Somalia Kein Frieden in Sicht

Schon vor Wochen hatten islamistische Milizen verkündet, weite Teile der somalischen Hauptstadt Mogadischu unter Kontrolle zu haben. Jetzt hat sich der letzte US-gestützte Clanchef nach einer blutigen Schlacht ergeben. Die Talibanisierung am Horn von Afrika schreitet voran.

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Hamburg - Als der Granatenhagel sich legte, war endlich Zeit, Bilanz zu ziehen. Eine blutige Bilanz: Mindestens 140 Leichen zählten die Mitarbeiter des Madina-Krankenhauses in Mogadischu bis zum Montagmittag, dazu noch einmal so viele Verletzte. Die Zahlen werden wohl noch deutlich steigen. Zu viele Verwundete haben das Krankenhaus gar nicht erst erreicht, als islamistische Milizen und der letzte verbliebene Warlord 48 Stunden lang erbittert um die Vorherrschaft in der somalischen Hauptstadt kämpften. Montagnacht verkündeten die Islamisten ihren Sieg: Clanchef Abdi Hassan Awale Qaybdiid und Hunderte seiner Anhänger hätten kapituliert, Mogadischu sei in der Hand der Union der Islamischen Gerichte.

Schon Anfang Juni hatte das Bündnis mit seinen Milizen erklärt, die Kontrolle über weite Teile der somalischen Kapitale übernommen und die meisten Kriegsfürsten vertrieben haben. Jetzt scheint der Widerstand der US-gestützten, selbst ernannten Allianz gegen den Terror endgültig gebrochen. Zwar ist das Land, in dem seit dem Sturz des Diktators Siad Barre im Jahr 1991 Gewalt und Gesetzlosigkeit regieren, von einem Gottesstaat noch weit entfernt. Doch der Anführer der Union, Scheich Hassan Dahir Aweys, ist seinem Ziel einen Schritt näher: Stets hat der 71-Jährige mit dem hennaroten Bart betont, dass für ihn kein Gesetz außer der Scharia in Frage kommt.

Was das bedeutet, konnten die Einwohner Mogadischus in den vergangen Wochen erleben, denn der militärischen Eroberung folgte der kulturelle Feldzug nach Vorbild der Taliban in Afghanistan. Auch wenn ein zunächst ausgesprochenes offizielles Verbot später gelockert wurde, stürmten islamistische Milizen mehrfach Kinos, in denen Fußball-Fans Spiele der Weltmeisterschaft verfolgten. Gottlos seien diese Orte, zumal während der Berichte auch Alkoholwerbung gezeigt werde. Als Fans es wagten, gegen den Abbruch der Übertragung des Halbfinales zwischen Deutschland und Italien zu protestieren, bezahlten ein Mädchen und der Kinobesitzer dies mit dem Leben.

Selbst wenn die Somalier sich gegen das Fußball-Verbot wehrten, grundsätzlich beobachten viele die strengen Scharia-Gerichte mit Wohlwollen. In einem Land, in dem marodierende Kriegstreiber über Jahre Mädchen aus den Häusern zerrten und vergewaltigten, in dem Morde und Überfälle an der Tagesordnung sind, nehmen viele hin, wenn Richter Vergewaltiger öffentlich steinigen lassen oder Dieben die Hand abgehackt wird. Die Sehnsucht nach einer Ordnungsmacht ist groß. Über eine strengere Kleiderordnung regt sich da erst recht niemand auf. Gut ein Dutzend islamische Gerichte haben die neuen Machthaber bis heute in ihrem Herrschaftsbereich eingerichtet.

