Tausende Menschen auf den Straßen Simbabwer feiern Mugabes erwarteten Sturz

Demonstranten singen und tanzen um die Soldaten in Simbabwes Hauptstadt Harare. Sie sehnen herbei, dass Robert Mugabe endlich abdankt. Aber der Machthaber will noch nicht nachgeben.

Demonstranten tanzen, singen und skandieren Anti-Mugabe-Slogans
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Demonstranten tanzen, singen und skandieren Anti-Mugabe-Slogans


Die Menschen in Harare klettern auf Panzer und andere Militärfahrzeuge, sie tanzen um Soldaten, die sich durch die Stadt bewegen. Sie strömen zu Tausenden auf das Gebäude zu, in dem Diktator Robert Mugabe seinem Amt nachging - ein Symbol der Herrschaft des 93-jährigen Mannes, der 1980 nach der weißen Minderheitsregierung die Macht übernahm. Nun fordern die Menschen ihn friedlich, aber voller Verachtung, auf, seinen Posten zu räumen. Demonstranten halten Schilder mit seinem Foto hoch: "Go, go, our general!!!". Der Machthaber soll abdanken. Fahnen werden an Soldaten weitergegeben. Diese nehmen sie an und winken damit.

"Es ist wie Weihnachten", sagt Demonstrant Fred Mubay. Die Simbabwer hätten lange gelitten.

Die 60-jährige Elizabeth Sithole verlor ihren Gemüseladen, ihr Mann ist 2004 gestorben und mit ihren Kindern wohnt sie in einer Zweizimmerwohnung. Bei den Demonstrationen am Samstag aber hat sie ein breites Lächeln im Gesicht: "Ich bin sehr glücklich."

Die Simbabwer sprechen von einer zweiten Befreiung für die ehemalige britische Kolonie, neben ihren Träumen von politischem und wirtschaftlichem Wandel nach zwei Jahrzehnten zunehmender Unterdrückung und Not. "Das sind Freudentränen", sagte Frank Mutsindikwa, der die Flagge Simbabwes hochhält. "Ich habe mein Leben lang auf diesen Tag gewartet. Endlich frei. Wir sind endlich frei."

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Simbabwe: Demonstranten fordern Mugabes Rücktritt

Mugabes Sturz wird wahrscheinlich Schockwellen über Afrika senden und den Druck auf eine Reihe weiterer Staatsoberhäupter erhöhen - von Ugandas Yoweri Museveni bis zu Joseph Kabila aus der Demokratischen Republik Kongo.

Auch Simbabwer im Ausland begrüßten das Ende von Mugabes Herrschaft, nicht zuletzt diejenigen, die in Großbritannien leben und sich am Samstag vor der Botschaft im Zentrum von London versammeln.

"Ich bin begeistert zu sehen, dass die Leute Mugabe die Augen öffnen. Denn er hat sich zu lange selbst belogen, dass die Leute ihn immer noch wollen", sagt Ruva Kudambo. Der 37-Jährige kam nach London, um Technologie zu studieren, und blieb.

Aber Mugabe will noch nicht gehen

Für einige Afrikaner bleibt Mugabe ein nationaler Held, der letzte Unabhängigkeitsführer des Kontinents und ein Symbol für den Kampf, das Erbe jahrzehntelanger kolonialer Unterwerfung abzustoßen.

Aber von zu vielen anderen im In- und Ausland wird er als Diktator beschimpft, der für seinen Machterhalt nicht davor zurückschreckt, Gewalt anzuwenden. Eine einst vielversprechende Wirtschaft ruinierte er.

Mindestens drei Millionen Simbabwer emigrierten auf der Suche nach einem besseren Leben, die meisten davon in das benachbarte Südafrika.

Doch noch will er nicht gehen. Robert Mugabe wehrt sich dagegen abzutreten. Am Sonntag soll er mit dem Militärkommando über sein Ausscheiden sprechen. Unter Hausarrest konnte der 93-Jährige bisher beobachten, wie innerhalb von drei Tagen die Unterstützung seiner Partei, der Sicherheitsdienste und der Bevölkerung schwand.

