Sicherheitstechnik-Skandal Dunkle Geschäfte mit dem Sprengstoffschnüffler

Der ADE 651 wurde als Wunderwaffe im Kampf gegen den Terror in alle Welt verkauft. Der Sprengstoffdetektor konnte angeblich Autobomben "riechen". Jetzt haben Experten nachgewiesen: Das Gerät ist nutzlos. Hat der Chef der Herstellerfirma Hunderte Menschen auf dem Gewissen?

Von , Tel Aviv


Fotostrecke

3  Bilder
Vermeintlicher TNT-Detektor: Die Wünschelrute, die keine ist
Soldaten, Sicherheitsleute, Parkplatzwächter: Vom Libanon bis Afghanistan führten Wachhabende an Straßensperren in den vergangenen Jahren ein bizarres Ballett auf. Um den Sprengstoff in den Autos möglicher Selbstmordattentäter aufzuspüren, ließen sie jeden Wagen einzeln heranrollen. Dann wurde geprüft: mit einem Gerät, das aussah wie eine Pistole, nur dass es statt mit einem Lauf mit einer Antenne ausgerüstet war.

Den Arm angewinkelt, den Ellbogen nah am Körper, hielten die Wachleute kurz inne, um dann in einer Art Stechschritt an dem verdächtigen Auto entlang zu marschieren. Auf Nachfrage versicherten die am Gerät ausgebildeten Kontrolleure, der Detektor könne Sprengstoff "riechen". Der forsche Schritt sei nötig, weil der Apparat ohne Batterie auskomme, dafür über "Körperspannung" betrieben werde.

Das Vertrauen in den ADE 651, hergestellt und vertrieben von der britischen Firma ATSC, schien grenzenlos. Das Gerät war, so schien es, eine Wunderwaffe, und der Preis von mehreren zehntausend Dollar pro Stück angemessen. Was die Kunden nicht wussten: Der Sprengstoffdetektor war unbrauchbar.

Ein einziger großer Schwindel

Jahrelang verkaufte Firmenchef Jim McCormick den ADE 651 in die Krisenregionen dieser Welt. Dort verließ man sich auf das Gerät. Ein Irrtum mit vielleicht fatalen Folgen. Wie viele Menschen der Unternehmer möglicherweise indirekt auf dem Gewissen hat, werden Gerichtshöfe und Untersuchungskommissionen feststellen müssen. Es könnten Dutzende, wenn nicht Hunderte sein. Am Samstag wurde McCormick nun in seiner Heimat Großbritannien wegen Betrugsverdacht vorübergehend festgenommen. Seine Erfindung soll nicht einmal im Ansatz funktionieren, sagen Fachleute.

Es sei "unmöglich", dass das Gerät irgendetwas finde, sagte Martin Kuhn von der Universität Cambridge der BBC. Die Karte, die in das Gerät eingelegt werde, habe "absolut nichts mit dem Aufspüren von TNT zu tun". Großbritannien belegte ADE 651 und ähnliche Produkte am Samstag mit einem Exportverbot. Am Montag tritt es in Kraft. McCormick ist unterdessen gegen Kaution auf freiem Fuß.

Zweifel an der Wirksamkeit von ADE 651 hatten Experten schon lange. Bereits bei einer Waffen- und Sicherheitsmesse im Beirut im April 2009 sagten Sprengstoffexperten SPIEGEL ONLINE, das Gerät sei ein einziger großer Schwindel. Im November meldete ein Offizier der US-Armee starke Zweifel an der Wirksamkeit von ADE 651 an. Es gebe keine "Zauberstäbe", die Sprengstoff aufspürten, sonst würden sie ja von allen Ländern benutzt, sagte der Generalmajor Richard Rowe der "New York Times."

Vor etwa zwei Jahren wurde der Detektor auch in Israel getestet, und dann mit einem "Fußtritt aus dem Land geschmissen", sagt ein israelischer Sprengstoffexperte, der nicht genannt werden möchte. "Das Ding hat mit dem Aufspüren von Sprengladungen absolut nichts zu tun."