Video beweist Beteiligung ausländischer Kämpfer

Als Mitbegründer der Islamisten-Armee al-Itihaad al-Islamija steht Scheich Aweys auf der Terror-Liste der USA. "Ich bin kein Terrorist", sagt Aweys selbst, "aber wenn mich die Befolgung meiner Religion und die Liebe zum Islam zum Terroristen macht, akzeptiere ich das gern." Er bestreitet Kontakte zu al-Qaida und ausländischen Extremisten. Jüngst tauchte jedoch ein unter Islamisten verteiltes Video auf, mit dem offenbar Nachwuchs für die Scharia-Milizen geworben werden soll. Darauf sollen auch Araber zu sehen sein, die in Mogadischu gemeinsam mit den heimischen Islamisten gegen die Warlords kämpften. Sollte das Band echt sein, wäre es der erste Beleg für eine Beteiligung ausländischer Extremisten am islamistischen Feldzug in Somalia. Zuletzt rief auch Terror-Chef Osama Bin Laden persönlich via Audiobotschaft zum Aufbau eines Gottesstaates am Horn von Afrika auf.

Die USA befürchten, Somalia könnte zum Brückenkopf der Qaida in Afrika werden. Die Niederlage der Kriegsfürsten war zugleich eine herbe Schlappe der Amerikaner im Kampf gegen den Terror. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die USA die Warlords in der Vergangenheit finanziell unterstützten, um den Vormarsch der Islamisten zu bremsen. Doch die Rechnung ging nicht auf: Die somalischen Verbündeten erwiesen sich als eine Horde gesetzloser Gewaltherrscher, die den Islamisten letztlich noch mehr Zulauf bescherten.

Sorgen macht sich auch Somalias Nachbar Äthiopien. Islamisten-Führer Aweys hat nicht nur Ansprüche auf Somaliland erhoben, das sich einseitig unabhängig erklärte, er würde sich auch gern die von Somaliern bewohnte äthiopische Ogaden-Region einverleiben. Schon ist von gegenseitigen Provokationen und Truppenbewegungen die Rede.

Auch weil es eine Wiederholung des Ogaden-Krieges der siebziger Jahre fürchtet, unterstützt Addis Abeba die schwache somalische Übergangsregierung, die sich erst vor einigen Wochen aus dem Exil kommend überhaupt wieder ins Land getraut hat - ins sichere, 200 Kilometer von Mogadischu entfernte Baidoa. Der zwar international anerkannte, aber faktisch machtlose Intermis-Präsident Abdullah Jusuf will afrikanische Friedenstruppen ins Land holen.

Scharia-Gerichte vor der Zerreißprobe

Dass sich Übergangsregierung und Islamisten bei den vereinbarten Gesprächen im sudanesischen Khartum darauf einigen werden, ist jedoch nicht zu erwarten. Jusuf und Aweys hassen sich bis aufs Blut und der Islamisten-Führer schwor noch im vergangenen Jahr allen, die sich in die Belange Somalias einmischen, den heiligen Krieg. Und ohne eine Übereinkunft darüber, dass ausländische Soldaten als Friedensstifter notwendig sind, mache eine Stationierung keinen Sinn, warnen die Experten der International Crisis Group (ISCI).

Die Brüsseler Forscher glauben, dass vor einer möglichen Zusammenarbeit mit der Übergangsregierung die Union der Islamischen Gerichte selbst vor einer Zerreißprobe stehen könnte. Suliman Baldo, Direktor des Afrika-Programms der Crisis Group, beschrieb die Gruppe jüngst als "losen Verbund" von Stammesführern, Imamen und Geschäftsleuten verschiedenster religiöser Strömungen. Innerhalb des islamistischen Sammelbeckens würden längst moderate und extremistische Kräfte um die Vorherrschaft kämpfen.

Von einem stabilen Frieden ist Somalia also weit entfernt, obwohl es ihn so dringend braucht. Allein in der 1,2-Millionen-Stadt Mogadischu leben nach Angaben der Uno mehr als 250.000 Flüchtlinge, von der Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben. Auf eine verheerende Dürreperiode folgten sintflutartige Regenfälle, den Menschen drohen Cholera und Malaria.



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