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Grubenunglück in Soma: Erdogan verliert das Gespür für sein Volk

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Bedrängt: Premierminister Erdogan wird in Soma beschimpft Zur Großansicht
DPA/ Turkish Prime Minister's Press Office

Bedrängt: Premierminister Erdogan wird in Soma beschimpft

Nach dem Unglück von Soma wächst in der Türkei die Empörung über Premier Erdogan. Opposition und Gewerkschaften werfen der Regierung zu enge Verbindungen zur Bergbaubranche vor. Selbst Anhänger des Regierungschefs fordern Konsequenzen.

Soma/Berlin - Es ist das schlimmste Industrieunglück in der Geschichte der Türkei. Die Leichen von 282 Menschen wurden inzwischen geborgen. Doch damit ist kein Ende des Schreckens absehbar. Mindestens 55 Menschen werden noch vermisst.

Angehörige warten bangend auf Nachrichten. In der Tiefe soll nach der Explosion noch immer ein Feuer toben. Seit Mittwoch wurde niemand mehr lebend geborgen. Die Wut der Freunde und Verwandten der Opfer wächst.

Premierminister Recep Tayyip Erdogan hat der Türkei Wirtschaftswachstum gebracht. Doch zu welchem Preis? Bei der Jagd der Unternehmer nach Profit werden staatliche Kontrollen von Sicherheits- und Gesundheitsbestimmungen vernachlässigt, werfen Opposition und Gewerkschaften der Regierung vor.

"Dieses Unglück ist anders als die Ereignisse, die wir bisher in der Türkei gesehen haben - die Gezi-Proteste, die Korruptionsskandale, die Polizeigewalt gegen Demonstranten", sagt Umut Ozkirimli, Türkei-Experte am Zentrum für Nahostwissenschaften der schwedischen Universität Lund. "Nicht nur wegen des Ausmaßes der Tragödie, sondern auch wegen der Menschen, die ums Leben gekommen sind."

"Die Versäumnisse der Regierung sind klar"

In den Minenschächten grausam erstickt sind die einfachen Leute, Menschen, mit denen jeder in der Türkei sympathisieren kann. "Bisher hat es Erdogan immer geschafft, einen Teil des Landes davon zu überzeugen, dass das, was passiert, nur eine Verschwörung ist, um die Regierung zu stürzen", sagt Ozkirimli. "Dieses Mal sind jedem die Versäumnisse der Regierung klar."

Selbst diejenigen, die es normalerweise mit Erdogan halten, sind empört. So fordern AKP-nahe Kommentatoren den Rücktritt der verantwortlichen Minister, allen voran Taner Yildiz, zuständig für Energie.

Denn offenbar hatte es Warnsignale gegeben. Ozgur Ozel, ein Abgeordneter der kemalistischen Opposition aus der Region, hatte erst vor wenigen Wochen neue Inspektionen der Mine gefordert. Denn viele Bürger aus seinem Wahlkreis hatten sich über die dortige Sicherheitslage beschwert. Doch Erdogans AKP schmetterte die Forderung am 29. April ab, 13 Tage vor dem verheerenden Unglück.

Dem Arbeitsministerium war in der Mine nie etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Nach Inspektionen hatte es im März erklärt, man habe nichts zu beanstanden. Taner Yildiz, der Energieminister, hatte sie 2013 bei einem Besuch persönlich als vorbildlich gelobt.

Wie ist so etwas möglich? Die Gewerkschaften machen klar, wo sie die Ursache der Versäumnisse sehen: Korruption. Sie fordern, dass Mineninspektoren in Zukunft unabhängig sein sollen und nicht mehr auf dem Lohnzettel der Bergbauunternehmen stehen.

Kritiker werfen Erdogans Regierung zu enge Beziehungen zur Bergbaubranche vor. Schon untersuchen sie, ob es auch Verflechtungen zwischen Erdogans Partei und dem Unternehmen der Unglücksmine gab.

Ist dieser Mann noch geeignet, ein Land zu regieren?

