Skandal-Abgeordneter Vom Weiner zum Würstchen

Neuer Sex-Skandal im US-Kongress: Der Demokrat Anthony Weiner hat via Twitter für alle Welt sichtbar schlüpfrige Fotos von sich verschickt. Nach Tagen des Leugnens und Lügens hat er die Affäre zugegeben - in einer der bizarrsten Pressekonferenzen seit langem.

Von , New York


Anthony Weiner galt in den USA als kommender Polit-Star, als Hoffnungsträger der Demokraten. Am Montag ist davon nicht mehr viel zu erkennen. Weiner schluchzt. Er schnieft. Er stottert. "Ich entschuldige mich bei meiner Frau und unserer Familie", sagt er mit brechender Stimme. "Ich schäme mich zutiefst für meine schrecklichen Handlungen."

Es geschieht nur Stunden nachdem sich der frühere IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn in einem Gerichtssaal in Lower Manhattan der versuchten Vergewaltigung für unschuldig erklärte. Kurz darauf stellt sich sechs Kilometer weiter nördlich, im Sheraton-Hotel in Midtown, der US-Kongressabgeordnete Weiner vor die Reporter und Kameraleute. Mit diesem Auftritt implodiert seine vielversprechende Karriere.

Was ist geschehen? Weiner, 46, ist weder einer Sexualstraftat angeklagt wie Strauss-Kahn, noch war er Stammgast eines Callgirl-Rings wie New Yorks Ex-Gouverneur Eliot Spitzer. Er hat auch nicht seine Ehefrau betrogen und mit seiner Geliebten - während des eigenen Präsidentschaftswahlkampfes, wohlgemerkt - ein uneheliches Kind gezeugt wie John Edwards, der am Freitag angeklagt wurde.

Insofern ist dieser Skandal auf den ersten Blick eine Enttäuschung. "Wo sind die Prostituierten, die Praktikantinnen, die Windeln?", fragt der Klatschblog Wonkette und erinnert so an frühere Eskapaden amerikanischer Polit-Tolpatsche.

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Sex-Fotos im Internet: Demokrat Weiner am Pranger
Was Weiner zugibt, nach tagelangem Leugnen und Lügen vor laufenden Kameras, ist in der Tat vergleichsweise banal. Doch gerade deshalb ist es umso erschütternder - zumal sich Weiner mit jedem Wort immer tiefer in die Affäre redet: Der ehrenwürdige Kongressabgeordnete hat Nacktfotos von sich selbst verschickt. Nicht via Briefpost. Nicht via E-Mail. Sondern, für die ganze Welt zu bestaunen, via Twitter.

Das Bürgermeisteramt im Visier

Seit 1999 vertritt Weiner Brooklyn und Queens im Kongress. Zuvor war er Stadtrat in New York, damals mit 27 Jahren der jüngste überhaupt. Im vergangenen Sommer heiratete er Huma Abedin, eine enge Vertraute Hillary Clintons. Bill Clinton selbst vollzog die Trauung. Die Braut trug ein Kleid, das ihr Freund Oscar de la Renta entworfen hat.

Der Weg nach oben schien vorgezeichnet, das New Yorker Bürgermeisteramt war das nächste Ziel. Zweimal schon nahm Weiner vergeblich Anlauf: 2005 verpasste er die Nominierung; 2009 machte er einen Rückzieher, als sich Mike Bloomberg die Option auf eine dritte Amtszeit sicherte. 2013 sollte es dann endlich so weit sein. Anfang dieses Jahres hatte er schon rund vier Millionen Dollar in der Wahlkampfkasse.

Nun hat er sich selbst aus dem Rennen gekegelt. Mit einem Ausrutscher, bei dem selbst seine treuesten Vasallen nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und entgeistert rufen: "What was he thinking?"