Sprengstoff, Trüffel, geschmuggeltes Geld oder Elfenbein

Alles Quatsch, wehrte sich McCormick im Sender BBC gegen die Vorwürfe. Sein Gerät beruhe auf denselben Prinzipien wie Wünschelruten, mit denen man unterirdische Wasseradern aufspüren könne. Wissenschaftliche Beweise, dass sein Gerät funktioniert, legte der Geschäftsmann nie vor.

In Prospekten der Firma hieß es, das Herz des Detektors sei eine auf das Erschnüffeln von einzelnen Substanzen "programmierte" Karte. Sie sei auswechselbar, wodurch ADE 651 auch zur Suche von Trüffel, geschmuggeltem Geld oder Elfenbein einzusetzen sei. Es könne in Entfernungen von bis zu einem Kilometer eingesetzt werden, Flugzeuge am Himmel könne es sogar in fünf Kilometer Höhe kontrollieren.

Das Gerät sei jedoch, obwohl Alleskönner, äußerst sensibel: Deshalb sei beim Einsatz eben jene Choreografie nötig, die an Checkpoints quer durch den Nahen Osten zu beobachten war. Ein schneller Herzschlag oder Nervosität des Kontrolleurs verfälsche das Ergebnis. Die Schuld für das mögliche Versagen seiner Erfindung schob McCormick auf diese Weise schon mal den Benutzern zu.

Die Regierung des Irak war es, die schließlich Alarm schlug. Von Oktober bis Dezember 2009 explodierten in Bagdad Dutzende Autobomben, oftmals mitten in der Innenstadt. Allein bei einem Anschlag im Dezember kamen dabei 120 Menschen ums Leben. Fast alle Attentäter hatten Kontrollposten passiert, die mit den Sprengstoffschnüfflern ausgestattet waren - kein Attentäter war enttarnt oder aufgehalten worden.

Verkauf des ADE 651 "absolut unmoralisch"

Der irakische Premierminister Nuri al-Maliki setzte daraufhin eine Untersuchungskommission ein, deren Bericht in diesen Tagen veröffentlicht werden soll. Der britische Sprengstoffexperte Sidney Alford sagte der BBC, angesichts dieser Todesfälle sei der Verkauf von ADE 651 "absolut unmoralisch" gewesen. Nach Recherchen des Senders hat der Irak in den vergangenen Jahren 85 Millionen Dollar für die Detektoren - Stückpreis etwa 40.000 Dollar - ausgegeben.

Warum Staaten und Institutionen der Dritten Welt containerweise ADE 651 kauften, obwohl dessen Wirksamkeit nie bewiesen wurde, dürfte Gegenstand weiterer Untersuchungen werden.

Die Einkäufer für Armeen und Sicherheitsfirmen hätten es besser wissen müssen und nicht auf die Ammenmärchen McCormicks hereinfallen dürfen, sagt Gadi Aviran, Chef der israelischen Sicherheitsberaterfirma "Terrorgence". "Wenn jemand zu einem Experten kommt und behauptet, er habe ein Gerät entwickelt, das aus mehreren Metern Entfernung Sprengstoff 'riecht', muss der Fachmann wissen, dass das physikalisch nicht möglich ist."

Aviran glaubt, dass bei der Anschaffung von ADE 651 Korruption im Spiel war. "Da ist mit Sicherheit geschmiert worden, sonst ergibt das Geschäft überhaupt keinen Sinn." Aviran sagt, man müsse sich nun die Frage stellen, wer politisch davon profitiere, wenn trotz angeblicher Sicherheitsmaßnahmen Terror herrsche. "Im Fall des Irak glaube ich nicht, dass die Regierung daran Interesse hat, wenn die Bürger weiter leiden. Aber irgendjemand hat es."

"Sind die Leben der Iraker so wenig wert?"

