Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom
Seit dem Sommer weiß er es, zumindest an manchen Tagen: Er wird den römischen Palazzo Chigi, den Sitz der italienischen Regierungschefs, nicht mehr erobern. Berlusconis politische Karriere geht zu Ende. Seine Sympathiewerte fallen in den Keller, seine Partei ist im Zustand der Auflösung.
An solchen Tagen, raunen langjährige Vertraute, sei er tief depressiv. Nicht nach Gesang und Frauen stehe ihm dann der Sinn, Zukunftsangst sei angesagt.
Aber dann, am nächsten Morgen, gibt Silvio Berlusconi, 75, wieder den "von Gott Gesalbten", der "Wunder vollbringen kann", der "Italien retten" muss - und sich selbst natürlich auch. An diesen Tagen stehen Diät und Liegestütze auf dem Programm, nebst politischen Verheißungen für seine Wähler und lautstarken Drohungen an seine Gegner. Doch das eine wie das andere beeindruckt immer weniger. Der große Zampano irrlichtert nur noch durch die politische Landschaft Italiens. Er hat weder Lock- noch Drohpotential mehr.
Schmeicheleien für Monti
Dienstagabend beispielsweise war er zum Abendessen bei seinem Nachfolger Mario Monti geladen. Der braucht die Stimmen aus der Berlusconi-Fraktion im Parlament, sonst hat er keine Mehrheit für seine Sparprogramme. Beinhart werde er auftreten, hatte Berlusconi vorher Parteifreunden verkündet. Nur wenn im Gegenzug die Steuern gesenkt würden - das ist Berlusconis Lieblingsthema in allen Wahlkämpfen und auch in den Zeiten dazwischen -, werde er Montis Plänen zustimmen. Sonst stehe "Mauer gegen Mauer".
Tatsächlich, hieß es nach Tisch, habe Berlusconi zwar seine Wünsche nach Steuersenkungen vorgetragen, aber Monti sei darauf gar nicht eingegangen. Trotzdem habe Berlusconi nur schmeichelhafte Worte für den Mann gefunden, dem er schon zigmal drohte, ihn abzusägen. Opera buffa: Der Held wird zum Maulhelden.
Sex und Mafia: Berlusconis "Volk der Freiheit"
Silvio Berlusconi hat Italien zwei Jahrzehnte geprägt wie kein anderer. Auf seine Art: Er hat Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit salonfähig gemacht, Schamgefühl und Ehrlichkeit als überflüssigen Ballast abgeworfen. Prozesse und Skandale pflastern seinen Weg, und doch hat er immer wieder einen großen Teil der Italiener für sich gewinnen können - und dabei Italien an den Rand des Abgrunds geführt. Jetzt steht er selbst dort und muss ohnmächtig zusehen, wie seine Partei PdL, das "Volk der Freiheit", in einem Sumpf von Korruption und Diebstahl, Sexorgien und Mafia-Kontakten versinkt, weil seine Parteifreunde seinem Weltbild womöglich zu ungeniert nacheiferten.
Im römischen Regionalparlament bezahlten Politiker aus der Berlusconi-Partei Autos, Häuser und Freundinnen mit Steuergeldern aus der Fraktionskasse, griffen Bargeld gegen fingierte Rechnungen ab, verprassten Millionen. Manchmal feierte man, wie passend, in Schweinekostümen.
Stimmenkauf bei der Mafia: 50 Euro pro Wähler
In Mailand ließ sich der PdL-Regionalpräsident der Lombardei von einem guten Freund, der in Betrügereien beim Bankrott eines Großklinikums verwickelt ist, luxuriöse Urlaubsreisen bezahlen. Ein Minister der lombardischen Landesregierung sitzt seit zwei Wochen in U-Haft, weil er bei den vergangenen Wahlen für 200.000 Euro Wählerstimmen bei der Mafia gekauft haben soll. Für 50 Euro pro Stück, macht also 4000 Stimmen.
Gegen ein weiteres Dutzend lombardischer PdL-Politiker wird wegen Korruption, Unterschlagung, illegaler Parteienfinanzierung ermittelt. Und in anderen Regionen, nicht nur in Sizilien, geht es offenbar ähnlich zu.
Nun reicht es selbst den gutgläubigsten Berlusconi-Anhängern. Nur Berlusconi reicht es noch nicht.
Der ist zwar Milliardär, könnte sich ganz auf Dolce Vita konzentrieren. Aber das wäre riskant. Denn wegen eines blöden Telefonats könnte er am Ende seiner langen, erfolgreichen Karriere womöglich doch noch viele seiner Parteifreunde im Gefängnis treffen. Und das will er nicht.
