Skandal um US-Reporterin Thomas Wie sich die Inquisitorin um ihren Job redete

Die Journalistin Helen Thomas stellte den US-Präsidenten seit 1943 harte Fragen, sie war zickig, gemein und gefürchtet - doch immer auf der Suche nach der Wahrheit. Wegen einer skandalösen Israel-Schelte muss sie nun mit 89 Jahren ihren Ehrenplatz im Weißen Haus räumen - es ist das Ende einer Ära.

Von , Washington


Barack Obamas Sprecher Robert Gibbs steht vor den Journalisten im Weißen Haus, die Reihen im winzigen Presseraum sind voll besetzt. Gibbs spricht über Iran, den Arbeitsmarkt, das Öl, wie immer in diesen Tagen.

Doch etwas ist anders. Gleich in der ersten Reihe klafft vor Gibbs eine Lücke, ein Sitz ist nicht besetzt. Es ist nicht irgendein Platz: Helen Thomas steht auf seiner Plakette - ein Name nur, nicht die Medienorganisation wie auf den Sitzen ringsum.

Niemand traut sich, dort Platz zu nehmen.

Doch Helen Thomas wird nicht kommen, nie mehr. Die legendäre Korrespondentin im Weißen Haus, Doyenne des dortigen Pressekorps, hat ihren Rücktritt eingereicht, mit sofortiger Wirkung. Kurz vor ihrem 90. Geburtstag, nach 67 Dienstjahren, nach zehn Präsidenten, die sie triezte, nervte, befragte.

Als Kubas Diktator Fidel Castro einmal gefragt wurde, was der Unterschied sei zwischen Demokratie in Kuba und den USA, sagte er: "Ich muss keine Fragen von Helen Thomas beantworten."

Natürlich geht sie nicht freiwillig, Thomas hat immer erzählt, man müsse sie mit den Beinen zuerst aus dem Weißen Haus tragen. Doch sie konnte, sie durfte nicht mehr bleiben, nachdem sie einem Interviewer vor laufender Kamera ihre Ansicht über den Nahostkonflikt offenbart hatte.

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Journalistin Helen Thomas: Erste Reihe im Weißen Haus
Die Juden sollten "zum Teufel noch mal aus Palästina raus", rief sie. Wohin sie denn gehen sollten, fragte der konsternierte Interviewer. "Na, nach Hause. Nach Deutschland, nach Polen, nach Amerika." Jedenfalls nicht in eine Gegend, wo sie Land besetzten, das eigentlich den Arabern gehöre. Es waren schlimme Worte, "sehr bedauerlich" nannte sie Thomas später selbst. Doch die Entschuldigung kam zu spät, schnell wuchs der Druck auf ihren Arbeitgeber, das Medienhaus Hearst, sie zu feuern.

"Sie propagierte religiöse Säuberung", schäumte George W. Bushs Sprecher Ari Fleischer. "Sie ist eine Antisemitin", meinte Lenny David, Sprecher unter Bill Clinton. "Wie wäre wohl die Reaktion ausgefallen, hätte sie gesagt, dass Amerikas Schwarze zurück nach Afrika sollen?"

"Ich überlege jeden Morgen, auf wen ich wütend bin"

Also musste Thomas gehen. Man spricht heute oft allzu schnell vom Ende einer Ära, doch bei ihrem Abschied ist der Vergleich nicht zu hoch gegriffen. Thomas kam zu einer Zeit nach Washington, als Journalismus noch "for boys" war und Frauen höchstens Kaffee kochen durften. Sie arbeitete für UPI, eine der großen US-Nachrichtenagenturen - und irgendwie schaffte sie es immer in die erste Reihe, auch als einzige Frau im Raum.

Sie überredete John F. Kennedy, den prestigeträchtigen Journalistenclub Gridiron zu boykottieren, weil dort Frauen nicht erwünscht waren. Später avancierte sie zur ersten weiblichen Chefin des Pressekorps im Weißen Haus, die Befragung des Präsidenten war erst vorbei, wenn sie ihr markantes "Thank you, Mr. President" gesagt hatte.

Zwischendurch stellte sie immer wieder die Fragen, die andere nicht zu fragen wagten.

Schon Dwight D. Eisenhower setzte sie so sehr zu, dass ihm die Adern vor Zorn heraustraten. Je älter Thomas wurde, desto unerbittlicher - oft auch eigensinniger - gerieten ihre Verhöre. "Ich wache morgens auf und überlege mir, auf wen ich wütend bin", schrieb sie in ihren Memoiren. Sie hasste George W. Bush, sie nannte ihn den "schlechtesten Präsidenten unserer Geschichte".

