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Siedler-Konflikt Hebron: Im Käfig

Aus Hebron berichtet Leonie Schultens

Der Hass wohnt in Hebron - auf engstem Raum leben hier jüdische Siedler, israelische Soldaten und palästinensische Einwohner zusammen. Der 23-jährige Yehuda Shaul versucht das Unmögliche: Frieden zu stiften in einer zerrissenen Stadt.

"So lange man die israelischen Siedler in Hebron am Leben erhalten will und ihnen eine halbwegs normale Existenz geben möchte, muss man die Existenz all der anderen zerstören."

(Einer der Soldaten, die ihren Militärdienst in Hebron leisteten.)

Wie jeder junge Israeli, so wurde auch Yehuda Shaul, 23, in die Armee eingezogen. Mehr als ein Jahr seines Militärdienstes hat er in Hebron verbracht, während der heißesten Phase der palästinensischen Intifada (2001-2004). Die meisten Israelis flüchten nach dieser Pflichtzeit für ein Jahr ins Ausland - verkriechen sich im Dschungel Lateinamerikas oder schlagen sich in die Reisfelder Asiens. Nicht so Yehuda. Als er im Juni 2004 entlassen wird, gründet er mit einigen seiner Mitsoldaten "Shovrim Shtika" ("Breaking the Silence").

"Breaking the Silence" will das Schweigen brechen, unter dem viele Soldaten in Hebron ihren Dienst leisten, die innere Blockade, unter der viele leiden. Yehuda und seine Mitarbeiter bieten ehemaligen Soldaten die Möglichkeit, ihre Erfahrungen aus Hebron mit anderen Israelis zu teilen. Seit kurzem dokumentiert die Organisation auch Berichte von Soldaten, die in anderen palästinensischen Städten im Einsatz waren.

In einem Land, in dem Konflikte den Alltag beherrschen, in dem Armeedienstverweigerer ins Gefängnis müssen, bricht diese Organisation nicht nur das Schweigen, sondern auch die Norm. Yehuda ist kein typischer Linker. Er hat sich noch nicht als "refusenik" (Verweigerer) von der Armee und den jährlichen Reservediensten distanziert. Er trägt die Kippah und hängt dem orthodoxen Glauben an. Freitags organisiert er am Morgen zwar noch Touren für Interessierte in Hebron, doch am Nachmittag macht er sich eilends auf nach Jerusalem, um zu Hause den Anbruch des Sabbats zu feiern. Samstags - am Sabbat - ist er telefonisch nicht zu erreichen, "Breaking the Silence" bleibt an diesem Tag still.

Yehudas Interesse an Hebron hängt nicht nur mit der Wehrpflicht zusammen, die dort abgeleistet hat, Hebron ist die wohl komplizierteste Stadt im Westjordanland. Heilig für Juden und Muslime - hier liegt das Grab des Erzvaters Abraham. Eigentlich, das heißt demographisch, ist Hebron eine arabische Stadt. Doch anders als in anderen palästinensischen Städten, leben hier jüdische Siedler im Herzen der Stadt. Sie sind streng religiös und begründen ihre Präsenz mit dem Wort Gottes, aus dem klar hervorgehe, dass sie hier zu leben hätten.

"Sie fressen sich vorwärts", sagt Yehuda. "Ein Haus, dann zwei, und schließlich die ganze Straße. Sie schicken ihre Kinder vor, so bohren sie langsam dicke Bretter. Kinder dürfen die Soldaten nicht festnehmen. Damit sie hier sicher leben können, muss die ganze Umgebung durch Soldaten beschützt werden - und den palästinensischen Einwohnern wird das Leben zur Hölle."

Hebron ist eine "sterile" Stadt, wie es im Militärjargon heißt. Die Stadt ist leer, Palästinenser, die diese "sterile" Umgebung verschmutzen könnten, haben sich entweder in den Teil der Stadt verzogen, in dem die palästinensische Behörde das Sagen hat, oder sie bleiben eingeschüchtert und leise in ihren Häusern. Ein ehemaliger Soldat erzählt: "Nach einem halben Jahr dort habe ich endlich verstanden, dass wir die Palästinenser vor den Juden schützen müssen, statt umgekehrt. Es sind die Juden, die in dieser Gegend die Palästinenser bedrohen."

Yehudas Engagement in Hebron ist angesichts seines Familienhintergrunds erstaunlich. Genau wie die Siedler in Hebron ist auch er religiös aufgewachsen. Seine ältere Schwester wohnt in einer Siedlung in der Nähe Bethlehems. Doch Yehuda lebte seinen Glauben anders. Während seines Dienstes in Hebron legte er sogar die Kippah ab, weil er sich nicht mit dem Glauben der Siedler identifizieren wollte.

