Gabriel bei der Uno Wahlkampf auf der Weltbühne

Kurz vor der Wahl reist Außenminister Gabriel zur Uno nach New York. Mit Entspannungspolitik und Attacken gegen US-Präsident Trump will er der schwächelnden SPD Aufrieb geben - und die Tür für sich selbst offenhalten.

Außenminister Sigmar Gabriel
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Außenminister Sigmar Gabriel

Aus New York berichtet


Die luxuriöse Kabine des Regierungsfliegers A340 hat für deutsche Außenminister eine tragische Historie. Vor genau vier Jahren, einen Tag nach der Bundestagswahl, saß hier Guido Westerwelle mit einem großen Rotweinschwenker. Seine FDP war aus dem Parlament geflogen, Westerwelles Karriere beendet. Trotzdem reiste er nach New York zur Uno-Generalversammlung. Einmal noch Weltpolitik machen.

Am Dienstagabend sitzt in derselben Kabine Sigmar Gabriel. Wieder geht es nach New York, zwei Tage hat sich der SPD-Mann aus dem Wahlkampfkalender geschnitten, auch er will noch mal ran ans Weltgeschehen. Es könnte Gabriels letzter Trip als Außenminister sein. Die SPD liegt in den Umfragen hinten, selbst im Fall einer Fortsetzung der Großen Koalition wird Gabriel vermutlich seinen Job verlieren.

Doch Gabriel wäre nicht Gabriel, wenn er zeigen würde, dass er nervös ist. Entspannt sitzt er in grauer Fleecejacke im Ledersessel. Statt Rotwein zur Beruhigung trinkt er Tee für die lädierte Stimme. Dann legt er los mit einer Schnellanalyse der Uno-Rede des US-Präsidenten Donald Trump.

Ärger über Trump wird mehr als deutlich

Natürlich fehlt Gabriel wegen des Trips zwei Tage im Wahlkampf. Gleichzeitig aber glaubt er, durch seinen Auftritt in New York, durch einen Kurs der Entspannung gegenüber Nordkorea oder heftigen Attacken gegen Trump, auch bis nach Deutschland zu strahlen. Die SPD als Partei des Friedens, glaubt Gabriel, könnte vielleicht noch Wählerstimmen bringen.

Der Verlauf der Tagung gibt Gabriel viele Vorlagen für die Operation Wahlkampf auf der Weltbühne. Trump schockiert die Staatschefs gleich zu Beginn mit wüsten Kriegsdrohungen an den Diktator in Pjöngjang und deutet den Ausstieg der USA aus dem jahrelang mühsam verhandelten Atomkompromiss mit dem Iran an. Gabriel muss nicht lange überlegen um von einem schlechten Start zu murmeln.

In New York dann wird er noch deutlicher. Die mögliche Aufkündigung des Atomprogramms nennt er eine Katastrophe, die Kriegsdrohung geißelt er als unangemessen und provozierend. Zu Trump wird er noch schärfer. Der US-Präsident verfolge eine Wild-West-Politik, wo das Recht des Stärkeren gelte. Sein Slogan "America First" sei ein Bruch mit der Politik der Diplomatie und allen europäischen Werten.

Die Neuerfindung des Sigmar Gabriel

Die letzte Reise markiert das Ende einer Verwandlung. In neun Monaten hat Gabriel nach seinem Wechsel vom Wirtschaftsressort ins Auswärtige Amt (AA) die Tricks der internationalen Politik drauf. Auf wundersame Weise hat er sich neu erfunden.

Die Bühne der Weltpolitik hat Gabriel stets genutzt, um sich von der Union abzusetzen. Den von seinem Vorgänger mitgetragenen Nato-Beschluss zur massiven Aufrüstung bezeichnete er flapsig als "irre". Dann stellte er Russland die Lockerung der Wirtschaftssanktionen in Aussicht. Am Ende akzeptierte er, dass der glücklose SPD-Frontrunner Martin Schulz das Ende der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei forderte.

Genutzt hat es der SPD bisher nichts. In den letzten Umfragen taumelt die Partei immer weiter der 20-Prozent-Marke entgegen. Viele Funktionäre aber auch die Linke der Partei will in einem solchen Fall keine Koalition mit der Union eingehen. Stattdessen soll sich die Traditionspartei in der Opposition regenerieren, wieder ein eigenes Profil gewinnen. Für Gabriel wäre es das Ende seiner Politkarriere.

Selbst bei einer Großen Koalition ist Gabriels Karriere ungewiss. Vermutlich würde Spitzenkandidat Martin Schulz dann gern ins AA, den Platz an der Fraktionsspitze würde Gabriel wohl nicht bekommen. Schon geistern deswegen Gerüchte, was aus ihm wird: Geht er wie Gerhard Schröder für viel Geld in die Wirtschaft? Wird er gewichtiger Lobbyist für die Autobranche, vielleicht für VW?

Reicht ihm das reine Amt als Abgeordneter?

Weit weg von Deutschland ist dem SPD-Mann freilich nichts Verwertbares zu seiner Zukunft zu entlocken. Klar, er würde gerne weitermachen, seit Jahren hat er als Politiker nicht mehr so viel Spaß gehabt. Trotzdem sei er entspannt. Wenn er danach dezidiert über die SPD und ihre Optionen sinniert, wirkt es indes etwas unglaubhaft, dass er die wichtigen Entscheidungen Martin Schulz ganz allein überlässt.

Der Sonntag wird für Sigmar Gabriel ein Schicksalstag. Am Abend zuvor steht er noch mal mit Schulz in Berlin auf der Bühne, da wird er für seine Außenpolitik werben und die Unterschiede zu Kanzlerin Merkel herausarbeiten. Wenn alles schief geht, sagte Gabriel kürzlich, bleibt ihm ja zumindest das Amt als Abgeordneter. Es ist schwer vorzustellen, dass dem politischen Alphatier das wirklich reicht.

Immerhin ist Gabriel Realist geblieben. Während Guido Westerwelle auf seiner letzten Reise noch räsonierte, er werde ganz sicher mit vielen der Spitzenpolitiker ganz eng befreundet bleiben, macht sich Gabriel da keine Illusionen. Zumindest der französische Präsident Macron, den Gabriel schon ewig kennt, hat ihn für den Fall eines Total-Verlusts der SPD aber schon zum Familienessen eingeladen.

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