Simbabwe am Ende Die Menschen sterben, der Diktator schwadroniert

Morde an Oppositionellen, Hunger, Epidemien: Simbabwe liegt am Boden, aber Präsident Mugabe will es nicht wahrhaben. Stattdessen versucht der Diktator, den Westen für alles Unheil verantwortlich zu machen. Doch jetzt gerät seine Führungsclique unter Druck - durch Attentate.

Von Carl Wernicke, Harare


Harare - Eigentlich sollte es für Perence Shiri ein entspanntes Wochenende werden. Der 53-jährige Luftwaffenmarschall wollte auf seiner luxuriösen Farm unweit der simbabwischen Hauptstadt Harare ausspannen. Doch plötzlich wurde sein Geländewagen mitten auf der Landstraße von einem anderen Fahrzeug ausgebremst. Schüsse fielen. Shiri riss den schweren Allradwagen herum und entkam dem Anschlag. Er war lediglich von einer Kugel an der rechten Hand verletzt worden, wurde sofort in ein Militärkrankenhaus gebracht und dort operiert. Inzwischen ist sein Zustand stabil.

Doch der Anschlag hat Simbabwes Diktator Robert Mugabe und seine Führungsclique alarmiert: Es ist bereits das zweite Attentat auf einen Günstling des Regimes in kürzester Zeit. Erst in der vergangenen Woche war der Politkommissar der Mugabe-Partei Zanu-PF, Elliot Manyika, angeblich bei einem Autounfall zu Tode gekommen. Er wurde mit großem Zeremoniell auf dem Heldenfriedhof in Harare beigesetzt. Oppositionspolitiker und Diplomaten sind jedoch überzeugt, dass auch Manyika einem Attentat zum Opfer gefallen ist.

Die Schüsse auf Shiri treffen Mugabe allerdings noch härter: Shiri ist sein Cousin und einer seiner einflussreichsten Vertrauten. Der bullige Mann gilt als einer der am meisten gehassten Männer Simbabwes. Er selbst hat sich zwar einmal ironisch einen "schwarzen Jesus" genannt. Bekannt ist er in Simbabwe allerdings unter dem Beinamen "Der Schlächter von Matabeleland". Als Chef der von Nordkorea trainierten berüchtigten 5. Brigade hatte er 1983 den Oberbefehl bei einem Massaker in der simbabwischen Provinz Matabele, dem rund 20.000 Zivilisten zum Opfer fielen. Während der Gewaltwelle gegen Oppositionelle nach den Wahlen vom März dieses Jahres galt Shiri als einer der Hardliner in Mugabes Führungszirkel.

Insider vermuten hinter dem Attentat auf Shiri und dem angeblichen Autounfall Manyikas Flügelkämpfe in der Führungsschicht der Zanu-PF. Nach Überzeugung Mugabes stecken hinter diesen Vorgängen jedoch die USA und Großbritannien, die nach seiner Überzeugung einen Militärschlag gegen Simbabwe planen.

In seiner Trauerrede bei der Beisetzung Manyikas sagte er: "Brown will eine militärische Intervention, Sarkozy will eine militärische Intervention, Bush will eine militärische Intervention." Simbabwes Staatszeitung "The Herald" berichtet seit Tagen minutiös über angebliche Pläne von Europäern und Amerikanern, Mugabe mit Gewalt von der Macht zu verdrängen. Selbst die Cholera-Epidemie, die inzwischen über tausend Todesopfer gefordert hat, sei ein Werk des Westens, der einen "biologischen Feldzug" gegen Simbabwe führe, um das Land in die Knie zu zwingen, tönt Informationsminister Sikhanyi Ndlovu.

Robert Mugabe gibt sich unbesiegbar

"Aber", sagte Mugabe in seiner Trauerrede, "Simbabwe ist darauf vorbereitet, sich gegen jeden imperialistischen Aggressor zu verteidigen und wird sich niemals mehr einer anderen Nation unterwerfen, egal wie mächtig sie ist."

Zugleich schlägt das ums Überleben kämpfende Mugabe-Regime wieder brutal gegen Oppositionelle und Menschenrechtler zu. Jestina Mukoko, Galionsfigur des Zimbabwe Peace Project, wurde am 3. Dezember von Bewaffneten mitten in der Nacht aus ihrer Wohnung gezerrt. Sie ist seitdem verschwunden. Ihr Anwalt bekommt trotz eines entsprechenden Gerichtsurteils keinen Kontakt. Auch Broderick Takawita und Pascal Gonzo, zwei weitere Führungsmitglieder des Friedensprojekts, sind verschleppt worden. Ihre Organisation hat detailliert die Morde der Mugabe-Banden von der Vorwahlzeit bis heute dokumentiert und die Namen der Mörder recherchiert. Insgesamt sind in den vergangenen vier Wochen 20 Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen festgenommen worden. Sie werden an unbekannten Orten festgehalten und sind nach Ansicht oppositioneller Anwälte in den Händen der Geheimpolizei CIO. Auch 14 Mitglieder der Oppositionspartei MDC sind verhaftet worden.

Mugabes Sprecher George Charamba kündigte außerdem Aktionen gegen missliebige Journalisten an. "Die Trennlinie zwischen journalistischen Missetaten und Spionage wird immer dünner," schrieb er am Samstag in einem Kommentar im "Herald" und drohte: "Sie werden den Preis dafür zahlen müssen." Einen Tag später wurde der offiziell akkreditierte freie Journalist Andrisson Manyere ohne Angaben von Gründen verhaftet. Das Centre for Community Development in Zimbabwe beklagt öffentlich "Einschüchterung, Folterungen und Verhaftungen von Verteidigern der Menschenrechte durch bewaffnete Milizen - Vergehen, die systematisch durchgeführt werden und seit der Stichwahl um das Präsidentenamt im Juni 2008 immer nach dem gleichen Muster ablaufen".

Um sich neue Einnahmequellen zu erschließen, greift das verzweifelte Regime inzwischen nach "Blutdiamanten": In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben Polizei, Militär und Geheimdienst in der vergangenen Woche 35.000 illegale Diamantensucher von einem Diamantenfeld in Chiadzwa nahe der mosambikanischen Grenze vertrieben. Bis 2006 gehörte das ergiebige Feld dem Diamantenkonzern De Beer, seitdem hat die staatliche Zimbabwe Mining Development Corporation das Schürfrecht. Doch immer mehr verzweifelte Menschen aus der Umgebung hatten dort nach den kostbaren Edelsteinen gegraben und sie über die Grenze nach Mosambik geschmuggelt - bis Mugabes Schlächter zuschlugen: In der sogenannten Operation Hakudzokwi (Ohne Wiederkehr) waren die illegalen Schürfer zunächst von Hubschraubern aus niedergeschossen worden. Dann hatte die Polizei sie mit Hunden gejagt - darunter auch Frauen und Kinder. Über 50 Menschen sollen zu Tode gekommen sein.

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