Auch Mugabes Hoffnung auf die Nachfolge seiner Frau Grace soll durch seine Partei zunichtegemacht werden: Sie soll in ihrer Rolle als Leiterin der Frauenliga der Zanu-PF abgesetzt werden. Viele Simbabwer nennen sie "Gucci Grace" - wegen ihrer angeblichen Vorliebe für Shopping - oder gar "Dis-Grace" (dt. Schande, Ungnade), wegen eines angeblichen Angriffs auf ein südafrikanisches Model im September.

Mugabes Neffe Patrick Zhuwao sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, der Machthaber und seine Frau seien "bereit, für das Richtige zu sterben", anstatt zurückzutreten und damit das zu legitimieren, was er als Staatsstreich bezeichne.

Ein ranghohes Mitglied der ZANU-PF sagte, es sei nur eine Frage der Zeit, bis er seiner Entmachtung zustimme. "Wenn er stur bleibt, werden wir dafür sorgen, dass er am Sonntag entlassen wird", sagte das Parteimitglied. "Wenn das getan ist, wird die Amtsenthebung am Dienstag sein."

"Der gemeinsame Feind ist Robert Mugabe ", sagte Talent Mudzamiri, ein Anhänger der Opposition. Er warnte jeden, der Simbabwe übernimmt: "Wenn der nächste Anführer das Gleiche tut, werden wir auch daraus wieder herauskommen."

Viele Simbabwer glauben, dass der wahrscheinlichste Kandidat Emmerson Mnangagwa sein wird, der ehemaliger Vizepräsident mit enger Verbindung zum Militär. Seine Entlassung durch Mugabe hat die Intervention der Streitkräfte ausgelöst, die in dieser Woche Truppen und Panzer auf die Straßen schickten und das Land übernahmen.

cop/AP/Reuters

insgesamt 7 Beiträge
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Papazaca 19.11.2017
1. Nur eine Palastrevolution
Die Menschen in Zimbabwe sind voller Hoffnung. Leider spricht einiges dafür, das mit dem Vizepräsidenten nur eine Person ausgetauscht wurde, das Regime ist aber daselbe. Warum sollte die bisherige Machtelite irgend etwas ändern? Realistisch sind einige Änderungen, grundsätzlich ist kein Wechsel zu erwarten. Hier handelt es sich um eine Palastrevolution, alter Wein in neuen Flaschen. Aber es ist der derselbe Wein. Die Menschen könnten wieder enttäuscht werden, vieles spricht dafür. Die Opposition ist zersplittert, Tsvangirai, ihr früherer Kopf, ist todkrank. Und die herrschende politische Klasse ist seit eh und je korrumpiert. Das sieht alles nicht gut aus.
krokodilklemme 19.11.2017
2. schrecklich schön
so nachvollziehbar die freude der simbabwer über das nahe ende der mugabes ist bleibt wohl doch nur die schreckliche erkenntnis, dass es wenig hoffnung für das land gibt. die jetzt in den startlöchern für die übernahme der macht stehen (allen voran ein mann mit dem treffenden namen "krokodil") machen mir wenig hoffnung auf demokratie und verbesserung der situation. es drängen jetzt halt andere an die macht und den besten platz am futtertrog. es mag defätistisch klingen, aber mir bleibt nur zu sagen : träumt weiter.
larslarsson 19.11.2017
3. Schwierig
Ich kenne mich zu wenig aus, nur was unsere Presse seit Jahrzehnten schreibt. Aber wenn die Mehrheit der Simbabwer es so will, ist es für mich in Ordnung. Freiheit und Gleichberechtigung für alle.
omanolika 19.11.2017
4. Zumindest darf man hoffen
Es ist wirklich ganz und gar unbestritten, die Simbabwer haben lange nur gelitten, aber wie demonstranten das betrachten, und es nun vergleichen mit Weihnachten, dass Leute für Mugabes Sturz aufstehen, ob das angebracht ist wird man wohl erst noch sehen. Denn, ob ja ein Machtmensch mit Kontakt zum Militär, wirklich so viel humaner und besser als Präsident wär`, ist im Moment - positiv ausgedrückt - noch völlig offen, aber zumindest darf man jetzt noch das Beste hoffen!
keksen 19.11.2017
5. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt,
aber aufgrund der langjährigen Geschichte von Putsch und Gegenputsch in afrikanischen Staaten, stimmt es mich traurig, dass die Erwartungen vieler Simbabwer wohl enttäuscht werden.
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