, an der Macht festzuhalten: "Er muss gehen." Alle seien sich einig über das schreckliche Schicksal der syrischen Oppositionellen, betont der Vizepräsident pflichtschuldig - und zählt im Detail Hilfe auf, die von amerikanischer Seite gewährt werde.
Doch ob diese Hilfe umfassender ausfallen, gar bewaffnetes Eingreifen einschließen könne? Da bleibt der Amerikaner ähnlich vage wie es schon am Freitag andere prominente Teilnehmer der Sicherheitskonferenz waren. "Die Opposition wird stärker und sie kann weiterhin auf die USA als Partner zählen." Aber man solle sich nichts vormachen: "Die Tage vor uns werden schwierig bleiben."
Schwierig wohl vor allem für die Syrer. Schon jetzt soll es 60.000 Todesopfer gegeben haben in dem Dauerkonflikt. Biden will nach seiner Rede mit dem syrischen Oppositionsführer Moas al-Chatib zusammentreffen, der Verhandlungen mit dem syrischen Regime nicht ausschließt. Doch dieser Teil der Diplomatie ist nicht öffentlich.
Neuer Anlauf zum Freihandel
Ähnlich pragmatisch antwortet Biden auf Fragen zu Verhandlungen mit Teheran über sein umstrittenes Atomprogramm. ("Wir verhandeln erst, wenn die Iraner es ernst meinen.") Und zu China und dessen Aufstieg sagt er grinsend: "Ich bin Amerikaner, ich freue mich über Wettbewerb."
In die Rolle des Charmeurs kehrt er erst wieder zurück, als es um Europa geht - das einen Schwenk der Obama-Regierung gen Asien fürchtet. "Es gibt keinen Grund zur Sorge. Europa ist Amerikas engster und ältester Verbündeter", betont Biden.
Ein wenig kostenlose Seelenmassage. Es folgt die ausführliche Würdigung eines Projektes, das gerade der deutschen Regierung ein wichtiges Anliegen ist: die Einführung eines transatlantischen Freihandelsabkommens, das den jährlich rund 600 Milliarden Dollar schweren Handel zwischen der EU und den USA erleichtern soll. Das Projekt ist alt, seit den neunziger Jahren existieren derlei Pläne. Doch sie versickerten stets, auch wegen Widerstands von Handelslobbys auf beiden Seiten.
Nun fand Biden, einen Tag nach seinem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin, sehr deutliche Worte: "Wir können das schaffen, und es wäre gut für Wachstum und Arbeitsplätze. Die Früchte des Erfolgs wären beinahe grenzenlos." Ökonomen schätzen, dass ein solches Abkommen zu bis zu 1,5 Prozent Wachstum auf beiden Seiten des Atlantiks führen könne.
Wohlwollen in eigenem Interesse
Natürlich bestehen weiter Bedenken, ob der US-Kongress dem Plan zustimmen würde. Bislang ist auch nicht klar, ob Obama - wie gehofft - bei einem Europa-Besuch in der ersten Hälfte des Jahres das Projekt zur Chefsache erklären wird.
Aber Bidens Worte sind dennoch bedeutend, wie die ehemalige Planungschefin des US-Außenministeriums, Anne-Marie Slaughter, sagt: "Biden zeigte sich viel positiver gegenüber der EU als bei seinem Auftritt hier vor vier Jahren."
Freilich betonte der Amerikaner in München auch, ein "starkes" Europa sei in Amerikas Interesse, das etwa bislang allein drei Viertel des Nato-Budgets trägt.
Kann Biden auf Entgegenkommen der Europäer hoffen? Deutschlands Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) hat am Freitag in München dem Gedanken einer europäischen Armee eine Absage erteilt. Und sein Kabinettskollege Guido Westerwelle (FDP) beeilt sich dort nach Bidens Auftritt eines zu versichern: Steigende Verteidigungsbudgets werde es in Zeiten leerer Kassen nicht geben.
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Hauptstadt: Washington, D.C.
Staats- und Regierungschef: Barack Obama
Vizepräsident: Joseph R. Biden
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Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.


Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.
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