Der Premier selbst patzt und taumelt. Er, der Charismatiker, hielt eine katastrophale Rede, in der er das Unglück verharmloste. So etwas passiere schon mal, sagte Erdogan und zitierte Beispiele aus dem England des 19. Jahrhunderts. Liberale Kommentatoren spotteten hinterher, nun habe Erdogan erstmals selbst zugegeben, dass unter ihm die Türkei mindestens ein Jahrhundert zurück sei.

In Soma wurde am Mittwoch die Parteizentrale der AKP mit Steinen beworfen. Der Premier kann in der Öffentlichkeit keinen Schritt mehr tun, ohne dass er beschimpft wird. Es ist eine Situation, mit der Erdogans Anhänger offenbar nicht klarkommen. Einer seiner Vertrauten wurde dabei fotografiert, wie er wütend einen Demonstranten tritt.

Inzwischen wird bereits gemunkelt, dass es auch von Erdogan selbst Aufnahmen gibt, die ihn beim Verprügeln von Demonstranten zeigen. Die türkische Zeitung "Hürriyet" hat ein Video veröffentlicht, das diesen Vorfall zeigen soll. Doch darauf ist wenig zu erkennen. Bisher gibt es keinen Beleg dafür, dass der Premier zuschlug. Doch allein die Tatsache, dass viele Türken das Gerücht bei dem für Wutanfälle Berüchtigten nicht automatisch für ganz abwegig halten, wirft die Frage auf: Ist dieser Mann noch geeignet, ein Land zu regieren?

Am 10. August wird sich Erdogan der Wut der Wähler bei den Präsidentschaftswahlen stellen müssen. "Er wird wohl gewinnen - mangels Alternativen," glaubt Türkei-Experte Ozkirimli. "Doch er wird kaum weiter durchregieren können wie bisher."