Niemandem den Rücken zukehren

Heute trägt Yehuda die jüdische Kopfbedeckung wieder. Er geht durch die Straßen Hebrons. So gut es geht, vermeidet er es, jemandem den Rücken zuzukehren. "Man muss vorsichtig sein. Die Polizei kann mich jederzeit verhaften, weil ich angeblich die Siedler mit meiner Präsenz provoziere. Und die Siedler, die haben mich schon oft mit Steinen beworfen." Doch er lässt sich davon nicht entmutigen. "Irgendjemand muss doch was tun", sagt Yehuda.

Es scheint, als wolle Yehuda all das wieder gutmachen, was während seines Dienstes in Hebron passiert ist. Als wolle er ein Trauma bewältigen, an dem nicht nur er leidet, wie der Bericht eines anderen Soldaten zeigt: "Ich habe es erst spät kapiert. Denn dieser Ort entfremdet dich emotional so sehr, dass du gar nicht schnallst, was hier abgeht. Dann erst habe ich verstanden, wie unmenschlich es war. Wie schrecklich es ist, anderen solche Dinge anzutun."

Es ist das Einbrechen in die palästinensischen Häuser, das Beschützen der Siedler, die ihrerseits palästinensische Kinder mit Steinen bewerfen, es ist der Hausarrest, der für Monate über Hebron verhängt wurde - einfach alles, was die Soldaten der israelischen Armee auf Befehl ausführen mussten. Yehuda sagt: "Nach einer Weile glaubst du, es sei okay, wenn du in ein Haus einbrichst. Erst wenn man aus dieser verkehrten Welt wieder herauskommt, gehen einem die Augen auf, und man versteht, wozu man in dem Vakuum von Hebron fähig war."

Wenn Yehuda heute durch Hebron geht, hat er ein Problem. Keiner, weder Palästinenser noch Israeli, weiß, wie er auf ihn reagieren soll. Der große, vollbärtige Mann mit seinem langen lockigen Haar, das zum Pferdeschwanz gebunden ist, grüßt seinerseits sowohl Soldaten wie auch Palästinenser auf der Straße. Nur die Siedler, die grüßt er nicht. Einige palästinensische Kinder sehen ihn misstrauisch an - mit Kippah und Hebräisch sprechend passt er doch allzu sehr in das Bild der Siedler, aber dann steht er bei ihnen und lacht mit ihnen und küsst in arabischer Manier seine männlichen palästinensischen Freunde auf die Wangen. Heute ist er es, der die verkehrte Welt hierher bringt. Ein Israeli, der mit Palästinensern zusammensitzt - wo gibt es so was?

In einem der Häuser neben den Siedlungsbaracken wohnt der Palästinenser Hani mit seiner Familie. Wie in einem Käfig. Denn der Eingang und die ganze Vorderfront des Hauses sind mit einem engmaschigen Gitter versehen. Nicht etwa damit er mit seiner Familie im Haus bleibt, sondern damit die faulen Eier und die Steine der Siedler nicht ständig die Fenster zerstören. Hanis Schwester spricht in Arabisch und in Englisch von ihrem Leben, wenn man dieses denn so nennen kann: Arbeit und Haus, Attacken von Siedlern, sobald sie das Haus verlässt oder wieder in es zurückkehrt. "Man muss sich das mal vorstellen", erklärt Yehuda, "diese Menschen können sich nicht einmal mit Freunden auf einen Kaffee treffen, ohne dass dies mit dem Militär abgesprochen und geplant wird. Es müssen Ausreisepapiere ausgestellt werden. Hier kann man keinen Freundeskreis pflegen".

Mit einer Leiche über die Felder

Vor einem Jahr starb Hanis Vater. Weil ihnen der Weg in die Stadt durch die Siedler und die "exklusiv jüdischen" Straßen versperrt ist, musste die Familie den toten Vater auf dem Rücken durch die Felder zum Checkpoint tragen, an dem ein palästinensischer Krankenwagen den Verstorbenen abholte, erzählt die Schwester weiter. Siedler-Ambulanzen kümmern sich nicht um die Krankheiten ihrer palästinensischen Nachbarn. Die dicke Frau bricht weinend zusammen.

