Simbabwe: Diktator Mugabe lässt die letzten Skrupel fallen

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt

Oppositionelle werden terrorisiert, verschleppt und ermordet, Diplomaten schikaniert - und internationale Hilfsorganisationen bekommen Arbeitsverbot: Drei Wochen vor der Stichwahl gegen Morgan Tsvangirai will Robert Mugabe den Sieg mit Gewalt erzwingen.

Plaxedess Mutarisma hatte eine böse Vorahnung: "Irgend etwas war anders als sonst." 34-mal hatten die Schlägerbanden des simbabwischen Diktators Robert Mugabe ihren Mann Tonderai Ndira schon verhaftet, verschleppt und geschlagen. Immer wieder war der "Sergeant" davon gekommen. Sogar als ein betrunkener Polizist sicher war, dass er ihn erschossen hatte, überlebte Ndira.

Simbabwes Präsident Mugabe: Macht um jeden Preis
AFP

Simbabwes Präsident Mugabe: Macht um jeden Preis

Doch diesmal waren die sechs bewaffneten Zanu-Milizionäre noch brutaler als sonst. Sie rissen das Kinn des 33-Jährigen hoch, würgten und schlugen ihn. Dann warfen sie ihn auf einen Lastwagen.

Ndira hatte bereits eine schreckliche Warnung bekommen, dass es Mugabes Schergen diesmal ernst war: Einige Tage zuvor hatten sie seinen Freund und früheren Zellengenossen Beta "Texas" Chokururama ermordet. Erst hatten sie ihm beide Beine gebrochen, dann hatten sie ihn mit Messern lebensgefährlich verletzt. Zum Schluss erschossen sie ihn.

Aber der "Sergeant" ließ sich nicht einschüchtern. Er verließ eines der "sicheren Häuser", die die simbabwische Oppositionspartei "Bewegung für einen demokratischen Wandel" (MDC) für ihre Aktivisten eingerichtet hat, um Frau und Kinder in Harares Elendsviertel Mabvuka zu besuchen. Da schlugen die Zanu-Banden zu. Lebend hat Plaxedess Mutarimsa ihren Mann nicht wieder gesehen.

Sein Bruder Barnabas hat eine Woche lang in den Leichenhäusern Simbabwes nach ihm gesucht. Acht andere ermordete MDC-Anhänger hat er dabei identifiziert. Erst nach einem Hinweis eines sympathisierenden Polizisten fand er den Leichnam seines Bruders Tonderai. Sie hatten ihn irgendwo auf einer Farm in den Busch geworfen. Das Begräbnis des populären MDC-Mannes geriet zur Demonstration: Simbabwes Opposition hatte ihren ersten Märtyrer.

Uno: Millionen leiden unter Hunger und Krankheiten

Drei Wochen vor der Stichwahl mit seinem Herausforderer Morgan Tsvangirai hat Robert Mugabe alle Hemmungen verloren. Über 65 MDC-Anhänger sind seit der ersten Wahlrunde am 29. März bereits ermordet worden. Tsvangirai und seine engsten Mitarbeiter wurden in dieser Woche zweimal von der Polizei vorübergehend festgesetzt, um sie daran zu hindern, auf Wahlkampfveranstaltungen aufzutreten.

Am Freitag untersagten Mugabes Sicherheitskräfte bis auf weiteres alle Kundgebungen der Opposition in Harare - mit der fadenscheinigen Begründung, dass die Sicherheit von Parteiführern nicht gewährleistet werden könne.

Offenbar setzt Mugabes Regime jetzt sogar den Hunger als Waffe ein: Lebensmittel würden vor allem an Anhänger Mugabes verteilt, sagte US-Botschafter James McGee am Freitag. Der Diplomat erklärte, Anhänger der Opposition erhielten nur dann Lebensmittel, wenn sie ihren Ausweis und damit ihre Berechtigung zur Stimmabgabe am 27. Juni abgeben. Sollte die Regierung weiter so handeln, seien Todesopfer in Simbabwe die Folge, warnte McGee in einer Videokonferenz.

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen sind wegen der autoritären Haltung der Regierung aktuell mindestens zwei Millionen Menschen von Hungertod, Obdachlosigkeit und Krankheiten bedroht.

Selbst vor westlichen Diplomaten machte Mugabe nicht Halt: Als amerikanische und britische Botschaftsmitarbeiter in einem Hospital in Bindura nördlich der Hauptstadt Harare Opfer der Mugabe-Banden besuchen wollten, wurden sie vorübergehend festgenommen.

Bei einem Wagen der kleinen Kolonne zerstachen sogenannte Kriegsveteranen die Reifen, andere drohten den Insassen, sie würden die Autos anzünden, wenn die Diplomaten nicht freiwillig mit zur nächsten Polizeiwache kämen.

US-Botschafter James McGee sagte: "Sie wollen uns einschüchtern, damit wir nicht aufs Land fahren und Zeugen der Grausamkeiten werden, die hier an der Bevölkerung verübt werden. Wir sind überzeugt, dass das von ganz oben angeordnet worden ist." Für Robert Mugabe ist McGee überhaupt einer seiner Hauptfeinde. Immer wieder droht er ihm, er werde ihn aus dem Land jagen lassen.

"Ich hoffe für ihn, dass er tot ist"

Der 84-jährige Diktator hat die Zeit seit der Parlamentswahl am 29. März, bei der er zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit 1980 die Mehrheit in beiden Kammern verloren hat, genutzt, um durch gezielte Einschüchterung und brutale Gewalt seine Macht zu sichern.

Drei südafrikanische Journalisten wurden in dieser Woche zu je sechs Monaten Haft verurteilt, weil sie ohne Erlaubnis ins Land gekommen waren. Unabhängige Beobachter sind in Simbabwe unerwünscht. Westlichen Hilfsorganisationen wurde verboten, ihre dringend benötigte Nahrungsmittelhilfe fortzusetzen. Die Behörden in Simbabwe werfen ihnen vor, sie mischten sich in die inneren Angelegenheiten des Landes ein.

Auch die Armee wird auf Kurs gebracht. Generalmajor Martin Chedondo drohte den Soldaten: "Wir stehen hinter unserem Oberbefehlshaber Mugabe. Wer andere Vorstellungen hat, muss die Uniform ausziehen und die Folgen tragen."

In E-Mails an Freunde und Verwandte berichten Farmer aus Simbabwe, dass "der Schrecken ein immer wieder neues, ungeahntes Ausmaß annimmt". In einer Mail heißt es, einem Farmer seien beide Hände abgehackt worden, dann sei er gefoltert und verschleppt worden. Sein Cousin schreibt: "Ich hoffe für ihn, dass er tot ist."

Andere schreiben über ein "Umerziehungslager" in Rusununguko in Ostsimbabwe. Dort würden Jugendliche auf Mugabe eingeschworen. Wer nicht bereit sei, dem Diktator die Treue zu schwören, werde geschlagen und gefoltert. Südafrikanische Tageszeitungen berichteten am Freitag sogar, dass in Masvingo im Süden Simbabwes die drei MDC-Anhänger Kirisoni Mdabano, Washington Nyangwa und Edson Gwenure von Mugabe-Schlägern bei lebendigem Leib verbrannt worden seien.

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