"Herzensdiebin" Ruby - Berlusconis letztes Risiko
Kaum jemand, und gewiss kein Politiker aus einer westlichen Demokratie, hat so viele Prozesse überstanden wie Berlusconi. Wurde er gelegentlich verurteilt, dann regelte sich das in den nächsten Instanzen. Ins Gefängnis musste er nie. Eine Rolle spielten dabei wohl auch gewisse Gesetzesänderungen, die hier ein Delikt ein bisschen harmloser einstuften, dort die Verjährungsfrist verkürzten, an anderer Stelle dem angeklagten Regierungschef zubilligten, Gerichtstermine abzusagen, wenn er Wichtigeres zu tun hatte. So kam er bislang immer durch.
Aber jetzt droht neues Ungemach durch den Prozess um seine Beziehung zu der anfangs womöglich minderjährigen Bartänzerin mit dem Künstlernamen Ruby Rubacuori (zu Deutsch: Herzensdiebin). "Ich hatte nie Sex mit Ruby", gab Berlusconi vorige Woche vor Gericht zu Protokoll. Außerdem habe sie ihm gesagt, sie sei 24 Jahre alt. Und weil die junge Dame auch angibt, mit Sex wäre nichts gewesen, könnte das Verfahren für Berlusconi durchaus glimpflich enden. Wäre da nicht ein zweiter Anklagepunkt: Amtsmissbrauch.
Am Abend des 27. Mai 2010 hatte Berlusconi nämlich bei der Mailänder Polizei angerufen. An jenem Tag war besagte Ruby unter Diebstahlverdacht festgenommen worden und sollte, da sie keine Papiere bei sich hatte, bis zur Klärung in Haft bleiben. Berlusconi forderte, so die Anklage, sie freizulassen. Sonst drohten diplomatische Verwicklungen, die junge Dame sei nämlich die Nichte des ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak. Er, Berlusconi, werde gleich ein hochrangiges Ratsmitglied vorbei schicken, um die sensible Person abzuholen. Die Polizei beugte sich dem Wunsch des Ministerpräsidenten.
So holte das Regionalratsmitglied Nicole Minetti, einst Berlusconis persönliche Zahnhygienikerin, später Showgirl, nun Politikerin und Berlusconis Stütze bei der Organisation seiner "Bunga Bunga"-Partys, Ruby ab. Die ist in Wahrheit Marokkanerin und mitnichten prominent und wurde sogleich an eine 27-jährige Brasilianerin, die auch zum Bunga-Umfeld gehörte, weitergereicht. Für die Staatsanwaltschaft ist das Amtsmissbrauch, und darauf steht Gefängnis. Das Urteil wird für Dezember oder Januar erwartet, und Berlusconi fürchtet das Schlimmste. Deshalb sucht er mit allen Mitteln noch ein letztes Mal politische Hilfe, um aus dem Schlamassel zu kommen.
Manchmal probiert er es mit der Drohung, wieder in den Ring zu steigen. Dann verspürt er "die Pflicht, das Land nicht der Linken zu überlassen" - oder gar "den Deutschen", die Italien und ganz Europa kolonialisieren wollen. Wenn das nichts bringt, dreht er und sagt Mario Monti volle Unterstützung auch für eine weitere Amtszeit zu. Anfang Oktober schien Berlusconi fast am Ziel: PdL-Abgeordnete hatten - ausgerechnet - in das Anti-Korruptions-Gesetz der Regierung einen Passus geschmuggelt, der den Amtsmissbrauchs-Paragraphen entschärft. Aber dann stellten sich die Mitte-Links-Fraktion und die Justizministerin quer.
Prompt gab Berlusconi wieder das Ekel und drohte mit einer neuen Partei. Dem folgte ein Kotau vor Monti und so weiter. Täglich neu, täglich kläglich.
Berlusconi kämpft, aber er weiß nicht mehr so richtig wie. Erst am Mittwoch war es wieder so weit. "Aus Liebe zu Italien", so verhieß Berlusconi, werde er nicht wieder kandidieren. Innerparteiliche Vorwahlen sollen seinen Nachfolger küren.
Sein Kampf ist nicht verloren, nicht gewonnen. Aber der Ausgang liegt nicht mehr in seiner Hand. Andere werden befinden, ob sie ihn im Knast sehen wollen oder - aus welchen Motiven auch immer - lieber nicht.
Der strahlende, ewig Jugendliche, der Reiche und Mächtige ist nicht mehr der Steuermann. Er schlingert auf ein klägliches Ende seiner politischen Karriere zu.
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