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Silvester in Südisrael: Raketenalarm und Krimsekt

Aus Beerscheba und Sderot berichtet Henryk M. Broder

Alarm im Supermarkt, eine Mutter im Schutzraum aus Stahlbeton, ausgestorbene Straßen in Gazas Nachbarstadt Sderot: Die Menschen in Süd-Israel leben mit der Bedrohung durch Hamas-Raketen. Sderot ist an Silvester eine Geisterstadt - nur ein paar polnische Journalisten feiern.

Rex ist ein deutscher Schäferhund. Dennoch ist er sehr sensibel. Er verträgt keinen Krach, Silvesterkracher sind ihm ein Greuel. Also bringen wir Rex zu Freunden nach Javne, bevor wir in den Süden aufbrechen. Javne liegt etwa vierzig Kilometer von Gaza entfernt, bisher außerhalb der Reichweite der "selbstgebauten" Raketen, die täglich aus dem Gaza-Streifen nach Israel abgefeuert werden. Letzten Sonntag aber ist zum ersten mal eine "Grad" bei Javne eingeschlagen. Es gab keinen Alarm, und keiner hat was gemerkt.

Kaum haben wir Rex abgegeben und Javne in Richtung Beerscheba verlassen, hören wir im Radio, dass wieder eine "Grad" in Javne niedergegangen ist, diesmal in einem Wohngebiet. Wie in solchen Fällen üblich, bleibt der genaue Einschlagort ungenannt, um den Schützen keine Hinweise zu geben.

Die Fahrt von Javne nach Beerschewa dauert etwa eine Stunde. Wir hören "Reschet Bet", den Nachrichtenkanal des israelischen Rundfunks. Er berichtet, wo überall in den letzten 24 Stunden eine "Kassam" oder eine "Grad" gelandet ist: In Sderot, in Beerscheba, in Aschkelon, in Aschdod, in Kirjat Malachi, in Netiwot, in Ofakim, in Rahat, einer Beduinenstadt zwischen Gaza und Beerscheba. Wie an einem Spieltag der israelischen Nationalliga wird von einem Treffer zum anderen geschaltet. Es gibt Interviews mit Betroffenen und Augenzeugen, Lageanalysen mit den üblichen Experten und Empfehlungen, wie man sich im Alarmfall verhalten soll. Am Ende des Mittagsmagazins zieht der Moderator die Bilanz: "Bis jetzt waren es 30 Raketen." Und weiter geht es mit den Oldies des Tages.

Blog aus dem "Wilden Süden"

In Beerscheba angekommen, fällt uns erst einmal auf, dass uns nichts auffällt, abgesehen von den vielen Polizeiautos, die mit Blaulicht unterwegs sind. Wir halten am "Canyon Negev", dem größten Einkaufszentrum der Wüstenstadt. Der Security-Mann am Eingang will wissen, ob wir bewaffnet sind und gibt sich mit einem freundlichen "heute nicht" zufrieden. Drinnen sind zwei Drittel aller Geschäfte geschlossen, und in denjenigen, die geöffnet haben, langweilen sich die Verkäufer dem Ladenschluss entgegen. Nur in der "Fressgasse" im Untergeschoss rollen die Falafel.

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Auch Ruth Bracha ist zu Hause geblieben, um auf ihre beiden Töchter aufzupassen, die "raketenfrei" haben. Die Theaterwissenschaftlerin aus Basel kam 1994 mit ihrem ersten Mann nach Israel. Der hielt es nicht lange im Orient aus und kehrte zurück nach Europa. Ruth Bracha heiratete zum zweiten Mal und freut sich jeden Tags aufs neue, im "wilden Süden" zu leben. "Beerscheba ist weit weg - von allem." Wenn ihr danach wäre, könnte sie auch im Nachthemd zum Einkaufen gehen, "und niemand würde sich nach mir umdrehen".

Sie arbeitet in einer Elektronik-Firma, die ihre Produkte auch nach Deutschland exportiert. Und weil sie sich darüber ärgert, wie "drüben" über den Palästina-Konflikt geschrieben wird, schreibt sie sich seit zwei Jahren mit einem Blog die Wut von der Seele: "Blick auf die Welt – von Beerscheba aus"; sie tut es täglich, außer am Schabbat, aber nicht, weil sie fromm ist, sondern weil "dieser Tag der Familie gehört".

Raketenwarnung im Supermarkt

Jetzt muss Ruth Bracha einkaufen. Wir fahren in den nächsten "Supersol". Hier wird auf Russisch bedient, das Personal und die Kunden kennen sich aus Moskau und Kiew. Wer Hebräisch redet, kommt entweder aus Nordafrika oder - früher - aus Gaza. Luba, die korpulente Kassiererin aus Lwiw, hat gerade damit begonnen, unseren Einkauf abzurechnen, da bittet der Filialleiter über die Lautsprecheranlage das Personal und die Kunden, den Schutzraum aufzusuchen, eine Rakete sei im Anflug. Jetzt wäre der Moment, sich preiswert zu versorgen. Aber daran denkt niemand.

Zwei Dutzend Menschen drängeln sich in einen begehbaren "Tresor" aus Stahlbeton, der mitten im Warenlager steht, Ruth Bracha zieht ihr Handy raus und ruft ihre Kinder an, es könnte sein, dass die Mädchen den Alarm nicht gehört haben. Die sind schon im Schutzraum, einem kleinen, besonders stabil ausgelegten Zimmer der Wohnung, zusammen mit Kater Micky, der sich unter dem Bett verkrochen hat.

Von Beerscheba fahren wir in nordwestlicher Richtung nach Sderot, der unmittelbaren Nachbarstadt von Gaza. Keine Gemeinde Israels hat in den vergangenen Jahren so viele Raketen abbekommen wie dieser in den 50er Jahren in den Wüstenboden gebaute Ort für Neueinwanderer aus Nordafrika. Heute stehen zwar an jeder zweiten Ecke kleine Häuschen, die wie befestigte Bushaltestellen aussehen, Unterstände für jedermann. Aber die Vorwarnzeit ist so kurz, dass sie nicht einmal als Beruhigungsmittel taugen.

Sderot ist eine Geisterstadt. Im alten Einkaufszentrum suchen die Katzen nach Essensresten, im "Hamburger" stehen die Stühle auf den Tischen, und niemand hört dem Ministerpräsidenten von Gaza zu, der im Hamas-Fernsehen die Palästinenser auffordert, "bis zum Sieg" durchzuhalten. Nebenan, im leeren "Tnuvale", sitzt der Besitzer mit seiner Familie vor einer riesigen Videoleinwand. Es gibt Pizza für alle.

Die einzigen, die an diesem Abend feiern, sind ein paar polnische Journalisten, die sich im Gästehaus des Kibbuz "Nir Am" direkt an der Grenze zu Gaza eingemietet haben. Punkt Mitternacht israelischer Zeit stoßen sie mit "Krimskoje"-Sekt an. Und eine Stunde später noch einmal. Diesmal mit Wodka. Denn jetzt ist Neujahr in Warschau.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

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