Soldaten im Irak "Töten ist wie Pizza essen"

Wer ist Steven D. Green: ein amerikanischer Soldat, dem der Irak-Krieg alle Hoffnung geraubt hat? Ein Killer, der eine irakische Familie auslöschte? Der US-Journalist Andrew Tilghman traf den Gefreiten im Feld - und sucht bis heute nach einer Antwort.


"Ich kam hierher, weil ich Menschen töten wollte." Während eines Abendessens im Armee-Zelt - es gab Truthahn-Koteletts - blickte mir der 21-jährige texanische Gefreite mit dem hageren Gesicht direkt in die Augen. Beiläufig sprach er darüber, wie es ist, Iraker zu töten. Es war Februar, und wir waren in seiner kleinen Truppenstation, zwanzig Meilen südlich von Bagdad. "Die Wahrheit ist, dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Ich meine, ich dachte, jemanden zu töten würde ein Erlebnis sein, das das Leben verändert. Und dann tat ich es und dachte: Was soll's."

Er zuckte mit den Achseln.

Angeklagter Soldat Steven D. Green: "Wir sind die Bauernopfer der verdammten Politiker"
AP/ Mecklenburg County Sheriff's Office

Angeklagter Soldat Steven D. Green: "Wir sind die Bauernopfer der verdammten Politiker"

"Ich habe einen Typen erschossen, der nicht anhalten wollte, als wir an einem Verkehrskontrollposten waren, und es war, als ob nichts passiert wäre", sagte er weiter. "Menschen zu töten ist hier wie eine Ameise zu zerquetschen. Ich meine, du tötest jemanden, und es fühlt sich an wie: Ok, lass uns eine Pizza essen gehen."

Zu diesem Zeitpunkt hat mich die nüchterne Art des Soldaten vor allem deshalb bewegt, weil ich glaubte, sie sei ein seltenes Beispiel für Ehrlichkeit. Ich war bei einem neunmonatigen Einsatz als embedded Reporter im Irak und verbrachte die meiste Zeit mit Soldaten wie ihm - meist jungen (und unreifen) Kleinstadt-Kids, die sich aus dem Bauch heraus für den Beruf des Killers gemeldet haben, angelockt von der Sehnsucht nach Aufregung und Abenteuer.

Es war nicht das erste Mal, dass ich auf eine Gruppe von jungen Männern traf, die schwarzer Humor und eine offensichtliche Abgebrühtheit gegenüber dem Tod verband. Ich dachte, dieser Soldat sei nur deshalb eine Ausnahme, weil er keine Angst hatte, das zu sagen, was er wirklich dachte - ein ehrliches und nachdenkliches Kind - eine Art Holden Caulfield im Kriegsgebiet.

Aber der Gefreite war Steven D. Green.

Das nächste Mal sah ich ihn fünf Monate später auf dem Titel einer Zeitung. Er stand vor dem Gebäude des Bundesgerichts in North Carolina, wo er, angeklagt wegen vorsätzlicher Vergewaltigung und Mord, auf nicht-schuldig plädiert hatte. Die brutale Tötung eines 14-jährigen irakischen Mädchens und ihrer Familie in Mahmudijah, derer er beschuldigt wurde, geschah nur drei Wochen nachdem wir gesprochen hatten.

Seine Worte erscheinen jetzt in einem anderen Licht

Als ich Green kennenlernte, wusste ich nichts über seine Lebensumstände - seine bewegte Jugend und sein schwieriges Familienleben, seine offensichtlichen Probleme mit Drogen und Alkohol, sein kleines Vorstrafenregister. Ich sah und hörte nur einen Jungen, der gerade heraus sprach. Jetzt, da ich die Anklage gegen Green kenne, erscheinen mir seine Worte in einem völlig anderen Licht. Als ich ihn traf, waren seine Bemerkungen nicht annähernd so beunruhigend, wie sie mir jetzt erscheinen.