Die ganze Realität in Hebron schreit nach dem "Warum?" Aber Yehuda sagt: "Hier ist verkehrte Welt. Hier wird geantwortet: 'warum nicht?' Warum sollten die Siedler nicht palästinensische Mädchen auf dem Weg in die Schule mit Steinen beschmeißen? Warum sollten sie nicht einfach mit einer Mob-Mentalität in ein palästinensisches Haus einbrechen und alles zerschlagen? Warum sollten sie nicht Bäume abschlagen, damit die Wurzeln der Palästinenser in diesem Land verdorren? Warum sollten sie nicht Straße um Straße übernehmen, bis den Palästinensern nichts mehr geblieben ist?"

Als Soldat sei man in der Irrealität Hebrons gefangen. "Es erfasst dich einfach. Du kannst dich nicht dagegen wehren. Du möchtest etwas machen, etwas sagen, aber du darfst dich nicht gegen Befehle stellen", sagt Yehuda, "wenn ein Befehl lautet: Verriegelt die ganze Stadt!, dann müssen wir das tun. Oft hieß es: Zeigt Präsenz! Das heißt nicht weniger, als in ein Haus nach dem anderen einzubrechen, es zu durchsuchen und die Familie währenddessen in eines der Zimmer einzusperren. Wie würde ich denken, wenn jemand in mein Haus einbrechen würde - einfach so?"

Yehuda besucht einen weiteren palästinensischen Freund. Plötzlich fangen die kleinen Kinder an zu schreien: "Soldaten, Soldaten!" Im Nachbarhaus ist ein Trupp israelischer Soldaten damit beschäftigt, die Haustür mit einem Brecheisen zu öffnen. Der Besitzer hatte nicht auf das Klopfen der Soldaten geantwortet. Yehuda geht auf die Terrasse und spricht mit den Soldaten in Hebräisch: "Hi Jungs. Warum kommt ihr nicht in einer Stunde wieder? Der Mann ist nur einkaufen gegangen. Er macht euch dann bestimmt auf. Ihr spart euch dann die Arbeit und seine Tür bleibt ganz." Die Antwort kommt nach einem Moment des Erstaunens: "Verzieh dich! Wir kommen sonst auch in dein Haus."

"Was hier passiert, gleicht der Apartheid in Südafrika"

Zurück im Haus lächelt Yehuda. "Jetzt sind die Soldaten durcheinander. Irgendwas stimmt hier nicht: Ich bin Israeli und sitze mit Palästinensern zusammen. Das hat sie verunsichert." Der Gastgeber zeigt Videos von Siedler-Angriffen auf die Kinder. Ins Internet kann er sie nicht stellen - die Siedler haben seine Telefonleitung gekappt, und niemand traut sich, sie wieder zu reparieren. Er wohnt seit einem Jahr ohne Festnetz. Auch die Kinder haben schon Attacken am eigenen Leib erfahren. Einmal schlug eine Siedlerin dem jüngsten Sohn Hanis auf dem Weg nach Hause die Zähne mit einem Stein ein. Seitdem lächelt der Kleine immer nur mit dem halben Mund.

Trotz der Übergriffe von Siedlern, Armee und Polizei, trotz der Tatsache, dass sich in Hebron fast an jeder Straßenecke Siedler-Graffiti finden, die auf die Nazi-Zeit anspielen etwa mit Slogans wie "Araber in die Gaskammern", trotz all dem lässt sich Yehuda nicht einschüchtern. Seit Juni 2005 hat er mit seinen Kollegen von "Breaking the Silence" mehr als 900 Israelis nach Hebron gebracht, unter anderem Yossi Beilin von der Yachad Partei, einer jener Spitzenpolitiker in Israel, die sich für eine Rückkehr in die Grenzen von 1967 und eine Teilung Jerusalems einsetzen.

Es ist spät geworden an diesem Freitag in Hebron. Yehuda rennt, um den letzten Bus nach Jerusalem zu bekommen. Der Sabbat fängt bald an. Dann möchte er nicht mehr auf der Straße sein. Es ist ein komisches Bild - wie er da rennt, während ihm Palästinenser nachwinken, und Siedler und Soldaten verdattert dreinschauen. Im Bus wird er still. Leise summt er die Töne eines hebräischen Liedes: "Schalom lach eretz nehederet" ("hallo, du großartiges Land"). Doch als der Bus auf dem Weg zurück nach Jerusalem eine jüdische Siedlung nach der anderen passiert, murmelt er "Apartheid. Was hier passiert, gleicht der Apartheid in Südafrika."

Wer mehr über Yehuda Shaul und seine Organisation wissen will, kann im Internet unter www.breakingthesilence.org.il weitere Details finden. Eine weitere internationale Gruppe, die in Hebron aktiv ist, ist unter www.telrumeidaproject.org zu finden. Die Perspektive der Siedler in Hebron wird auf www.hebron.com/1st.html dargestellt.

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