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Erdogan-Fans gegen Kritiker: #ScherDichZumTeufelDerSpiegel

Von , Istanbul

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AP

Erdogan in Soma: Das Land beginnt sich zu verändern

Ein Bergwerksunglück erschüttert die Türkei, die Betreiberfirma veröffentlicht dürftige Erklärungen, die Regierung reagiert taktlos. Überlebende und Angehörige der Opfer sind entsetzt. Auf Kritik antworten Anhänger von Premierminister Erdogan mit Hass - auch gegen SPIEGEL ONLINE.

Jetzt kennt die ganze Welt Soma. Weil sehr viele Reporter diese Woche aus dieser Stadt im Westen der Türkei berichtet haben. Sie haben es nicht getan, weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatten, sondern weil sich dort etwas Berichtenswertes, Tragisches ereignet hat. Journalisten recherchieren und liefern Informationen, ordnen ein, analysieren, kommentieren. (Lesen Sie hier die türkische Übersetzung dieses Textes.)

In Soma haben sich Szenen abgespielt, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben. Ein Toter nach dem anderen wurde aus dem Kohlebergwerk geholt, nachdem es dort am Dienstag zu einer Explosion gekommen war. Nach offiziellen Angaben sind bis zu 302 Arbeiter ums Leben gekommen. 284 Leichen wurden bislang geborgen, 18 Männer werden noch unten vermutet. Niemand rechnet damit, sie noch lebend zu finden.

Dutzende Menschen wurden gleichzeitig beerdigt, an den Gräbern sah ich schwer zu ertragende Bilder, ebenso im Leichenschauhaus, wo Eltern, Kinder, Geschwister ihre toten Angehörigen identifizierten. Wir Journalisten gerieten, wie immer bei solchen Ereignissen, in die heikle Lage, mit den Betroffenen sprechen, sie aber gleichzeitig in ihrer Trauer nicht stören, ihr Leid nicht erschweren zu wollen.

Wut auf die Regierung

Als sich mehrere Reporter gleichzeitig auf einen weinenden Mann oder eine um Fassung ringende Frau stürzten, erwartete ich, dass diese Menschen sagen würden: Genug, es reicht! Aber stattdessen fingen sie an zu erzählen und Fragen zu stellen, auf deren Antworten sie bis heute warten.

Die Menschen sind wütend auf die Regierung von Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Sie wollen wissen, wie so eine Katastrophe passieren konnte, warum lange geforderte Schutzmaßnahmen nicht getroffen, warum Sicherheitsstandards nicht eingehalten wurden. Doch die Mächtigen bleiben die Antworten auf Fragen nach ihrer Verantwortung schuldig, zum Beispiel darauf, was sie bisher getan haben, um eine solche Katastrophe zu verhindern, oder was sie zu tun gedenken, damit so etwas nicht wieder passiert.

Stattdessen verstört Erdogan sie mit einer Rede, die sehr viele Menschen als herzlos empfinden. Stattdessen tritt ein Berater Erdogans auf einen Demonstranten ein und liefert eine halbherzige Entschuldigung nach. Stattdessen tauchen Videos auf, wie Erdogan mit einem jungen Mann aneinandergerät. Und stattdessen verbietet die Soma Holding, die private Betreiberin der Mine, den Bergarbeitern und den Bergungstrupps, mit Journalisten zu reden, nachdem die den Vorwurf erhoben hatten, die Zahl der Toten sei geschönt. Glücklicherweise halten sich nicht alle daran.

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Ein Bergbauarbeiter sagte mir: "Ich hätte so etwas bis jetzt nicht geäußert, aber nun möchte ich Erdogan nur sagen: Scher dich zum Teufel!" Das Zitat stand über einem meiner Artikel. Das scheint manchen türkischen Medien und Bloggern nun eine willkommene Gelegenheit zu sein, mir die Kritik in den Mund zu legen. Das Anführungs- und Abführungszeichen wird geflissentlich überlesen, nun bin also ich, der Journalist, derjenige, der Erdogan anspricht. Anhänger des Premiers starten eine Hasskampagne.