Das ganze Drama begann am vorvergangenen Freitag. Da versandte Weiner von seinem dienstlichen Twitter-Konto aus (@RepWeiner) ein Handy-Foto an eine College-Studentin in Seattle. Das Bild zeigte graue Boxershorts, in denen sich ein halb-erigierter Penis abzeichnet.

Offenbar wollte Weiner das schlüpfrige Foto als private Nachricht schicken. Statt dessen war der Schnappschuss für seine rund 56.000 "Followers" sichtbar. Panisch versuchte er das Bild noch zu löschen, doch zu spät. Längst war es vielfach kopiert und genüsslich weiterverbreitet worden. Das Netz kennt keinen Radiergummi - und keine Gnade.

Weiners erste Reaktion: Er dementierte und sagte seinem Stab, das Twitter-Konto sei "gehackt" worden. Sein Sprecher Dave Arnold gab die Version brav an die Medien weiter. Doch zu spät. Der "Twit-Dic-Pic-Skandal", wie ihn die Blogger nannten, avancierte zum Großthema im Web.

Am Montag veröffentlicht der konservative Blogger und Linkenhasser Andrew Breitbart weitere Fotos und scharfe Korrespondenz, die angeblich aus dem Anmach-Repertoire Weiners stammen sollen. Weiner grinsend mit zwei Katzen ("Me and the pussys"). Weiner halbnackt vor einem Spiegel. Weiners entblößte, haarlose Brust - dahinter eine Kommode mit gerahmten Bildern, die ihn selbst nebst Gattin und Bill Clinton zeigen. Auf einem Foto ist Weiners Ehering klar zu sehen.

Andere legen fröhlich nach. Die Website Radaronline.com will Weiner-Fotos auf Facebook gefunden haben. Später enthüllt sie die Identität einer Frau, "die ein neun Monate langes Online-Verhältnis" mit Weiner unterhalten habe ("220 Nachrichten") - "eine 40-jährige Blackjack-Dealerin aus Las Vegas".

Breitbart tauft den Fall "Weinergate". Andere haben noch viel mehr Spaß mit dem Namen "Weiner". Der wird im Englischen "Wiener" ausgesprochen, was auch eine flotte Umschreibung für Penis ist. "Fass meinen Weiner an", "Entblößter Weiner", "Weiners Gurke", kalauerte es fortan im Web. "Wenn man Weiner heißt", seufzte Weiner während seiner langen Dementi-Phase gegenüber CNN-Anchorman Wolf Blitzer, "dann passiert das oft."

Internetsex mit sechs Frauen

Schließlich aber gab Weiner die sinnlose Verteidigung auf und lud für Montag zur Pressekonferenz ins Sheraton. Auf der erscheint aber erst mal nicht er, sondern sein Gegner Andrew Breitbart. Der sonnt sich in seinem Triumph über den Linken: Es gebe noch schlimmere Fotos: "X-rated", frohlockt er.

Und dann kommt Weiner, ein Bild des Elends, ohne Gattin. Die nächsten 27 Minuten gehören wohl zu dem Bizarrsten, was die US-Politik seit Bill Clintons Oval-Office-Affäre erlebt hat. Weiner entschuldigt sich tausendmal, macht es aber dann nur noch schlimmer. Er habe nicht nur mit besagter Studentin in Seattle Internetsex betrieben und anzügliche Fotos ausgetauscht. Sondern "über die Jahre" mit insgesamt "rund sechs Frauen", vor und nach seiner Hochzeit.

Ob diese Frauen, die er mit seinen Nacktfotos beglückt habe, denn alle volljährig gewesen seien, wird er gefragt. Denn wer weiß das schon so genau im Internet, wo sich Kinder als Erwachsene tarnen und Erwachsene als Kinder. Weiner eiert herum. "Alles Erwachsene", murmelt er. "Zumindest nach meinem besten Wissen."