Knallrote Lippen, knallharte Frage

Ihre Hearst-Kolumne las zwar kaum jemand, doch weil sie schon so lange dabei war, behielt sie ihren Ehrenplatz, sie war einfach Helen. In der ersten Reihe saß sie tagein, tagaus, meist den Mund knallrot geschminkt. Ein winziges Persönchen, mit leiser Stimme - doch lauter Meinung. Ob er nicht verstehe, dass er al-Qaida in den Irak gebracht habe, wollte sie von Bush wissen. Und: Warum er den Krieg dort eigentlich begonnen habe.

Bushs letzte Sprecherin Dana Perino, eine Art menschgewordener Antwortenautomat, traktierte sie mit Fragen zu getöteten Zivilisten im Irak. Man "bedauere" jeden Toten, versuchte Perino die Regierung zu verteidigen. "Bedauern bringt kein einziges Leben zurück", feuerte Thomas zurück.

Nachfolger Barack Obama umwarb Thomas, er brachte ihr zum Geburtstag Kuchen im Presseraum vorbei. Als er sie das erste Mal als Präsident aufrief, grinste Obama: "Das ist meine Premiere, ich bin aufgeregt."

Doch Thomas schonte auch ihn nicht, natürlich. Ob er ein Land im Nahen Osten benennen könne, das über Atomwaffen verfüge, fragte sie. Sie meinte natürlich Israel, Obama wich der Antwort aus. Noch vorigen Monat wollte sie vom Demokraten wissen, wann das Sterben und Töten in Afghanistan endlich ende. Er solle ihr bloß keine Ausflüchte wie Bush liefern.

Interviews mit Kennedy, Clinton und Castro

Amerikanischen Journalistengenerationen wurde Thomas mit derlei Chuzpe zum Vorbild. Deutsche Journalisten zitieren gerne TV-Nachrichtenlegende Hanns Joachim Friedrichs mit dem Satz, man dürfe sich als Berichterstatter nie mit einer Sache gemein machen, auch nicht einer guten. Thomas' Lehrsatz für den Nachwuchs war, einer Regierung niemals zu trauen - und die offiziellen Lügen während Watergate, Vietnam oder Irak schienen sie immer wieder zu bestätigen.

"Wir haben versagt", sagte sie über die Arbeit der US-Journalisten vor dem Irak-Krieg freimütig.

Thomas' amerikanische Kollegen verdrehten dann oft die Augen. Manche fanden derlei Kritik unfair. Manche waren sauer auf Thomas' Sonderstellung. Andere fanden ihre Parteilichkeit und Fragen peinlich, weil US-Journalisten sich besonders der Objektivität verpflichtet fühlen.

Die 89-Jährige war außerdem ein Relikt aus einer anderen Medienzeit. Heute müssen die Korrespondenten im Weißen Haus nebenbei noch twittern und bloggen, sie tippen schon während der Pressekonferenz auf dem Blackberry los. Sie sind längst kleine Medienunternehmer, nicht mehr bloß Wahrheitssucher.

Also trauern vor allem die Veteranen um Thomas. "Sie ist eine journalistische Heldin", sagt Dan Rather über sie, einst als TV-Moderator selbst eine Ikone der Branche. Auch Rather musste gehen, weil er sich am Ende seiner Karriere in einen umstrittenen Bericht über George W. Bushs Militärdienst verstrickte - und wohl von seiner Ideologie mehr leiten ließ als von den Fakten.

Bei Thomas ist es ähnlich. Ihre umstrittenen Thesen zu Israel waren lange bekannt, die Tochter libanesischer Einwanderer agierte in Sachen Nahost grotesk parteiisch. "Israel ist zu 99 Prozent Schuld am Terrorismus", sagte sie einmal.

Nun muss Thomas wohl damit leben, dass man sich an sie nicht nur als bahnbrechende Journalistin erinnert - sondern auch als harsche Israel-Kritikerin. Ihr werden harte Fragen gestellt, ob sie vielleicht schon immer so radikal gedacht habe.

Es ist ein bisschen traurig, aber eigentlich in Ordnung. Thomas hat ja selbst auch immer harte Fragen gestellt.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Helen Thomas habe gesagt, die Juden sollten "zum Teufel noch mal aus Israel raus". Tatsächlich sprach sie von Palästina. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.



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