Sieg über Clinton bei US-Vorwahlen Obama jubelt leise

Auf diesen Moment hat er 16 Monate lang gewartet: Barack Obama ist der Kandidat der Demokraten. Nie zuvor hatte ein schwarzer Politiker eine reelle Chance, Präsident der USA zu werden. Trotzdem vermied er Triumphgeheul. Seine nächsten Etappenziele: Clintons Wähler gewinnen, McCain attackieren.

Aus St. Paul, Minnesota, berichtet


St. Paul - Im "Xcel Energy Center" in St. Paul weiß man, wie man Stars empfängt. Ein gigantisches Leuchtband lässt ihre Namen ums Hallenrund laufen. Diese Woche spielen noch die Rockveteranen von R.E.M., bald kommt die Erfolgsband Coldplay. Aber am Dienstagabend ist die Arena fest in der Hand eines politischen Solokünstlers.

Um kurz nach neun Uhr ist auf dem Leuchtband, auf jedem Bildschirm nur noch eine Botschaft zu sehen: "Obama 08". Dann steht er auf der Bühne, und um 21.14 Uhr spricht er den Satz, der das 16 Monate lange Dauerduell mit Hillary Clinton zum Abschluss bringt: "Ich kann vor euch stehen und sagen: Ich werde der demokratische Kandidat für das Präsidentenamt sein."

Seine Anhänger, rund 20.000, sind gekommen, springen euphorisch auf wie Konzertbesucher der Zugabe. Ein schwarzer Familienvater hat seine drei Söhne mitgebracht und lässt seine Frau zuhause am Handy mithören und schreit immer wieder über das Getöse der Menge: "Hörst du das? Hörst du das?"

Bis zu fünf Stunden haben Leute angestanden. Dann haben sie noch einmal Stunden gewartet, viele mit einem Ohr am Telefon oder dem Blackberry. Um kurz nach 20 Uhr erklärt der TV-Sender CNN Obama zum offiziellen Kandidaten der Demokraten. Zwar hat der die Vorwahl in South Dakota gegen Clinton doch noch verloren. Aber den ganzen Tag über haben sich Superdelegierte - Parteihierarchen mit besonderem Stimmrecht beim Parteitag der Demokraten im August - auf seine Seite geschlagen. Später siegt Obama noch deutlich in Montana.

Doch weil kein Bildschirm angeschaltet ist im "Xcel Energy Center", wirkt dort die frohe Kunde lange wie ausgeblendet. Nur stumm umarmen sich Obamas Berater nahe der Pressetribüne, als CNN ihren Mann zum Kandidaten kürt.

Es ist ein betont entspannter Abschluss eines epochalen Kampfes.

Freundliche Worte an die erbitterte Rivalin

Vor vier Jahren kannte kaum jemand in den USA Barack Obama. Vor zwei Jahren war Hillary Clinton die haushohe Favoritin der Demokraten. Noch vor einem Jahr musste sich Obama selbst von Afroamerikanern die Frage gefallen lassen, ob Amerika jemals bereit sein wird für einen schwarzen Kandidaten. Und noch vor einem Monat steckte er in einem hässlichen Schlagabtausch mit Parteifreundin Clinton.

Aber seine Berater haben als Devise ausgegeben: Dieser Abend ist nicht der richtige Moment für den großen Triumph. Denn es ist gleichzeitig der Auftakt für den größeren Wahlkampf - gegen die Republikaner. Deshalb folgen als erster Schritt freundliche Worte an die erbitterte Rivalin. Clinton selbst klang zwar rund eine Stunde zuvor bei ihrer Rede in New York wenig versöhnlich. Sie lobte sich erneut als bessere Kandidatin für den Kampf ums Weiße Haus und weigerte sich aus dem Rennen auszusteigen: "Heute treffe ich keine Entscheidung." Sie wolle die 18 Millionen Wähler gewürdigt sehen, die für sie gestimmt hätten.

