Skandal am Kap Südafrikas Politstars liefern sich heftige Schlammschlacht

Noch vier Wochen bis zur Generalprobe für die Fußball-WM - und in Südafrika herrscht ein Krieg der Beleidigungen, wie man ihn zwischen Spitzenpolitikern selten erlebt. Auf der einen Seite pöbelt eine Ministerpräsidentin, auf der anderen Seite wettern die Anhänger des Präsidenten.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Kapstadt - Südafrika hat gerade eine faire, freie und friedliche Wahl hinter sich gebracht. Doch statt das Image des Landes aufzupolieren und es attraktiv für Investoren und Touristen zu machen, liefern sich die politischen Parteien nach der Wahlschlacht eine beispiellose Schlammschlacht, die vier Wochen vor dem Confederations Cup das Image des Touristen-Mekkas am Kap erneut verdüstert.

  • "Womanizer mit sexistischen Ansichten", schimpft Ministerpräsidentin Helen Zille über Präsident Jacob Zuma.
  • "Faschistin schlimmster Sorte", schallt es aus Zumas Lager zurück.

Darf das politische Spitzenpersonal so miteinander umgehen? Die Nation ist entsetzt - und die Arbeit der vergangenen Monate in Frage gestellt.

Südafrikanische Politikerin Helen Zille: Frontalangriff auf den Präsidenten
DPA

Südafrikanische Politikerin Helen Zille: Frontalangriff auf den Präsidenten

Denn Kapstadt und die Provinz Western Cape hatten bei der internationalen Tourismusindustrie gerade einen Ehrentitel nach dem anderen eingesammelt: Die südafrikanische "Mutterstadt" wurde in der vergangenen Woche bei der Verleihung der World Travel Awards Africa 2009 zum zweiten Mal in Folge zum "Top-Ziel Afrikas" erkoren. Das traditionsreiche Mount Nelson in Kapstadt wurde als bestes Hotel des schwarzen Kontinents ausgezeichnet. Das Fancourt Golf Estate in George, das dem SAP-Gründer Hasso Plattner gehört, erhielt den Titel des besten Golf-Resorts Afrikas und das Arabella Western Cape Hotel der Münchner Schörghuber-Gruppe wurde in die Reihe der führenden Luxusherbergen des Kontinents aufgenommen.

Die politische Szene des Landes ist allerdings alles andere als Weltklasse - wieder einmal. Denn erst vor einem Jahr hat die Nation an der Südspitze Afrikas die Welt mit blutigen fremdenfeindlichen Pogromen geschockt, die das Image des Gastlandes für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 bis heute verdunkeln. Die Wunden sind noch nicht verheilt: Noch immer leben Hunderte der Opfer in Lagern. Sie fürchten neue Ausschreitungen, wenn sie zurückkehren in ihre Townships. "Ausländer müssen immer noch fremdenfeindliche Gewalt fürchten", sagt die südafrikanische Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge und Migranten - wobei die Warnung sich in erster Linie auf Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Ländern bezieht.

"Die Rückkehr der weißen Männer"

Vier Wochen vor der Eröffnung des Confederations Cup, der großen Generalprobe für die WM, droht Südafrika ein neuer, schwerer Image-Schaden. Dabei hatte alles so gut begonnen: Die Südafrikaner hatten am 22. April in einer fairen, freien und friedlichen Wahl den umstrittenen ANC-Chef Jacob Zuma fast mit Zweidrittelmehrheit zu ihrem neuen Staatspräsidenten gewählt.

In der Provinz Western Cape - vergleichbar einem deutschen Bundesland - hatte es sogar einen Regierungswechsel gegeben: Die ehemalige Kapstädter Bürgermeisterin Helen Zille kann dort mit ihrer Demokratischen Allianz (DA) in den kommenden fünf Jahren mit absoluter Mehrheit regieren. Doch kaum im Amt, löste die Tochter deutscher Immigranten eine der schmutzigsten Schlammschlachten aus, die Südafrika je erlebt hat.

Es begann noch relativ harmlos. Zille berief zehn Männer in ihr neues Kabinett, aber keine einzige Frau. Sechs der zehn Minister sind zudem Weiße. Kubi Rama von der Frauenrechtsorganisation Gender Links erklärte in einem offenen Brief an die Ministerpräsidentin, sie schwanke angesichts dieser Männerriege "zwischen Ärger und völliger Fassungslosigkeit".

