Madrid - Die spanische Prinzessin wird wohl nicht ins Morgenland auswandern. Das Emirat Katar hatte mit Wüstentouren, Golfplätzen und einem Job als Handballtrainer für ihren Gatten gelockt. Zumindest vor nervigen Journalisten und neugierigen Ermittlern wäre Infantin Cristina dort sicher gewesen.
Leider aber ist Ehemann Iñaki Urdangarin in einen großen Betrugsskandal verwickelt, er soll Millionen öffentlicher Gelder veruntreut haben. Von den Machenschaften soll auch die Infantin gewusst haben. Sie ist zur Verdächtigen in dem Fall erklärt worden und muss vielleicht als erstes Mitglied der Königsfamilie überhaupt vor der Justiz aussagen. Darüber entscheidet ein Untersuchungsrichter am 6. Mai.
Mit ihrer ganz eigenen Mischung aus geheucheltem Mitleid und Lust am Untergang weidet sich die spanische Klatschpresse an dem Fall - blickt aber auch ein wenig neidisch auf die Niederländer. Die dürfen ihren neuen König bejubeln, während Spaniens Hoheiten sich selbst demontieren.
Hollands Monarchin Beatrix räumt den Thron und macht Platz für Sohn Willem-Alexander, 46 Jahre alt, und damit 29 Jahre jünger als der spanische König Juan Carlos und 41 Jahre jünger als die britische Monarchin Elisabeth II.
Abdankung des Königs? Mittlerweile ein verlockender Gedanke für viele Spanier. Denn nicht nur die Affäre um Cristina hat die Monarchie beschädigt, dafür hat der einst so geschätzte Juan Carlos I. selbst gesorgt.
"Delikate Angelegenheiten"
Da ist zum Beispiel seine "enge Freundschaft" zu Corinna Sayn-Wittgenstein, jene deutsche Dame, die ihn zur Elefantenjagd nach Botswana im vergangenen Jahr begleitete und damit einen Skandal auslöste, der das Königshaus nachhaltig erschütterte. Sollte Juan Carlos gehofft haben, dass diese Affäre inzwischen ausgestanden ist, sah er sich getäuscht. In den spanischen Zeitungen tauchten E-Mails auf, die Sayn-Wittgenstein mit Urdangarín austauschte, was die Frage aufwarf, ob der Monarch eigentlich von den Machenschaften des Schwiegersohns wusste.
In dem an Skandalen und Affären zurzeit nicht gerade armen Spanien sorgen sich die großen politischen Parteien hinter den Kulissen besonders um das Königshaus. Es geht inzwischen um die Zukunft der Monarchie. Deren Krise sei momentan das größte Problem für die Regierung, meint die spanische Zeitung "El Confidencial", "weil es sich dabei um eine Staatskrise handelt, die den Kern des politischen Systems trifft, das wir Spanier uns 1978 gegeben haben".
1978 wurde das moderne Spanien gegründet, eine parlamentarische Monarchie, in der Juan Carlos zur Symbolfigur der Einheit wurde. Er stellte sich mutig gegen die Putschisten von 1981, auch wenn es Zweifel an der offiziellen Version gibt. Die Spanier aber meinen, dass er sich die Krone verdient hat. Die Zeitung "El País" pries ihn vor drei Jahren noch als "Vermittler, Friedensstifter, weltweiten Botschafter". Wer den König kritisierte, griff auch die spanische Demokratie an.
Pfiffe für den Kronprinzen
Doch das war vor der Safari in Botswana. Jetzt ist die Jagd auf Juan Carlos eröffnet. Tausende Anti-Royalisten demonstrierten Mitte April gegen den König und für die Republik. Am Mittwoch lächelten sich Kronprinz Felipe und Ehefrau Letizia eisern durch einen von Pfiffen begleiteten öffentlichen Auftritt. Den Chef der Linken, Cayo Lara, dürfte das freuen - er fordert seit Jahren die Wiedereinführung der Republik.
Besonders junge Leute können sich nicht mehr mit dem König identifizieren. Unter den Spaniern von 18 bis 29 Jahren lehnen sogar fast 58 Prozent die Monarchie als Staatsform ab, so eine Umfrage vom Januar. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts Metroscopia bestätigt diesen Trend.
Die großen politischen Parteien - die konservative PP und die sozialdemokratische PSOE - stehen öffentlich weiter zur Monarchie und zu Juan Carlos, wollen ihm aber künftig genauer auf die Finger schauen. In einem neuen Transparenzgesetz sollen die Majestäten laut "El País" zum ersten Mal alle Ausgaben offenlegen. Das Königshaus erhält rund acht Millionen Euro jährlich, musste bislang aber nicht detailliert über die einzelnen Posten berichten.
Warten. Lächeln. Durchhalten.
Hinter den Kulissen sprechen die Spitzenpolitiker von PP und PSOE offenbar bereits über eine Abdankung von Juan Carlos zugunsten seines Sohnes. Der neue König wäre dann Felipe Juan Pablo y Alfonso de Todos los Santos de Borbón y Grecia, 45, verheiratet, zwei Kinder.
Er gilt als kontrolliert, ehrlich, perfektionistisch. Im vergangenen Jahr hatte Felipe 253 offizielle Termine, fast doppelt so viele wie sein Vater, hielt 84 Reden, empfing 1500 offizielle Besucher. Ein Reporter beschrieb das Leben des Thronfolgers unlängst so: "Warten ohne Ungeduld. Lächeln. Gehorchen. Durchhalten."
Für Glamour sorgt seine Ehefrau Letizia, die von der europäischen Klatschpresse aufmerksam beobachtet wird, seien es ihr Kleidungsstil ("Wunderschön in Rot"), ihr Gewicht ("Hungert sie nach Anerkennung?") oder ihre Absätze ("Höchstens acht Zentimeter"). Sie sitzt zwar nicht auf dem Thron, ist aber die Königin der Öffentlichkeit. Fotos von ihr bringen ein Vielfaches der Bilder anderer spanischer Royals, sagen Fotografen.
Auch der König ist offenbar von den Qualitäten Felipes und auch Letizias überzeugt. Die deutsche Klatschzeitung "Bunte" meint, den Beleg dafür gefunden zu haben: "Juan Carlos weiß natürlich um die Macht der Weiblichkeit."
Dass der Monarch um die Macht der Weiblichkeit weiß und es mit der ehelichen Treue nicht ganz genau nimmt, wissen auch die Spanier seit Jahrzehnten. Sie verziehen es ihm - bis zum vergangenen Jahr. Stoisch erduldete Königin Sofía die Eskapaden. Sie war es, die bereits vor Jahren klarstellte: "Der König dankt niemals ab. Der König stirbt im Bett."
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