Slowakische Journalisten-Kooperation Recherche für Jan

Reporter Ján Kuciak wurde in der Slowakei ermordet, vermutlich, weil er den falschen Leuten Fragen stellte. Seine Kollegen recherchieren nun gemeinsam - für sie ist es auch eine Art Lebensversicherung.

Demo nach der Ermordung von Ján Kuciak und seiner Verlobten
AFP

Demo nach der Ermordung von Ján Kuciak und seiner Verlobten

Aus Bratislava berichtet


Am Ende eines jeden Tages legt sich Peter Bárdy mit quälenden Gedanken und Fragen ins Bett. Gedanken an seinen Kollegen Ján Kuciak und dessen Verlobte Martína Kusnírová, die Ende Februar ermordet wurden. Gedanken an das letzte Telefonat mit Ján, kurz vor dem Mord. Die Fragen, ob er für seinen Reporter nicht besser Polizeischutz hätte anfordern sollen. Wer die Mörder gewesen sein könnten und ob sie wohl jemals gefunden werden.

Bárdy, 41, ist Chefredakteur des slowakischen Nachrichtenportals aktuality.sk, bei dem Kuciak arbeitete und bei dem er zuletzt über Verbindungen zwischen der slowakischen Regierung und der italienischen Mafia recherchiert hatte - was womöglich das Mordmotiv war.

aktuality-Chefredakteur Peter Bardy
Keno Verseck

aktuality-Chefredakteur Peter Bardy

Nun sitzt Bárdy in einem Besprechungsraum der Redaktion in Bratislava. Hinter ihm an der Wand hängen zwei Dutzend Fotografien slowakischer Politiker und mutmaßlicher Mafiamitglieder, verbunden durch beschriftete Linien. Ein Schema, das auf Kuciaks Recherchen zurückgeht.

Hier, in diesem Raum, treffen sich seit dem Mordfall regelmäßig die Chefredakteure und Investigativreporter der wichtigsten unabhängigen slowakischen Medien. Darunter sind neben aktuality.sk ein knappes Dutzend anderer Medien, etwa die Tageszeitungen "Sme" und "DenníkN", der Fernsehsender TV Joj und das Portal trend.sk. Die Journalisten tauschen Informationen zu Korruptionsfällen aus, beraten über gemeinsame Recherchen und legen Veröffentlichungstermine für Artikel fest. Was gemeinsam erscheint, wird gezeichnet mit: #AllForJan.

Medienübergreifende Journalistenteams sind international keine Seltenheit mehr. Doch die slowakische Gruppe #AllForJan ist mehr als das - sie ist gleichermaßen eine Initiative des Gedenkens an Kuciak und seine Verlobte, ein nationaler Solidarverbund slowakischer Journalisten, ein medienübergreifendes Kontrollorgan der Machthaber im Land und auch eine Lebensversicherung.

"Wir schulden es Ján, seine Arbeit gemeinsam fortzuführen", sagt Peter Bárdy. "Wir wollen den Menschen in der Slowakei und in Europa zeigen, dass es ein riesiges Problem in diesem Land gibt. Das Problem der Korruption, das für den Mord an unserem Kollegen verantwortlich ist. Und wir wollen diejenigen, über die wir recherchieren, wissen lassen, dass wir alle Informationen teilen. Denn Anschläge auf uns alle verüben kann man nicht."

Der meistgelesene Artikel der slowakischen Pressegeschichte

Nach dem Mord hatte Bárdy die Idee, die letzte fragmentarische Geschichte von Jan Kuciak, in der es um die Verbindungen zwischen slowakischer Regierung und italienischer Mafia ging, in allen Medien des Landes zu veröffentlichen. So wurde sie zum meistgelesenen Artikel der slowakischen Pressegeschichte - hatte anderthalb Millionen Leser - bei fünfeinhalb Millionen Einwohnern. Zeitgleich mit dieser Initiative entstand auch die Journalistengruppe #AllForJan.

Seitdem veröffentlichte sie zahlreiche Rechercheergebnisse zu Korruptionsfällen in der Slowakei. Darunter sind Artikel über:

  • systematischen Betrug im Zusammenhang mit EU-Landwirtschaftssubventionen durch Firmen, die der italienischen 'Ndrangheta zugerechnet werden,
  • Drogenhandel und Geldwäsche italienischer und albanischer Verbrechersyndikate in der Slowakei,
  • die Geschäftsverbindungen zwischen der Familie des Ex-Chefs der Anti-Korruptionseinheit bei der slowakischen Generalstaatsanwaltschaft, Róbert Krajmer, und korruptionsverdächtigen Oligarchen.