Der Gewerkschaftsbund der Provinz legte Beschwerde bei der Menschenrechtskommission ein, weil er durch Zilles unausgewogene Kabinettsbildung die Verfassung verletzt sieht. Sogar die liberale Wochenzeitung "Mail & Guardian" titelte entsetzt: "Die Rückkehr der weißen Männer." Und "M&G"-Chefredakteurin Ferial Haffajee befand, Zille habe durch die Auswahl ihrer Ministermannschaft den Frauen "den Mittelfinger gezeigt".

Der neue Politstar steht mit dem Rücken zur Wand

Der neue Politstar stand plötzlich mit dem Rücken zur Wand - und keilte zurück: Sie nannte den neuen südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma einen "bekennenden Womanizer mit zutiefst sexistischen Ansichten", der seine Frauen dem Risiko ausgesetzt habe, sich bei ihm mit dem Aidsvirus zu infizieren. Zuma hatte 2006 in einem Vergewaltigungsprozess eingestanden, er habe ungeschützten Sex mit einer HIV-positiven Frau gehabt. Zuma war damals freigesprochen worden.

Zilles Frontalangriff auf den Staatspräsidenten war eine Steilvorlage für den ANC, der seine Niederlage am Westkap noch nicht verwunden hat. Die Vereinigung der Veteranen des Freiheitskampfes drohte, sie werde die Provinz Western Cape unregierbar machen, wenn Zille ihr "antiafrikanisches und rassistisches Gebaren" nicht sein lasse. Zille sei "eine Faschistin schlimmster Sorte". Der Sprecher der wegen ihrer verbalen Ausfälle berüchtigten ANC-Jugendliga, Floyd Shivambu, giftete: "Zille hat ein Männerkabinett von nutzlosen Leuten ernannt, die in der Mehrzahl ihre Boyfriends und Konkubinen sind, damit sie weiter mit ihnen herumschlafen kann."

ANC-Sprecherin Jessie Duarte erklärte, "sogar gemessen an den von Zille gewohnten Standards bei ihren Beleidigungen, ist diese Attacke ein einmaliges Beispiel von Zuma-Hass". Selbst ihrer eigenen Partei gingen Zilles Schläge unter die Gürtellinie zu weit. Der Sprecher der DA-Jugendorganisation, Khume Ramulifho, distanzierte sich vorsichtig und forderte die Parteiführung öffentlich auf, sich auf ihre wahren Aufgaben zu konzentrieren. Rhetorische Ausfälle gäben dem ANC nur die Gelegenheit, von den wirklichen Problemen abzulenken.

Die Vorsitzende der Independent Democrats (ID), Patricia de Lille, mahnte Zille zur Besonnenheit. Die Ministerpräsidentin habe sich berechtigte Fragen über die Zusammensetzung ihres Kabinetts gefallen lassen müssen. Es sei unglücklich, ernste Besorgnisse "mit einer persönlichen Attacke auf den Präsidenten" zu beantworten. Der Provinzchef der vom ANC abgesplitterten neuen Partei Cope, Allan Boesak, nannte Zilles Ausfall "würdelos und schädlich für den politischen Diskurs" und verlangte Achtung vor dem höchsten Staatsamt.

Dabei hatte Kapstadts für kräftiges Holzen bekannte Ex-Bürgermeisterin, deren Partei im Wahlkampf sogar Parallelen zwischen Zuma und Simbabwes Diktator Robert Mugabe gezogen hatte, zunächst Besserung gelobt. "Wir haben Respekt vor dem Amt des Präsidenten und werden uns zuvorkommend benehmen." Auch Zuma hatte nach der Wahl verbal abgerüstet und staatstragend alle Parteien aufgerufen, ihre Streitigkeiten beiseitezulegen und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Gefruchtet haben die Ermahnungen und guten Vorsätze nicht. Die ANC-Jugendliga kündigte am Montag an, sie habe sich die Vorwürfe gegen Zille "nicht aus den Fingern gesogen" und werde demnächst die Namen ihrer Liebhaber nennen.

Die Schlammschlacht geht in ihre nächste Runde.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.