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Ein Hoch dem Raubtierkapitalismus...
ralfrichter 15.05.2014
Zu allererst möchte ich meine Betroffenheit wegen dieses Unglück aussprechen und wünsche den Trauernden und Hinterbliebenen viel Kraft für die Zukunft. Im Prinzip zeigt sich hier die hässliche Fratze eines Regierungschefs,der seinen Staat an Investoren verkauft hat. Es darf und kann nicht sein,dass Sicherheitsstandards aus Kostengründen zurückgefahren werden,hier ist der Staat mehr als gefragt solches Ansinnen zu unterbinden. In dieser Situation auch noch auf Unglücke zu verweisen,die mehr als 100 Jahre zurückliegen ist die Spitze der Impertinenz. Frisch nach dem Motto "Wo gehobelt wird da fallen Späne" und lasst euch nicht einfallen,dass wir etwas verbessern werden. Nein, so geht man nicht mit seinem Volk um,die Legitimation hat Herr E. mehr als verwirkt, aber solange die schleichende Islamisierung der Türkei und die Menschen-und Bürgerrechte weiter mit Füßen getreten werden können ,ist Herrn E. doch alles andere reichlich egal,wahrscheinlich sind die protestierenden Bergleute dann auch bald "Terroristen",damit wird ja jeder Protest mit diktatorischen Exzessen im Keim erstickt....
2. Das wird noch nicht alles gewesen sein
schmusel 15.05.2014
Wachstum auf Kosten der Sicherheit von Menschen ist nicht der einzige Frevel des Erdogan. Sein grau- und schwarzmarkt Wirtschaftswunder wird in den kommenden Jahren ebenfalls kollabieren, wie dieses Bergwerk. Dann sind zwar keine Leben verloren, aber Existenzen. Sehr, sehr viele Existenzen. Das ist auch der Grund wieso Erdogan trotz allem noch schnell bei der EU unterkriechen wollte. Wenn der Ballon platzt, wäre diese Mitgliedschaft das Ticket aus dem Ruin gewesen. Wer sich aber wie ein totalitärer Despot geriert und Opposition niederknüppeln lässt, der hat keinen Platz am reich gedeckten Tisch der EU. Und weil Erdogan das mittlerweile auch erkannt hat und glaubt er hat ohnehin nichts mehr zu verlieren, treibt er sein rücksichtsloses Machtspiel weiter und weiter. Ich bin gespannt ob das stolze türkische Volk noch rechtzeitig merkt wem sie da auf den Leim kriechen.
3. "Diskutieren Sie über diesem Artikel" Meinung:
elikey01 15.05.2014
Zitat von sysopDPA/ Turkish Prime Minister's Press OfficeNach dem Unglück von Soma wächst in der Türkei die Empörung über Premier Erdogan. Opposition und Gewerkschaften werfen der Regierung zu enge Verbindungen zur Bergbaubranche vor. Selbst Anhänger des Regierungschefs fordern Konsequenzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/soma-erdogan-geraet-nach-grubenunglueck-in-der-tuerkei-unter-druck-a-969574.html
Hat er je wirklich eines für sein Volk gehabt? Angesichts z.B. eines Polizeieinsatzes, bei dem ein persönl. Bodygard von RTE auf einen am Boden liegenden Mann noch drauftritt, während zwei bewaffnete Polizisten daneben stehen, scheint auch "seinem" (Wahl)Volk das bisherige Gespür und der Respekt abhanden gekommen. Arme Menschen in und um Soma, einer AKP- und mithin Erdogan-Wähler-Hochburg. Erst im Unglück und persönlichem Leid bekommen sie anscheinend vor Augen geführt, wen sie mit ihrem hochverehrten Baba gewählt haben: Einen "Herrscher", der von sich sagt, die TR zu einem modernen Land machen zu wollen und sich förmlich abgebrüht wirkend gleichzeitig auf "üblicherweise vorkommende" Unglücke von vor hundert Jahren beruft. Um von eigener Verantwortung abzulenken? Denn natürlich weist er wie gewohnt jede Kritik und damit eigenem Verschulden und Verantwortung in der üblichen rustikalen Art von sich. Es darf daher bezweifelt werden, ob die angekündigten Untersuchungen im Ergebnis daran etwas ändern. So ist auch durchaus vorstellbar, dass als Ursache des Unglücks "Einwirkungen/Sabotage von ausländ. Terroristen zwecks Schädigung der TR und der Regierung" ausgemacht werden - ein inzw. bekannter Sprachgebrauch als Reaktion auf jedwede noch so berechtigte Kritik - höchst bedauernswert für die Angehörigen. Von "Normalität" einer Persönlichkeit scheint das Verhalten RTE weit entfernt, was sich h.E. aktuell auch in seiner erkennbaren Empathielosigkeit für die Opfer bzw. deren Angehörigen widerspiegelt. Daher könnte auch das "Gespür für sein Volk" eher ein Gespür dafür gewesen sein, was RTE's Macht- und ökonomischen Interessen am meisten nutzt. So sind auch seine häufiger werdenden Ausraster erklärbar.
4. ...
Newspeak 15.05.2014
Wie ist so etwas möglich? Die Gewerkschaften machen klar, wo sie die Ursache der Versäumnisse sehen: Korruption. Es ist nicht nur Korruption. Es liegt auch daran, daß Arbeit als Wert an sich gilt, daß wirtschaftlicher Erfolg als Wert an sich gilt, daß Unternehmer per se als gute Menschen gelten, deren private Unternehmungen automatisch gut für die Allgemeinheit sein sollen. Die gleichen Lügen des Kapitalismus, die in Deutschland genau so erzählt werden. Der vergessene Unterschied besteht darin, daß Unternehmer in Deutschland zu Beginn der Industrialisierung genauso menschenverachtend mit ihren Arbeitern umgegangen sind, und zwar nicht in Einzelfällen, sondern aus Prinzip, und daß beinahe alle Dinge in Sachen Arbeitssicherheit GEGEN die Unternehmer erkämpft wurden. Und das gilt heute immer noch. Unternehmer und Konzerne, die nicht staatlich reguliert werden, richten sich in ihrem Profitinteresse grundsätzlich gegen Menschen.
5. Beginn der Hexenjagd
SohnTuerkischerMigranten 15.05.2014
Der Herr Premier schlägt Demonstranten, einer seiner Berater tritt auf einen Angehörigen der Opfer ein, der am Boden liegt und von 2 Polizisten bewacht wird. Mal sehen wie er seine Hexenjagd weiter treibt. Wenn der Typ ernsthaft die nächste Wahl gewinnt verliere ich wirklich jede Hoffnung was die Türkei betrifft.
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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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