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Solidarität mit bedrohtem Zeichner: Dänische Zeitungen drucken Karikaturen nach

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Der Anschlag auf einen dänischen Mohammed-Cartoonisten wurde verhindert - aus Solidarität mit dem Zeichner drucken jetzt mehrere dänische Zeitungen die Karikaturen nach, die vor zweieinhalb Jahren gewaltsame Proteste auslösten. Dänemark rückt zusammen.

Berlin - Der dänische Politiker Naser Khader ist im Urlaub in Ägypten. Auf neueste Berichte aus Dänemark muss er trotzdem nicht verzichten. Die gestrigen Festnahmen von drei Männern, die im Verdacht stehen, einen Mordanschlag auf einen Mohammed-Karikaturen-Zeichner der Zeitung "Jyllands-Posten" geplant zu haben, laufen auch prominent über al-Jazeera.

Titelblätter dänischer Zeitungen: Solidaritätsaktion für bedrohten Karikaturisten
DPA

Titelblätter dänischer Zeitungen: Solidaritätsaktion für bedrohten Karikaturisten

Der arabische Sender hat die neuesten Wendungen aus dem kleinen Land im Norden laut "Jyllands-Posten" zur Top-Story erkoren - und bei dänischen Politikern wächst nun die Sorge vor einer neuen Mohammed-Karikaturen-Krise.

Aus dem dänischen Außenministerium heißt es, man beobachte die neuesten Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit. In ihrer Online-Ausgabe titelt die dänische Zeitung "Jyllands-Posten": Die Angst vor einer neuen Mohammed-Krise wächst.

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" zwölf Cartoons druckte, die den Propheten Mohammed zeigten. Und was danach passierte, ist den Dänen noch gut in Erinnerung - damals brannten dänische Konsulate in arabischen Ländern. Bei gewaltsamen Protesten starben etwa 150 Menschen. Das kleine Nachbarland Deutschlands wurde bis in seine Grundfeste erschüttert.

"Es gibt diese Angst vor einer neuen Krise natürlich, die Islamisten sind unberechenbar. Und in einigen muslimischen Ländern haben die Menschen die Mohammed-Karikaturen nicht vergessen", sagt der Politiker Naser Khader von der neu gegründeten Mitte-Partei "Ny Alliance" am Telefon zu SPIEGEL ONLINE. Gleichzeitig stehe die große Mehrheit aller dänischen Politiker seit gestern eng beieinander, so Khader. Das sei ein großer Unterschied zu 2006.

Dänische Zeitungen drucken Cartoons nach

Der syrischstämmige Politiker Khader spielte während des Karikaturen-Streits eine wichtige Rolle in der Debatte. Er stellte sich vor die Kameras und sprach klare Worte. Radikale dänische Imame beschuldigte er, das Feuer absichtlich geschürt zu haben. Sie hätten vor den Kameras arabischer Fernsehsender gegen Dänemark gehetzt. Und Khader beriet die Regierung von Anders Fogh Rasmussen. Der 44-Jährige gründete das Netzwerk der moderaten Muslime.

Zwei Jahre danach scheint sich tatsächlich etwas verändert zu haben in Dänemark - das Land rückt einen Tag nach der Festnahme der Verdächtigen zusammen. Konkurrenzmedien der "Jyllands-Posten" bekunden Solidarität. Ein Dutzend dänischer Zeitungen hat heute die umstrittenen Zeichnungen nachgedruckt - manche von ihnen bringen die Cartoons sogar zum ersten Mal.

Ein dänischer Zeitungsleser werde es heute kaum schaffen, eine Zeitung zu öffnen, ohne die Karikatur des Propheten Mohammed mit einer Bombe am Turban zu sehen, heißt es in einer Meldung der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau. Die Zeichnung mit der Turban-Bombe stammt von Kurt Westergaard - dem Cartoonisten, den muslimische Extremisten angeblich ermorden wollten.

"Anspruch auf unbedingte Solidarität"

Im Leitartikel des linksliberalen Blattes "Politiken" heißt es: "Unabhängig davon, dass die 'Jyllands-Posten' auf unkluge Weise Gebrauch von der Meinungsfreiheit gemacht hat, hat die Zeitung Anspruch auf unbedingte Solidarität, wenn sie von Terror bedroht ist." Darüber habe es nie Zweifel gegeben - gerade weil es der Kern der Meinungsfreiheit sei, dass es nicht die Aussage ist, die man verteidigt, sondern das Recht, sie zu äußern. "Aus diesem Grund druckt 'Politiken' - wie schon mehrmals zuvor - heute die Zeichnung. Auch wenn wir zu keinem Zeitpunkt mit der Provokation der 'Jyllands-Posten' sympathisiert haben."

Bereits gestern äußerten sich dänische Politiker aller Parteien schockiert über die Attentatspläne: Die Vorsitzende der Sozialdemokraten, Helle Thorning-Schmidt, erklärte, es sei "erschreckend, dass es in unserer Mitte Personen gibt, die so wahnwitzige Gedanken haben, einen Zeichner zu ermorden, weil der von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht hat."

Henriette Kjær von den Konservativen sagte, dass die Festnahmen mit aller Deutlichkeit zeigten, dass die Meinungsfreiheit unter Druck sei.

Auch dänische Imame, die sich gestern in den Medien zu Wort meldeten, verurteilten Gewalt. Den Nachdruck der Karikaturen kritisierte der Imam Abdul Wahid Petersen heute indes. Das sei nicht der richtige Weg. 

"Die Muslime, die seit gestern etwas zu den Festnahmen gesagt haben, haben sich moderat geäußert", sagt auch der Politiker Naser Khader zu SPIEGEL ONLINE. Und das sei auch eines der guten Ergebnisse der Mohammed-Cartoon-Krise von 2006 gewesen. "Die große Mehrheit der dänischen Muslime hat gezeigt, dass sie Gewalt ablehnt und mit den dänischen Gesetzen im Einklang lebt." Mit einem vielversprechenden Echo: Eine Umfrage unter der Bevölkerung im vergangenen Jahr habe gezeigt, dass die Einstellung der Dänen gegenüber Muslimen viel positiver geworden sei. "Die Krise hat der Integration nicht geschadet, sondern sie hat uns Türen geöffnet" - und in Dänemark habe sich seitdem viel verbessert, so Khader. Auch der Feuilletonchef der "Jyllands-Posten", Flemming Rose, sagte gestern im Interview mit SPIEGEL ONLINE, dass sich in der Integrationsdebatte in Dänemark in den letzten zwei Jahren viel bewegt habe.

Der Politiker Khader fordert jetzt: "Wir dürfen nicht nachgeben, wir müssen zeigen, dass wir die Meinungsfreiheit verteidigen und Einschüchterungen nicht akzeptieren."

Sich einschüchtern lassen will auch der dänische Schriftsteller Kåre Bluitgen nicht. Bluitgen brachte die Sache mit den Mohammed-Karikaturen 2005 überhaupt erst ins Rollen. Der Schriftsteller hatte sich darüber beklagt, dass er keine Illustratoren für seine Mohammed-Biographie finde - daraufhin hatte die "Jyllands-Posten" zum Zeichen-Wettberwerb aufgerufen.

Medienberichten zufolge arbeitet Bluitgen bereits an einem neuen Buch mit Zeichnungen des Propheten. "Es wäre eine Katastrophe, wenn wir nachgeben", sagt er.

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