Es waren Veröffentlichungen, die in der Slowakei großen öffentlichen Druck erzeugten und so auch zum Rücktritt des Regierungschefs Robert Fico, seines Innenministers Robert Kalinák und hochrangigen Polizeibeamten führten.

Nachdrücklich unterstützt - moralisch wie finanziell - wurde #AllForJan vom Konzern Ringier Axel Springer, dem Eigentümer von aktuality.sk und zahlreichen anderen slowakischen Onlinemedien. In dieser Form ein Novum in der Geschäftspolitik westlicher Medienkonzerne in der Slowakei wie überhaupt in Mittel- und Südosteuropa. Vor allem deutsche Medienunternehmen, darunter auch Axel Springer, waren in den letzten Jahren für Dutzende zweifelhafter Verkäufe und Umstrukturierungen ihrer Portfolios in der Region verantwortlich, bei denen der Gesichtspunkt der Pressefreiheit meistens auf der Strecke blieb.

"Das ist das Vermächtnis von Ján"

So verkaufte etwa Ringier Axel Springer Ende 2017 einen Großteil seiner slowakischen Printmedien teils an den medienunerfahrenen, schwerreichen Geschäftsmann Anton Siekel, teils an die umstrittene Investmentgruppe Penta, die im Zusammenhang mit der sogenannten Gorilla-Affäre steht, einem der größten slowakischen Korruptionsskandale.

Ähnliche Deals fanden in den letzten Jahren von Polen bis Bulgarien statt. Einer der kontroversesten war in Ungarn der Verkauf der regierungskritischen Tageszeitung "Népszabadság" sowie eines Paketes von Regionalzeitungen durch Ringier Anfang 2014 an den österreichischen Investor Heinrich Pecina.

Vorgeblich war der Verkauf eine Bedingung der ungarischen Kartellbehörde anlässlich der Fusion von Ringier und Axel Springer - ihre Marktstellung wäre zu groß gewesen hieß es. Im Hintergrund ging es der Orbán-Regierung darum, wie bereits damals gemunkelt wurde, "Népszabadság" unter ihre Kontrolle zu bringen. Tatsächlich ließ Pecina das Blatt im Herbst 2016 über Nacht schließen und verkaufte es anschließend nebst einem Dutzend ungarischer Regionalzeitungen an eine Firma von Orbáns Lieblingsoligarchen Lörinc Mészáros. Ringier Axel Springer behauptet bis heute, sich der Folgen des Deals mit Heinrich Pecina nicht bewusst gewesen zu sein.

Der slowakische Medienexperte Tomás Czwitkovics, 37, kritisiert solche Deals: "Wenn westliche Medienkonzerne hier in der Region an Qualitätsmedien beteiligt sind und sie verkaufen wollen, haben sie die Verantwortung, nicht nur an das Geld, sondern auch an den Journalismus zu denken."

Umso dankbarer sind die Journalisten aus der Gruppe #AllForJan nun für die Unterstützung, die sie erhalten. Und sie hoffen, dass die Kooperation Bestand haben wird. "Ján war ein Kollege, dem Konkurrenz und Rivalität fremd waren", erzählen Martína Raábová und Adam Valcek von der Tageszeitung "Sme". Sie haben mit Kuciak bei investigativen Recherchen bis kurz vor seinem Tod zusammengearbeitet. "Ján teilte Informationen gern mit anderen Kollegen. In diesem Sinne sollten wir weiterarbeiten. Das ist das Vermächtnis von Ján."

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Newspeak 21.05.2018
1. ...
Gegen Korruption hilft nur der Pranger. Maximale Transparenz. Vielleicht war man im Mittelalter ja doch schon weiter, als heute, wo immer mehr Staaten und Unternehmen immer intransparenter werden, waehrend die Buerger immer mehr von sich preisgeben oder gleich direkt abgehoert werden. Im Grunde ist die Regel einfach. Praktisch jeder, der zu ploetzlichem Reichtum kommt, muss bis zum Erweis seiner Unschuld als kriminell angesehen werden, ebenso Leute, die tausende Firmen gruenden, um Dinge zu verheimlichen, Unternehmer, die einen Staatsauftrag nach dem anderen erhalten, bei zweifelhaften Gegenleistungen. Die Unschuldsvermutung kann gerne, und da auch fast immer zu recht, fuer Arme und normale Buerger gelten. Reiche und Eliten sind, nach historischer Erfahrung und gesundem Menschenverstand, dagegen erst mal verdaechtig. Man sollte all diese Menschen nicht fuer ihre "Erfolge" feiern. All diese "Erfolge" beruhen auf Korruption. Egal wo. Auch in Deutschland gibt es mehr als genug Beispiele unter den oeffentlich angesehen Menschen. Jeder weiss es, aber alle, und vor allem auch die Medien, schweigen oder machen gute Miene zum boesen Spiel.
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