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Ein paar tausend E-Mails, Facebook-Kommentare und Tweets erreichen mich. Unter dem Hashtag #ScherDichZumTeufelDerSpiegel lassen Erdogan-Fans auf Deutsch und Türkisch per Twitter ihrer Wut freien Lauf. "Diese Rakete wird von mir zu 'Merkel' und 'Der Spiegel' geschossen!!!", schreibt eine Twitter-Nutzerin über dem Foto einer verhüllten bewaffneten Frau. Andere verbreiten ein selbstgebasteltes Foto mit einer Karikatur von Angela Merkel in Nazi-Uniform auf einer SPIEGEL-Titelseite. Auch ein Davidstern ist darauf zu sehen, da das Ganze ja eine "Verschwörung der Juden" sei. Wieder andere begnügen sich damit, einfach nur den Hashtag zu verbreiten.

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Die deutsche Nazi-Vergangenheit wie auch die NSU-Morde werden genutzt, um auf Deutschland zu zeigen, das selbst "genug Dreck am Stecken" habe - und deshalb deutsche Journalisten gefälligst nicht kritisch über Themen in der Türkei zu berichten hätten. Dinge werden gegeneinander aufgerechnet, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben.

Wie soll ich diese zum Teil harschen Vorwürfe verstehen, die über die üblichen Beschimpfungen hinausgehen, denen man als Journalist häufig ausgesetzt ist? Wie verarbeite ich sie, noch mit all den Toten im Kopf, das Weinen der Überlebenden im Ohr? Was soll das alles? Auch Kollegen, ein Brite und ein Amerikaner, erzählen mir von Anfeindungen. Auch sie sind ratlos. Liegen wir falsch mit unserer Berichterstattung?

Wir meinen: nein. Der Ton unserer Kritiker erinnert an die Kampagnen der Erdogan-Getreuen während der Gezi-Proteste, als ausländischen Journalisten vorgeworfen wurde, die Türkei wahlweise spalten oder zerstören zu wollen. Türkische Journalisten berichteten, die Regierungspartei AKP habe eine "6000-Mann-Twitter-Armee" aufgestellt, um solche Feldzüge in den sozialen Netzwerken zu führen. Demnach würden diese überwiegend jungen Leute darin ausgebildet, systematisch gegen Medien vorzugehen, die kritisch berichteten. Beweise, dass es eine solche Einheit gibt, existieren zwar nicht, aber die Art von Kampagnen, von denen auch andere Journalisten - türkische wie ausländische - berichten, deuten darauf hin, dass die Sache planmäßig abläuft.

Die Türkei beginnt sich zu verändern

Kritik an den Reichen und Mächtigen ist in der Türkei offensichtlich unerwünscht, egal, ob sie nun von trauernden Bergleuten, Journalisten oder vom deutschen Bundespräsidenten kommt. Joachim Gauck bekam das zu spüren, als er bei seinem Besuch in der Türkei vor den Gefahren für die Demokratie warnte. Und als der Präsident der Anwaltskammer Erdogan bei einer öffentlichen Veranstaltung kritisierte, verlor der Premier wieder die Fassung und stürmte wütend aus dem Saal.

Erdogan und seine Fans stoßen sich daran, dass das Land sich seit den Gezi-Protesten zu verändern beginnt. Bislang waren es die Menschen gewöhnt, Hierarchien nicht zu hinterfragen und Obrigkeiten anzuerkennen, auf teils geradezu unterwürfige Weise. Autoritäre Herrschaft wurde hingenommen. Das war schon immer so, nur achtete im Ausland kaum jemand darauf, geblendet vom wirtschaftlichen Erfolg der Türkei in den vergangenen Jahren.

Man mag den Gezi-Protest als gescheitert bezeichnen, jedenfalls hat er keine dauerhafte Veränderung gebracht. Erdogan sitzt seit der erfolgreichen Kommunalwahl wieder fest im Sattel, trotz Korruptionsskandal, trotz YouTube- und Twitter-Sperre. Aber eines hat Gezi deutlich gemacht: dass es eine - wenn auch vergleichsweise kleine - Gruppe von Menschen in der Türkei gibt, die die Kritiklosigkeit nicht mehr hinnehmen will.

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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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