Sigmar Gabriel in Jordanien Tränen im Flüchtlingscamp

Bei seinem Besuch in einem jordanischen Flüchtlingslager sind Wirtschaftsminister Gabriel Tränen in die Augen gestiegen: "Man wird demütig." Es brauche mehr finanzielle Hilfen, auch im Libanon und in der Türkei.

DPA

Vizekanzler Sigmar Gabriel ist in Jordanien mit der Realität konfrontiert worden. Im Uno-Camp in Zaatari leben etwa 80.000 Flüchtlinge. Doch die Vereinten Nationen haben nicht genug Geld. Allein in Jordanien klafft im Budget für 2015 eine Lücke von 67 Prozent. Gabriel hoffe dass der EU-Sondergipfel 1,5 Milliarden Euro an Soforthilfe freigibt, sagt er vor Ort. Das sind die Zahlen.

Bei seinem Besuch wird Gabriel aber auch von der Lebenswirklichkeit eingeholt. Etwa von dem Jungen Rajeb, der bei einem Raketeneinschlag in seiner syrischen Heimat Daraa beide Beine, ein Auge und vier Finger verlor. Seine Familie floh über die Grenze nach Jordanien, ins große Uno-Wüstencamp Zaatari.

Gabriel trifft die Syrer in dem kleinen Raum, in dem sie nun leben. "Haben Sie die Hoffnung, mit Ihrer Familie zurückkehren zu können?", fragt der Vizekanzler den Vater. Er antwortet: "So Gott will, werden wir zurückkehren." Rajebs Mutter fragt, ob ihr Sohn im Ausland Hilfe bekommen kann, etwa in Deutschland. Der Chef des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) in Jordanien, Andrew Harper, sagt: "Ja, wir könnten es probieren." Gabriel fordert: "Let's try."

Als der Wirtschaftsminister draußen vor den Kameras von der Familie erzählt, schießen ihm Tränen in die Augen: "Es gibt keine Chance für die, hier am Leben zu bleiben", sagte er. Nach einem Gespräch mit dem Flüchtlingsmädchen Reem in Deutschland, hatte Kanzlerin Merkel gesagt, an dem Asylentscheid für eine Familie dürfe sich nichts ändern, nur weil es mit der Regierungschefin gesprochen habe. Man sei ja in Deutschland in einer Demokratie. Auch ihr Vizekanzler will in Jordanien nichts versprechen.

Die Partei des SPD-Chefs will derzeit als Asylrechtspartei punkten. Gabriel selbst war noch vor Merkel in Heidenau, beim rechten "Pack". Nun versucht er es bei Rajeb, einem einzelnen Flüchtlingsjungen in Jordanien. Bei ihm ist das "Let's try" das "Wir schaffen das" von Merkel.

UNHCR-Manager Harper mahnt an, die Nöte, die dazu führen, dass Syrer, Iraker oder Afghanen aus Jordanien weiterziehen, müssten verringert werden: Hunger oder Durst etwa, oder zu wenig Schulplätze und fehlende Jobs. "Man wird demütig", sagte auch Gabriel bei dem Besuch. "Das ist schon eine dramatische Lage."

Bisher wollten die Flüchtlinge lieber in dem Lager bleiben, als nach Europa zu gehen. Immer mehr Syrer würden nun jedoch kurz nach Hause gehen, um sich von Grundstücken oder Häusern zu trennen, der "Exodus" habe begonnen. "Deshalb ist es auch in unserem Interesse, zu helfen", sagt Gabriel.

Also forderte Gabriel deutlich mehr finanzielle Hilfen für Menschen in Lagern in Jordanien, Libanon und der Türkei. "Deutschland tut schon eine Menge. Wir wollen mehr tun, aber andere müssen mitmachen", sagte er. Europa habe bereits signalisiert, dass es zusätzliche Hilfsgelder geben wolle. Nun müsse man mit den Golf-Staaten und den USA mit dem Ziel sprechen, den gleichen Betrag aufzubringen.

Video: "Wir wollen mehr tun, aber andere müssen auch mehr tun"

vek/dpa/Reuters

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