Somalia Hungersnot wird sich laut Uno weiter verschärfen

29.000 somalische Kinder sind in den vergangenen drei Monaten an Hunger gestorben - und die Katastrophe in Ostafrika droht sich laut Uno sogar noch weiter auszubreiten. Zum Schutz der Hilfslieferungen will die Deutsche Marine jetzt ihren Einsatz vor der Küste Somalias verstärken.

Hungerflüchtling mit Kind im nordkenianischen Camp Dadaab: Viele haben alles verloren
DPA

Hungerflüchtling mit Kind im nordkenianischen Camp Dadaab: Viele haben alles verloren


Addis Abeba/Berlin - Die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika bedroht schon jetzt Millionen Menschen. Kein Land ist dabei so schlimm betroffen wie Somalia. Der Uno zufolge benötigen demnach 3,2 Millionen der rund 7,5 Millionen Somalier dringend Soforthilfe zum Überleben. Und die Situation in Somalia werde sich voraussichtlich sogar noch weiter verschlimmern, sagte der neue Direktor des Welternährungsprogramms in Äthiopien (WFP), Abdou Dieng.

"Wenn wir von einer Hungersnot sprechen, dann sprechen wir von Somalia", sagte Dieng. In dem Bürgerkriegsland seien mehrere Faktoren zusammengekommen, die die Katastrophe ausgelöst hätten, darunter vor allem "Dürre gepaart mit politischen Konflikten". Besonders der von der islamischen Shabab-Miliz kontrollierte Süden des Landes ist schwer von der Krise betroffen.

Was die Menschen in dem von Bürgerkrieg und Dürre gebeutelten Land durchmachen, ist für westliche Maßstäbe kaum zu begreifen. Viele haben in ihren Heimatdörfern alles verloren, laufen tage- oder wochenlang durch Gebiete, in denen sie ständig von wilden Tieren und Räubern bedroht werden. Nicht selten müssen sie schließlich hilflos mitansehen, wie ihre Kinder an den Folgen von Unterernährung sterben.

Nach US-Angaben starben in den vergangenen 90 Tagen mehr als 29.000 somalische Kinder unter fünf Jahren. Es ist die erste genauere Zahlenangabe seit Beginn der Krise. Erst am Mittwoch hatte die Uno drei weitere Regionen in Somalia zu Hungerzonen erklärt, darunter auch in der Hauptstadt Mogadischu, in die immer mehr Hungernde aus anderen Landesteilen fliehen. Vor zwei Wochen war bereits in zwei Regionen im Süden eine Hungersnot erklärt worden. "Wir fürchten, dass sich diese Situation noch auf andere Landesteile ausweiten wird", sagte Dieng jetzt.

Es gibt keine Becher, die Menschen trinken aus verdreckten Plastiktüten

Und selbst wer es in eines der Flüchtlingslager geschafft hat, lebt unter unvorstellbaren Zuständen: Die Camps platzen aus allen Nähten, es fehlt an Nahrung, schützenden Unterkünften und Toiletten. Vor allem die Situation in den Lagern in und um Mogadischu sei düster: "Die Menschen haben nichts mehr, ihre Ernten sind vernichtet und das Vieh tot", sagt Andy Needham vom Flüchtlingskomitee UNHCR. Viele würden Wasser aus verdreckten Plastiktüten trinken, weil es keine Becher oder Wasserkrüge gebe.

Zudem leiden die Flüchtlinge seit Tagen unter extrem starken Regenfällen, was fast wie Ironie anmutet, sind sie doch auf der Flucht vor der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren. Jetzt sitzen die Hungernden in provisorischen Zelten, durch die der Regen rinnt. "Alle Zelte sind undicht", sagt der 59-jährige Flüchtling Ey Sitey. Und täglich kommen neue Hungernde auf der Suche nach Hilfe in den Camps an.

Insgesamt sind nach Uno-Angaben zwölf Millionen Menschen in Ostafrika von Dürre betroffen. Nach Einschätzung des WFP ist die Lage in Äthiopien und Kenia bisher allerdings weniger schlimm als in Somalia, weil die politische Lage in beiden Ländern stabiler ist.

Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif hat derweil der internationalen Gemeinschaft Versagen und Ignoranz im Umgang mit der Hungerkatastrophe vorgeworfen. Die Dürre in der Region sei seit mehr als einem Jahr absehbar gewesen, sagte der Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel im Gespräch mit dem "Flensburger Tageblatt". Regierungen in aller Welt hätten Zugriff auf die entsprechenden Klimadaten gehabt. Nur gehandelt worden sei nicht. "Die haben unsere Daten schlicht ignoriert."

Wie man sich zukünftig besser auf schlimme Dürrezeiten vorbereiten kann

Experten zufolge gibt es Möglichkeiten, sich besser auf künftige Dürrezeiten vorzubereiten. Regierungen vor Ort und die internationale Gemeinschaft müssten "Sicherheitsnetze" aufbauen, sagte Dieng. Bei guten Regenzeiten müssten Wasserreserven sowie großflächig Lager mit Lebensmittelvorräten angelegt werden. "Das Wassermanagement ist ganz wesentlich und muss verbessert und vorangetrieben werden, sonst wird es für Krisen dieser Art keine Lösung geben", so Dieng.

Die Deutsche Marine wird zum Schutz der internationalen Hilfslieferungen für die hungernden Menschen in Somalia die EU-geführte Anti- Piraten-Operation "Atalanta" am Horn von Afrika verstärken. Eine zweite Fregatte werde Ende August aus Wilhelmshaven auslaufen und dem Verbandsführer von "Atalanta" unterstellt, teilte das Verteidigungsministerium am Donnerstag in Berlin mit.

"Atalanta" ist der militärische Beitrag der EU zur Pirateriebekämpfung und hat zum Ziel, die vor der Küste Somalias operierenden Piraten zu bekämpfen und abzuschrecken. "Atalanta" soll jetzt vor allem die durch Piratenüberfälle gefährdeten humanitären Hilfstransporte des Welternährungsprogramms über See schützen und Transporte der Afrikanischen Union-Mission in Somalia sichern.

lgr/dpa/dapd

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wolf_68, 04.08.2011
1. Titel:
Zitat von sysop29.000 somalische Kinder sind in den vergangenen drei Monaten an Hunger gestorben - und die Katastrophe in Ostafrika droht sich laut Uno sogar noch weiter auszubreiten. Zum Schutz der Hilfslieferungen will die Deutsche Marine jetzt ihren Einsatz vor der Küste Somalias verstärken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778462,00.html
Wo sind die Milliarden geblieben, die seit knapp 50 Jahren als Hilfszahlungen und Entwicklungshilfe nach Afrika gingen?
Micha_R3 04.08.2011
2. UNO-Hilfsgelder: Geklaut
Zitat von Wolf_68Wo sind die Milliarden geblieben, die seit knapp 50 Jahren als Hilfszahlungen und Entwicklungshilfe nach Afrika gingen?
Im Falle der UNO-Hilfsgelder für Somalia der letzten paar Jahre braucht man nicht lange suchen: Die sind verjubelt, geklaut oder "anderweitig"(AK47) verbraten! Zitate aus einem Artikel der "TAZ" hier der link zum Artikel: http://www.taz.de/65-Millionen-Dollar-verschwunden/!75569/ Die UNO scheint ÄUSSERT großzügig mit den ihr zur Verfügung gestellten Hilfsgeldern zu sein. Was sind schon ein paar Dutzend Millionen $. ... Gewinnbringend direkt in Kalaschnikoffs angelegt.
r.p.mcmurphy 05.08.2011
3. UNO und Kalashnikovs?
Zitat von Micha_R3Im Falle der UNO-Hilfsgelder für Somalia der letzten paar Jahre braucht man nicht lange suchen: Die sind verjubelt, geklaut oder "anderweitig"(AK47) verbraten! Zitate aus einem Artikel der "TAZ" hier der link zum Artikel: http://www.taz.de/65-Millionen-Dollar-verschwunden/!75569/ Die UNO scheint ÄUSSERT großzügig mit den ihr zur Verfügung gestellten Hilfsgeldern zu sein. Was sind schon ein paar Dutzend Millionen $. ... Gewinnbringend direkt in Kalaschnikoffs angelegt.
Was explizit werfen Sie der UNO vor? Mehr als überweisen kann sie die Hilfe schlecht. Was die somalischen Regierungsvertreter damit anfangen, ist wohl schwer zu kontrollieren. Würde sie die Hilfe an starke Bedingungen knüpfen oder deren Ausgabe gar eigenhändig durchsetzen, dann wäre es doch wieder der böse Finanzimperialismus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.