Das mag teilweise damit zusammenhängen, dass wir in Mahmudijah miteinander gesprochen haben. Wenn es einen Ort gibt, an dem ein Soldat dem ausgesetzt ist, was das Militär "Kampfstress" nennt, dann dort, wo Green's Einheit stationiert war - am Rande des sogenannten Dreieck des Todes, das in den letzten drei Jahren das blutige Zentrum der sunnitischen Aufstände war. Mahmudijah ist ein tödlicher Fleck Erde, der soviel Angst, Unruhe und Unbehagen auslöst, dass meine vorherrschende Erinnerung an die drei Wochen, die ich dort verbrachte, das Gefühl eines schmerzvollen Knotens in meinem Magen ist.

Ich war schon aufgeregt, bevor ich dort ankam. Obwohl Mahmudijah nur eine 15-minütige Autofahrt von der umfassend geschützten Grünen Zone in Bagdad entfernt ist, wurde ich mit dem Hubschrauber dorthin gebracht. Das Militär wollte nicht riskieren, dass ich während der Fahrt mit einem Auto von einer Bombe getroffen würde. Ich hatte mich für Mahmudijah entschieden, weil ich an der Front sein wollte, inmitten der kämpfenden Truppen.

Als ich im Februar ankam, verlor Greens Bataillon - das 502. Infanterie-Regiment der 10. Luftwaffendivision - durchschnittlich einen Soldaten pro Woche. Als ich fragte, wieviele der fast 1000 Soldaten, die dort stationiert waren, schon umgekommen seien, runzelten die meisten Soldaten nur die Stirn und sagten, sie hätten den Überblick verloren.

Die Gefahr war überall. Das amerikanische Basislager wurde fast täglich mit Mörsergranaten attackiert. In den Städten, in denen US-Soldaten patroullierten, waren Autobomben eine ständige Bedrohung. Auf den Landstraßen hielten die Truppen stets Ausschau nach unter Müllhaufen versteckter schwerer Artilleriemunition, die den Motorblock eines gepanzerten Humvees zerfetzen und dem Fahrer die Gliedmaßen abreißen könnten.

Etwa einen Monat, bevor ich an Green's Stützpunkt ankam - einer verlassenen Kartoffelverpackungsfabrik, umgeben von 20 Fuß hohen Betonmauern -, haben die Soldaten dort einen heftigen Angriff mehrerer Dutzend Aufständischer abgewehrt - ein Feind, der den Kampf von Angesicht zu Angesicht normalerweise scheut. Es dauerte länger als eine Stunde, bis die Attacke von Gewehrfeuer und raketenangetriebenen Granaten, die von allen Seiten des Lagers auf sie einstürmten, überwunden war.

Sie sahen zu, wie ihr Besitz den Flammen zum Opfer fiel

Die Moral der Truppe steckte kurz darauf noch einen weiteren Schlag ein, als das hastig zusammengebastelte elektrische Kabelsystem Feuer fing und die Wohnbereiche der Amerikaner niederbrannten. Die Soldaten sahen zu, wie die Flammen frühmorgens die letzten Reste ihres Zuhauses auffraßen: die Fotos ihrer Familien, die iPods und Videospiele, die ihnen eine kurze Ablenkung vom Krieg ermöglicht hatten. Als ich eine Woche später dort ankam, diente ein Lagerraum, vollgepackt mit Radios und Satellitenkarten, als Kommandozentrum des Camps. Die Unteroffiziere versorgten die jüngeren Soldaten, die alles verloren hatten, immer noch mit Zahnbürsten und sauberen Socken.

Der Kompagnieführer, der für Greens Einheit zuständig war, erzählte mir, dass die Lage so angespannt sei, dass er selbst "fast einen Nervenzusammenbruch hatte" und für drei Tage zur Erholung in eine Hotel-ähnliche Anlage in Bagdad geschickt wurde, bevor er das Kommando wieder aufnehmen konnte.

Und dennoch habe ich - trotz der schrecklichen Umstände, die die Soldaten tagtäglich erneut auf die Probe stellten - außergewöhnliche Kameradschaft unter den Soldaten in Mahmudijah erlebt. Es war eine der freundlichsten Truppen, die ich im Irak kennenlernte.