Doch genau an diese Wähler richtet Obama nun in St. Paul ein taktisches Friedensangebot. "Senatorin Hillary Clinton hat Geschichte geschrieben", lobt Obama überschwänglich. "Nicht nur weil sie geschafft hat, was keine Frau vor ihr geschafft hat. Sondern weil sie Millionen Amerikaner inspiriert hat." Klar, man habe auch mal Schwierigkeiten gehabt in den vergangenen Monaten, sagt Obama betont beiläufig.

Als hätte Clinton ihm gelegentlich die Vorfahrt geschnitten - und ihm nicht rundweg die Eignung fürs Weiße Haus abgesprochen. "Doch ich bin ein besser Kandidat dank Hillary Clinton." Seine Anhänger verstehen die Strategie: Sie buhen nicht mehr, sobald der Name Clinton fällt. Sie applaudieren heftig. Doch eigentlich ist das Lob auch eine Art Kampfansage. Denn so sehr Obama Clinton rühmt - er lässt keinen Zweifel daran, dass dies der Auftakt seiner eigenen Kandidatur ist, nicht ihrer gemeinsamer. "Unsere Zeit ist jetzt", ruft er den Anhängern zu.

Seine Strategen haben diesen Abend auch als erste Chance gesehen, sich dem amerikanischen Volk neu vorzustellen. Persönlicher, mit mehr Bezügen zu seiner Familie, seiner Herkunft. Bevor er seine Rede beginnt, hat er sich mit seiner Frau Michelle abgeklatscht. Nach der Rede umarmt er sie, dankt seinen Kindern, seiner Großmutter - die immer alles in ihn investiert habe. "Dieser Abend", sagt er, "ist für sie."

Dann nimmt er sich die Republikaner vor, die übrigens genau hier, im "Xcel Energy Center", Anfang September ihren Parteitag abhalten werden. Obama lobt seinen Gegner John McCain als einen Mann, der Amerika heldenhaft gedient habe - doch schiebt gleich eine Spitze hinterher. "Ich erkenne seine Verdienste an - auch wenn er sich entschieden hat, meine zu leugnen." Und dann nennt er ihn - wie so oft in den letzten Wochen - den Nachlassverwalter, der nur die Politik George W. Bushs fortsetzen werde.

Obamas Anhänger sind die taktischen Spiele leid

Sein Chefstratege David Axelrod ergänzt später: "Jetzt beginnt ein neuer Wahlkampf. Es wird eine Abstimmung sein über die verfehlte Politik der letzten acht Jahre. Amerikaner wollen den Wandel."

Aber wollen sie auch, dass Obama sich mit Clinton vereint? Axelrod sagt nur knapp: "Wir werden eine einige Partei hinter uns haben."

Clinton kann Obama bei den älteren Wählern helfen, bei den einfachen Leuten, bei den Latinos und den jüdischen Wählern. Doch das können andere Vizepräsidentenkandidaten auch. Gerüchte sagen, Obama und Clinton wollten genau darüber verhandeln - vielleicht schon in den nächsten Tagen. Auch gestern Abend telefonieren beide kurz.

Obamas Anhänger können mit diesen taktischen Finten und Finessen in diesem historischen Moment wenig anfangen. Sie wollen den ersten afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten feiern und sonst gar nichts.

Brandon Banteh beispielsweise ist vier Stunden nach St. Paul gefahren, vier Stunden hat er in der Schlange angestanden. "Ich bin aufgeregt wie noch nie in meinem Leben", ruft der junge Dozent. Gestern habe er freigenommen, heute auch - "und wenn Obama mich für den Herbst braucht, nehme ich noch mehr Tage frei". Eine ältere weiße Frau steht lächelnd neben ihm, sie nickt heftig. Ein Irak-Veteran klopft Banteh auf den Rücken, er erklärt gerade einer Reporterin, warum er nur Obama vertraut - und die Demokraten nun zusammen kommen müssen.

Der junge Schwarze. Der Irak-Veteran. Die ältere Frau. Es ist das Spektrum der Koalition, die Obama bis November schmieden muss. John McCain wird ein starker Gegner sein, und Obama hat im Dauerduell mit Clinton an Glanz verloren. Aber darüber mag Banteh an diesem Abend nicht grübeln: "Egal wie es ausgeht. Die USA werden für immer verändert sein."

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