Inzwischen thematisieren auch die seriösen Medien den Absturz. ABC News stöbert eine angebliche Online-Sex-Partnerin Weiners in Texas auf. Die 26-Jährige sei "nicht interessiert an Politik und wusste nicht, wer Weiner war". Er habe aber "dauernd" Telefonsex gefordert, sagt sie dem Sender.

Die Polit-Rivalen und TV-Kommentatoren zerpflücken Weiner nun gnadenlos. Noch lehnt er einen Rücktritt ab, schließlich habe er kein Gesetz gebrochen. Seine Chefin Nancy Pelosi, die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, sieht das allerdings anders, sie fordert eine offizielle Ethik-Untersuchung: "Ich bin tief enttäuscht und betrübt." Nicht zuletzt wohl auch, weil ihr das die Wahlmehrheit 2012 vermasseln könnte.

Weiner ist bisher einer der emsigsten Twitterer im Kongress gewesen. Das hat sich geändert: Seine aktuellsten Einträge stammen von Mittwoch, seitdem herrscht Funkstille. Einer seiner letzten "Tweets": "Wow, so viele Follower."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, Nancy Pelosi sei Sprecherin des Repräsentantenhauses. Die Demokratin musste dieses Amt aber im Januar dieses Jahres an den Republikaner John Boehner abgeben. Ferner hieß es, Bill Clinton sei Trauzeuge bei Weiners Hochzeit gewesen. Tatsächlich hat er die Trauung persönlich vollzogen. Wir haben beide Fehler korrigiert und bitten, sie zu entschuldigen.

insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
LeisureSuitLenny 07.06.2011
1. Web
Zitat von sysopNeuer Sex-Skandal im US-Kongress: Der Demokrat Anthony Weiner hat via Twitter*für alle Welt sichtbar schlüpfrige Fotos von sich verschickt. Nach Tagen des*Leugnens und Lügens hat er die Affäre*zugegeben - in einer*der bizarrsten Pressekonferenzen seit langem. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767015,00.html
Politiker und das Web 2.0 - eine Liebe voller Missverständnisse. Mit Sperrverfügungen wäre das wohl nicht passiert.
eulenspiegel 47 07.06.2011
2. ***
Die Welt ist immer noch geil auf das Rumgeficke von anderen. Das ist ja bald wichtiger als Krisen und andere Katastrophen. Und was sagt uns das? WIR SIND IMMER NOCH DICHT AN DEN PRIMATEN (Affen)
schleppie 07.06.2011
3. ...
Was für ein Wahnsinn und was für eine bigotte öffentliche Hinrichtung. Das Interesse besteht nicht an der vermeintlichen Schlechtigkeit einer Person, sondern einzig und allein an der peinlichen öffentlichen Demontage und Blamage. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele "anzügliche" Bilder, wieviele "erotische" Chats all derer im Internet herumgeistern, die sich nun über diesen Faux Pas ereifern. Wer im Glashaus sitzt, sollte anderen keine Grube graben!
felisconcolor 07.06.2011
4. Tja wenn man keine Ahnung von hat
einfach mal Finger weg von dem Kram. Aber es ist ja soooo toll soooo viele Freunde zu haben. Die einen auch liebend gern in die Pfanne hauen, wenn es möglich ist. ich habe nur eine Hand voll. und von denen würde niemand ein versehentlich geschicktes Bild an jede Pinnwand hängen. Wenn ich denn so dämlich wäre es über Kanäle zu tun, die ich weder begriffen habe noch kontrollieren kann. Es braucht keiner Facebook oder Twitter ausser wenn man seinem eigenen microkleinen Ego schmeicheln MUSS. Und bitte.... kommt mir nicht mit solchen Ausreden ich kann mich da mit meiner Familie auf der anderen Seite der Erde unterhalten. Das geht auch mit der guten alten email und dem noch älteren Telefon.
vogel0815 07.06.2011
5. Aufreger!
Ohje wie furchtbar, ein Penis. Sowas hat die Welt noch nicht gesehen.
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