Green war einer von mehreren Soldaten, mit denen ich kurz nach meiner Ankunft abends in der Essenshalle zusammensaß. Wir unterhielten uns, während wir unser Abendbrot von Papptabletts aßen. Ich fragte die Soldaten, wie es ihnen draußen ergehe und bat sie, mir von ihren schrecklichsten Momenten zu erzählen. Als sie vom Tod des Unteroffiziers Kenith Casica zu sprechen begannen, konzentrierte sich mein Interview mehr und mehr auf Green.

Er beschrieb, wie er und mehrere andere nach einem Angriff auf ihren Verkehrskontrollposten einen verwundeten Mann auf den Rücksitz ihres Humvees schoben und Casica, der am Hals durch eine Kugel verletzt worden war, auf die Motorhaube ihres Trucks hievten. Green hatte sich auf den verwundeten Casica geworfen, damit er auf ihrem Weg zurück zum Lager nicht herunterfallen würde.

"Wir fuhren mit 55 Meilen die Stunde, und ich hielt ihn fest. Immer wieder rief ich 'Unteroffizier Casica, Unteroffizier Casica!'. Er hat nur seine Augen ein kleines bisschen bewegt", erzählte Green mit einer kessen Offenheit. "Ich lag auf ihm drauf, hörte ihn atmen, sagte ihm, dass er in Ordnung sei. Ich rieb seine Brust. Ich guckte die Tätowierung auf seinem Arm an. Er hatte den Namen seiner kleinen Tochter auf den Arm tätowiert. Ich habe einfach mit ihm geredet. Seinem Herzschlag gelauscht. Es war komisch - ich bekleckerte ihn ein wenig mit Speichel, wischte ihn weg. Es ist verrückt, dass ich mir Gedanken um so einen Blödsinn machte."

"Dann hörte ich, wie er aufhörte zu atmen", sagte Green. "Wir waren wieder zurück im Camp, und alle sagten etwas wie 'Verdammt, schafft ihn vom Truck runter'. Ich wusste aber, dass er tot ist. Man konnte ihm in die Augen sehen, und sie waren leer. Ich wusste, was geschehen war."

"Ich will einfach nur lebend nach Hause kommen"

Er machte eine Pause und schaute kurz weg. "Er war der netteste Mann, den ich jemals kennengelernt habe", sagte er. "Ich habe ihn nie jemanden anschreien gesehen. Das war der schlimmste Moment, seit ich in den Irak gekommen bin." Zu diesem Zeitpunkt war Green nur vier Monate im Irak - ein Freiwilliger in einem Krieg, der ihm nun sinnlos erschien.

"Ich muss ein Jahr hier bleiben, und es gibt verdammt nochmal nichts, was ich machen könnte", sagte er. "Ich will einfach nur lebend nach Hause kommen. Die ganze Sache mit dem Irak ist mir scheißegal. erstehst du, dieser Krieg ist anders als die Kriege, die unsere Väter und Großväter führten. In denen ging es um was. Dieser Krieg ist für nichts", sagte Green.

Ein paar Tage später begegnete ich ihm erneut; er lud mich ein, ihn und einen anderen Soldaten in eine notdürftige, von irakischen Soldaten betriebene Teestube zu begleiten. Es war nach Sonnenuntergang, zu dritt liefen wir über die stockdunkle Landezone zu einem kleinen, mit Holz getäfelten Raum, wo ein Dutzend barfüßige irakische Soldaten, die sich das Lager mit den Amerikanern teilten, herumsaßen und die Fernsehnachrichten verfolgten.

"Hey, shlonek", sagte Green - ein salopper arabischer Gruß -, ging lächelnd und ausladend winkend zur Bar. Für einen Dollar bekam er drei Styropor-Becher mit sirupartigem braunen Tee. Green sprach ein paar Worte Arabisch und mit Hilfe einiger Brocken Englisch, die die Iraker sprachen, Gestikulierens und Lächelns scherzte er mit den irakischen Soldaten herum, während sie ihren Tee schlürften. Die wenigsten der Amerikaner kamen hierher, um mit den Irakern abzuhängen.