Trotz deren Untauglichkeit bleiben die Geräte im Irak zunächst im Einsatz. Sie hätten "dazu beigetragen, mehr als 16.000 Sprengsätze aufzuspüren", erklärte Innenminister Dschawad al Bolani im Staatsfernsehen. Mehr als 733 Autobomben seien damit entdeckt worden. Es gebe einen harten Wettbewerb auf dem Markt derartiger Sicherheitstechnologie, und die Firmen versuchten, die Produkte der Konkurrenten als nutzlos darzustellen, sagte er weiter. Parlamentarier appellierten an die Regierung, die nutzlosen Gerätschaften nicht mehr zu nutzen.

Irakische Familien reagierten entsetzt auf den Skandal und das Verhalten ihrer Regierung. Das Gerät sei offenbar ein Spielzeug, sagte Haider Mohammed, der bei Anschlägen Angehörige verloren hat. "Wenn das Gerät nicht funktioniert, warum hat die Regierung es dann gekauft? Sind die Leben der Iraker so wenig wert?"

Mit Material von apn/Reuters

insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mensabrot 24.01.2010
1. Ganz gewöhnlicher Kapitalismaus heben
Was zählen schon Menschenleben wenn der Profit stimmt. Der Chef hat sein BWL- Studium nicht umsonst gemacht...
readme74 24.01.2010
2. ...
hm... tja, schon eine sehr befremdliche Geschichte... Ein Schelm, wer Parallelen sieht zur Nacktscanner-Diskussion... möchte mal sehen was die Herstellerfirmen und die von ihnen gekauften Politiker sagen, wenn dann wirklich mal ein Bombenanschlag auf ein Flugzeug erfolgreich ausgeführt wird - trotz dieses Allheilmittels, dieser Wunderwaffe "Nacktscanner der neuen Generation".
Andreas58 24.01.2010
3. die Verantwortlichen
vor ein Kriegsgericht stellen oder nach Guantanamo !
Ferienhaus ImBirkenweg 24.01.2010
4. Experten und LEichtgläubigkeit
Nein es ist nicht der "Chef", der in erster Linie daran schuld ist. Natürlich ist es mehr als unmoralisch solche Wunderdinge zu verkaufen. Man muss nur einen Blick in die Esoszene werfen um auf ein breites Angebot ähnlich (un)nützlicher Dinge zuzugreifen. Es ist die Leichtgläubigkeit und fehlende kritische Distanz mit der Menschen auf solche Heilsbringer zugehen. Man möchte es einfach zu gerne glauben, dass es wirkt. Hier ist es eine Sprengstoffwünschelrute. Man braucht keine "Experten" um die Wirksamkeit zu prüfen. An anderer Stelle ist es "belebtes" Wasser. Und überall ist es der gleiche Humbug.
prenzberger 24.01.2010
5. nichts neues
Das scheint eine beliebte Marketingstrategie in der Sicherheitsbranche zu sein: Ängste werden geschürt, Politiker beeinflusst... Auch beim "Körperscanner" ist noch nicht ganz klar, ob er wirklich etwas taugt. Demonstrationsversuche in einer Fernsehsendung verliefen für den Hersteller eher peinlich. Trotzdem gibt es Politiker, die für diese Geräte kräftig Werbung machen. Ein weiteres Beispiel sind die "biometrischen Waffensicherungen", die nach Winnenden für Sport- und Jagdwaffen eingeführt werden sollten. Sämtliche Forderungen von Politikern, diese Systeme per Gesetz den Waffenbesitzern vorzuschreiben, klangen wie wörtlich aus dem Werbeprospekt einer bestimmten Firma abgeschrieben. Auch diese Systeme versagten in Tests. Darüber und über die Lobbyarbeit der Herstellerfirma gibt es einen Frontal21-Bericht, den hat die Herstellerfrma aber von der berüchtigten Pressekammer in Hamburg verbieten lassen. Pikant war auch, wie die Herstellerfirma wenige Tage nach Winnenden auf einer Waffenmesse diese Sicherungssysteme mit der Aussage präsentierte, "damit hätte der Amoklauf verhindert werden können."
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.