David Petraeus und John Allen sind zwei der prominentesten Militärs ihrer Generation. Beide legten Bilderbuchkarrieren hin. Beide haben die US-Streitkräfte in Afghanistan befehligt - der eine, Allen, tut es noch. Seit diesem Wochenende gibt es eine weitere Parallele: Beide sind verwickelt in einen Skandal auf höchster Ebene der US-Sicherheitsbehörden. Petraeus hat die Affäre bereits seinen Job als Chef des Geheimdienstes CIA gekostet. Gegen Allen laufen umfangreiche Ermittlungen, auch sein Posten ist in höchster Gefahr, seine Beförderung liegt erst mal auf Eis.
Im Zentrum des Skandals außerdem: zwei Frauen - Paula Broadwell und Jill Kelley. Beide sind in einem komplexen Verbindungsnetz mit Petraeus und Allen verstrickt. Die US-Behörden bemühen sich derzeit, das Wirrwarr aus Eifersucht, Ehebruch und möglichem Geheimnisverrat zu entwirren.
Am Anfang stand die Liebesbeziehung von Petraeus zu seiner Biografin Broadwell. Von Ende 2011 bis in den Sommer 2012 sollen beide eine Affäre gehabt haben, dann zog der damalige CIA-Chef die Notbremse. Grund waren unter anderem Ermittlungen des FBI. Ins Rollen gebracht hatte sie: Jill Kelley, die seit mehr als fünf Jahren mit Petraeus befreundet ist. Fotos aus dem Jahr 2010 zeigen sie perlenbehangen mit ihrem Ehemann Scott, Zwillingsschwester Natalie und dem Ehepaar Petraeus bei einer Parade in Tampa.
Von Petraeus' damaliger Geliebten Broadwell erhielt Kelley offenbar seit Mai 2012 belästigende E-Mails - und vertraute sich einem ihr bekannten FBI-Fahnder an. Unklar ist noch, ob es sich bei den Textnachrichten um konkrete Drohungen gehandelt hat. In mindestens einer Mail unterstellt Broadwell jedoch, Kelley habe sich General Petraeus intim angenähert. Konkretere Hinweise für ein Eifersuchtsdrama gibt es bisher nicht.
Nun folgt die nächste Wendung in der Affäre: Kelley pflegte offenbar einen äußerst regen E-Mail-Kontakt zu General Allen, Befehlshaber der Streitkräfte in Afghanistan und damit der Nachfolger von Petraeus. Rege heißt in diesem Fall: zwischen 20.000 und 30.000 sichergestellte E-Mails aus den Jahren 2010 bis 2012, die derzeit vom Pentagon ausgewertet werden. Über den Inhalt ist noch nichts bekannt, die Formulierung "möglicherweise unangebracht", macht jedoch in US-Medien die Runde. Die Möglichkeit einer Liebesbeziehung zwischen Kelley und Allen wird damit zumindest impliziert. Noch ist ebenfalls ungeklärt, wie viele der sichergestellten Dokumente tatsächlich aus der Korrespondenz zwischen Kelley und Allen stammen.
Die 37-jährige Kelley aus Tampa, Florida, ist mit einem Chirurgen verheiratet und hat drei Kinder; neun, sieben und sechs Jahre alt. In einem Statement, das vor der Meldung über die Allen-Ermittlungen verbreitet wurde, bittet sie um Wahrung ihrer Privatsphäre. Dennoch lichteten sie Fotografen am Sonntag beim Verlassen ihres 1,3-Millionen-Dollar-Anwesens ab.
Bemerkenswert scheint Kelleys Zugang zu hohen Militärkreisen - und damit auch zu General Allen. Denn die Frau steht nicht im Dienst des US-Militärs, war aber auf verschiedenen Armeestützpunkten in Florida offenbar trotzdem Stammgast. Unter anderem engagierte sich Kelley laut US-Medien für die Belange von Veteranen. Ihre Hauptfunktion war jedoch wohl eher die der "Socialite", einer Person also, die Galas und Empfänge organisiert und besucht.
Pentagon ermittelt im Allen-Fall
Als solche hatte sie Zugang unter anderem zur MacDill-Air-Force-Basis, wo sich eine der wichtigsten Kommandozentralen des US-Militärs befindet. Mit ihrem Ehemann war sie ein regelmäßiger Gast bei Festen in den gehobenen Armee-Zirkeln von Tampa. Bis Juli 2011, seiner Abberufung nach Afghanistan, hatte auch General Allen unter anderem in der Stadt an der Westküste Floridas gelebt. Wann genau sich beide kennengelernt haben, ist jedoch noch unklar.
General Allen beharrt bisher darauf, er habe sich stets korrekt verhalten. Auch Verteidigungsminister Panetta betonte in einer Stellungnahme die großen Verdienste des Top-Militärs, der eine "korrekte Behandlung" verdient habe. Panetta hatte nach Informationen der "Washington Post" am Sonntag von dem Mail-Verkehr zwischen Allen und Kelley erfahren und das Weiße Haus sowie die Führung des Senats informiert. Präsident Barack Obama hat sich bisher nicht zu der neuen Entwicklung in dem Skandal geäußert.
Oben-ohne-Bilder vom FBI-Fahnder
Als gäbe es nicht schon genug Facetten in diesem Fall, gerät nun auch noch die Bundesbehörde FBI in die Kritik. So soll der Ermittler, dem sich Kelley wegen der Droh-Mails von Broadwell anvertraut hatte, auch persönlich in die Affäre verstrickt sein. Angeblich geht seine Verbindung zu Kelley so weit, dass er ihr Fotos seines nackten Oberkörpers zuschickte.
Unklar ist, wann diese Bilder bei Kelley eingegangen sind. Laut "Wall Street Journal" hatte der Ermittler den Fall, der damals noch als vergleichsweise harmlose Belästigung eingeschätzt wurde, an eine Einheit für Online-Ermittlungen übergeben. Trotzdem habe er sich weiter an der Recherche beteiligen wollen, bis ihm die Vorgesetzten jede weitere Einmischung untersagten. Aus FBI-Kreisen heißt es, der Fahnder sei "besessen" von dem Fall gewesen.
Später habe der FBI-Mann - aus Sorge, der Fall könne totgeschwiegen werden - ein Mitglied des US-Kongresses informiert. Dabei soll es sich um David Reichert aus dem Bundesstaat Washington handeln. Wenig später sei die FBI-Zentrale in Washington D. C. über den Fall informiert worden. Inzwischen laufen auch beim FBI interne Ermittlungen zu den Vorgängen im Sommer 2012.
CIA-Chef Petraeus hat wegen des Falls bereits seine Traumkarriere beenden müssen. Die berufliche Zukunft von Allen ist noch offen. Eigentlich sollte er schon bald Kommandeur der amerikanischen Truppen in Europa werden. Zur Vorbereitung auf diesen Job hält er sich derzeit in Washington auf - allerdings wurde dieser Karriereschritt vorerst auf Eis gelegt. Es wird wohl noch lange dauern, bis die kompletten Zusammenhänge dieser Affäre aufgeschlüsselt sind.
jok
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