Ich fragte Green, warum er so oft hierher kam. Er sagte, er mache das, weil er weg von den Amerikanern wolle, "die mir immer sagen, was ich zu tun habe." "Die Jungs sind cool", sagte er mit Bezug auf die Iraker. "Aber", fügte er mit einem Achselzucken hinzu. "es kümmert mich auch nicht wirklich, wenn sie getötet werden."

Während wir redeten, klagte Green darüber, dass die hohen Kommandeure die jungen Soldaten immer wieder drängten, auch dann umsichtig vorzugehen, wenn die Umstände schrecklich und lebensbedrohlich seien.

"Wir werden hier draußen ständig angegriffen, und wir kriegen Ärger wenn aus Versehen jemand erschossen wird?", sagte er und meinte Infanteristen wie ihn im ganzen Irak. "Wir sind die Bauernopfer der verdammten Politiker; für Leute, die sich einen Dreck um uns kümmern und die nichts davon wissen, wie es ist, an der Front zu sein." Die Soldaten, die an der Seite von Green kämpften, lebten unter Bedingungen fast permanenter Gewalt - Gewalt, die sich gegen sie richtete und Gewalt, die sie selbst ausübten.

"Alter, das war verdammt beängstigend"

Selbst während meines kurzen Aufenthalts dort, habe ich immer wieder schreckliche Angriffe erlebt. Eines Nachts explodierte etwa eine Meile von Green's Lager entfernt eine Bombe neben meinem Fahrzeug. Die Folge war ein ohrenbetäubender Knall und ein Feuerball. An den meisten anderen Orten im Irak hätten die Soldaten jetzt ihre Aktivität gestoppt. Im Dreieck des Todes aber pflügten wir uns durch die Rauchwolke und Dusche aus Funken, in der Furcht vor einem Angriff aus dem Hinterhalt, wenn wir anhalten würden. Zum Glück war die Bombe relativ klein gewesen, ihre Detonation schlecht getimt. Schon Minuten später lachten die Soldaten über den Zwischenfall. "Alter, das war verdammt beängstigend", sagte der Fahrer, nachdem er sich überzeugt hatte, dass niemand verletzt war.

Einige Tage später stand ich draußen und plauderte mit einem Offizier über die Langzeitfolgen des Vietnam-Kriegs, als eine Rakete pfeifend herunterkam und in die Südmauer des Lagers einschlug. Ein paar Tage danach explodierte eine Mörsergranate in einem Zelt - 20 Fuß von dem Besucherzelt entfernt, das ich mein Zuhause nannte.

Meine Erlebnisse waren jedoch nichts gegen jene von Green und den anderen jungen Männern seiner Bravo-Kompanie, die mehrere Monate im Dreieck des Todes verbracht hatten.

In den Geschichten, die ich für die Zeitung "Stars and Stripes" aus Mahmudijah schrieb, sparte ich Greens Bemerkungen am Ende aus. Als er sagte, er sei an den Tod und das Töten gewöhnt, schien mir das - zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort - eine vernünftige Aussage zu sein. Auch ich habe im Irak viele Menschen bluten und sterben sehen. Es war auf entsetzliche Weise unspektakulär. Es ist kein Hollywood-Actionfilm, es gibt keine schnellen Schnitte und keine Adrenalin-gepeitschten Soundtracks, keine logische Erzählstruktur, die allem Sinn geben könnte. Blei fliegt durch die Luft, zerlöchert Menschen, ihre Körperflüssigkeiten treten aus und sie sterben. Die, die sie kannten, trauern und machen weiter.

Aber kein noch so großer "Kampfstress" wäre eine Entschuldigung für die brutalen Taten, die Green angeblich begangen hat. Ich vermute, ich werde mich immer an unsere Gespräche in Mahmudijah erinnern und mich fragen: Was meinte er nur?

Aus dem Englischen übersetzt von Anna Reimann

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