Sigmar Gabriel bei Rohingya-Flüchtlingen Im Elendscamp

Menschenhandel, Schmutz, Krankheiten: Im Süden von Bangladesch leben Hunderttausende Rohingya in einem kärglichen Flüchtlingscamp. Nun kam Außenminister Gabriel zu Besuch - und setzte ein Zeichen.

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Aus Cox's Bazar in Bangladesch berichtet


Sigmar Gabriel hat in seinem Leben schon viel Elend gesehen: Flüchtlingslager in Somalia, Nordirak, Jordanien. Aber die Bilder, die sich dem amtierenden deutschen Außenminister am späten Sonntagvormittag durch das runde Fenster eines Hubschraubers der bengalischen Luftwaffe bieten, verschlagen ihm erstmal die Sprache: Lehmhütten, so weit das Auge reicht, rote, weiße oder blaue Plastikdächer.

Die welligen Hügel am Südzipfel von Bangladesch, unweit des Strandes von Cox's Bazar, waren einmal grün, jetzt leben hier 830.000 Menschen, die meisten von ihnen, rund 600.000, geflohen, seitdem im August die Armee des Nachbarlands Myanmar gegen die Minderheit der Rohingya gewaltsam vorging und sie über die Grenze nach Bangladesch flohen.

Es war Gabriels Idee, vor dem EU-Asien-Außenminister-Gipfel, den in diesem Jahr Myanmar ausrichtet, das Nachbarland Bangladesch zu besuchen und sich die Situation der Rohingya aus nächster Nähe anzusehen. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini schloss sich kurzerhand an, ebenso wie die schwedische Außenministerin Margot Wallström und der japanische Außenminister.

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Rohingya in Bangladesch: Flucht ins Ungewisse

Nach einer knappen Stunde Autofahrt erreicht der Konvoi das Flüchtlingslager Kutupalong. Manchmal weiß man nicht, was dramatischer ist: Der Blick auf das Ganze oder die Begegnung aus der Nähe. Die armseligen Hütten stehen noch enger, als es aus der Luft schien. Die Luft ist feucht und stickig, das Thermometer zeigt um die 30 Grad. Kinder spielen im Dreck, Mütter waschen an einem der wenigen Brunnen Wäsche, Väter schauen apathisch ins Leere. Im Lager werden Menschen gehandelt, und Organe.

Im "Kontrollraum für Neuankömmlinge aus Myanmar" erklären die Vertreter der Uno und der Hilfsorganisationen den Politikern, womit sie tagtäglich zu kämpfen haben. "Die Flüchtlinge kommen hier mit äußeren Verletzungen an und sind extrem traumatisiert", sagt eine Koordinatorin. Dieses Lager sei vollkommen überfüllt. "Wir versuchen, in kürzester Zeit den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern."

Cholerafälle sind bislang nicht aufgetreten, die Ärzte der Hilfsorganisationen haben es geschafft, in kurzer Zeit 600.000 Menschen zu impfen, doch es kommen täglich neue Menschen an und gefährlich wird es, wenn im Frühjahr die Regenzeit wieder losgeht. Den Ausbruch von Masern konnten die Helfer nicht verhindern, er bedroht vor allem die Kinder.

Von draußen dringen Kindergeschrei und Autohupen in den Raum, ein Deckenventilator verschafft etwas Kühle. Die Hilfsexperten richten einen dramatischen Appell an die ausländischen Politiker: "Wir werden Leben nur retten können, wenn wir mehr Platz bekommen", sagt die Koordinatorin. "Und wir brauchen mehr Geld".

Das hat Gabriel im Gepäck. Noch einmal 20 Millionen Euro zusätzlich verspricht der deutsche Außenminister. Aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein: Das Uno-Flüchtlingswerk hat in ihrem Hilfsplan bis Februar 2018 einen Bedarf von insgesamt 434 Millionen US-Dollar ermittelt.

Im Video: "Eine dramatische Lage"

Hinzu kommen Konflikte mit der lokalen Bevölkerung, die durch die Flüchtlingskatastrophe gerade in einem armen Land wie Bangladesch drohen: weil das Grundwasser knapp wird und die Löhne durch die vielen Flüchtlinge gedrückt werden. Medizinisch geht es den Flüchtlingen teilweise besser als der angestammten Bevölkerung: So erkranken im Lager weniger Menschen an Durchfall als draußen.

Am Abend fliegt Gabriel weiter nach Myanmar - und nimmt demonstrativ den bengalischen Außenminister im Bundeswehr-Airbus mit. Im Streit um die Flüchtlinge ist es auch ein Zeichen der Solidarität mit dem bedrängten Bangladesch. Der deutsche Vizekanzler kündigt an, in Myanmar die Machthaber an ihre Verantwortung für die Flüchtlingskrise zu erinnern. Er will mit der Friedensnobelpreisträgerin und amtierenden Außenministerin Aung San Suu Kyi auch über "Rückkehrmöglichkeiten" sprechen.

Doch ob die Rohingya nach allem, was sie in Myanmar erlebt haben, bereit sind, dorthin zurückzukehren, darf bezweifelt werden.



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