Von Horand Knaup
Es war eine Premiere für Schwarzafrika, als kenianische Marineinfanteristen Ende vergangener Woche vor der somalischen Hafenstadt Kismayo an Land gingen. Eine vergleichbare Landungsoperation habe es in Afrika zuvor nicht gegeben, vermeldeten huldvoll kenianische Zeitungen.
Es fielen nur vereinzelte Schüsse, doch auf die Islamisten von al-Schabab, die Kismayo bis zuletzt regierten, machte die Operation gehörigen Eindruck: Über Nacht räumten sie ihre Stellungen und verließen die Stadt, ihren letzten festen Stützpunkt in Somalia.
Noch haben die Kenianer im Verbund mit somalischen Einheiten und den aus Ugandern und Burundern bestehenden Amisom-Truppen die zweitgrößte Stadt des Landes nicht völlig unter Kontrolle. Viertel für Viertel tasten sie sich vor, auf der Hut vor Sprengfallen, Selbstmordattentätern und Scharfschützen. Kurz vor ihrem Auszug hatten die Islamisten gedroht, die Stadt in ein "Schlachtfeld" zu verwandeln. Am Dienstag dann meldet die Nachrichtenagentur Reuters eine Explosion in der Stadt - offenbar eine Bombe in einem Verwaltungsgebäude. Schabab-Sprecher Scheich Abdiasis Abu Musab nannte den Sprengsatz einen "Auftakt für die vielen Sprengstoffanschläge, die noch folgen werden".
Die Miliz setzte ein Zeichen, dass mit ihr weiterhin zu rechnen ist, doch die Einnahme der Stadt durch kenianische Truppen ist der bisher schwerste Schlag gegen die Islamisten. Fünf Jahre lang haben sie den Süden Somalias kontrolliert, jetzt sind sie auf dem Rückzug. Im August 2011 hatten sie bereits Mogadischu verlassen müssen. Dort hatten sie Steuern auf dem Bakara-Merkt eingetrieben. Nun fehlt ihnen mit dem Verlust des Hafens von Kismayo ihre zweite wesentliche Finanzierungsquelle.
Widerstand der Miliz heftiger als zunächst angenommen
Es war ein langer Weg für die kenianische Armee. Vor elfeinhalb Monaten war sie losmarschiert, nachdem Terroristen an der Küste von Lamu Touristen erschossen und entführt hatten und kurz danach auch im Flüchtlingslager Dadaab - auf kenianischem Boden - zwei Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen gekidnappt hatten.
Auf wenige Wochen hatten die kenianischen Generäle den Vormarsch zunächst taxiert. Doch dann, die Regenzeit hatte begonnen, blieben ihre kampfunerfahrenen Krieger im Schlamm stecken, zudem entpuppte sich der Widerstand der Islamisten deutlich heftiger als angenommen. Allein hätten die Kenianer den Erfolg wohl nie geschafft. Den schmutzigen Teil des Krieges, die Gefechte an der Front, erledigten überwiegend Soldaten der eilig ausgehobenen somalischen Armee. Sie erlitten denn auch erhebliche Verluste, über die jedoch niemand spricht. Die Kenianer schickten ihre Luftwaffe zur Unterstützung und halfen mit Logistik und schweren Waffen, hielten sich jedoch überwiegend in der Etappe auf. So hielten sie die Zahl ihrer gefallenen Soldaten im zweistelligen Bereich.
Im vergangenen Frühjahr hatten sie sich zudem dem Kommando von Amisom unterstellt, deren Truppen maßgeblich von der EU und den USA finanziert werden. Nur so war der lange Einsatz auch für die Kenianer finanziell verkraftbar.
Unterstützt wurde die Allianz von den USA, die bei den Kämpfen nie offen in Erscheinung traten, aber mit ihrer Aufklärung am Boden und aus der Luft offenkundig wertvolle Hinweise über Bewegungen der Schabab-Milizen gaben und einzelne hochrangige Islamisten mit Luftschlägen auch selbst ausschalteten. Die Kenianer wären zu solchen Präzisionsschlägen kaum in der Lage gewesen.
Zufrieden kommentierte denn auch der Sondergesandte des US-Präsidenten für Afrika, Johnnie Carson, die Vertreibung der Islamisten aus Kismayo: "Das kann Somalia zurück in die Stabilität führen und wird mittelfristig die Bedrohung durch Terroristen für die Somalier und die Nachbarstaaten reduzieren."
Machtvakuum in der Stadt - kein Frieden in Sicht
In Kismayo selbst brach nach der Flucht der Islamisten zunächst einmal Chaos aus. "Hier hat niemand die Kontrolle über die Stadt", zitierte der Fernsehsender al-Dschasira Einwohner. "Amtsgebäude werden geplündert, die Stadt ist in einem chaotischen Zustand." Ein Bewohner, der sich zu öffentlich über den Abzug der al-Schabab gefreut hatte, wurde von Unbekannten hinterrücks erschossen.
Die Befreiungstruppen setzten sich zunächst am Hafen und Flughafen fest und rückten von dort aus vorsichtig in die verschiedenen Stadtviertel vor. Offenbar hatten die Drohungen der al-Schabab kurz vor ihrem Abzug Wirkung hinterlassen. "Sie gehen uns in die Falle. Wartet ab und schaut, was mit ihnen passieren wird", hatte der Militärsprecher der Islamisten der Nachrichtenagentur Reuters gegenüber angekündigt.
Wohin sich die Mitglieder der Terrortruppe abgesetzt hatten, blieb zunächst unklar. Ein Teil wird ins nördliche Somalia, nach Puntland, weiterziehen, wo die Amisom-Truppen nicht operieren, Warlords das Wort führen und im Allgemeinen das Recht des Stärkeren gilt. Ein anderer Teil wird in Süd-Somalia mit Attentaten und Überfällen weiterhin Widerstand leisten, ein nicht unbedeutender Teil wird wohl aber auch die Waffen niederlegen und sich unter die Zivilbevölkerung mischen.
Von einem stabilen Frieden sind die geplagten Bewohner Kismayos jedoch noch weit entfernt. Denn die Islamisten waren noch nicht vertrieben, da meldeten bereits mehrere Clans und Subclans ihren Anspruch auf eine Beteiligung an der Herrschaft über die Stadt an. Auch ein Warlord aus Mogadischu soll vor Tagen schon in Kismayo eingetroffen sein, um seine Claims abzustecken. Unglücklicherweise ist Kismayo eine der durchmischtesten Städte Somalias. Gleich mehrere Clans sind dort mit hohen Bevölkerungsanteilen vertreten.
Seit Tagen beraten deren Führer nun, wie sie die neu gewonnene Macht über die Stadt verteilen. Bevor das nicht die geklärt ist, wollen wiederum die kenianischen und Amisom-Generäle die Kontrolle nicht abgeben.
Den Clans geht es vor allem um den Hafen, der schon zu Kriegszeiten rund 50 Millionen Dollar jährlich an Einnahmen eingebracht haben soll. Unter Friedensbedingungen taxieren Beobachter das Einnahmepotential auf bis zu 100 Millionen Dollar. Auch der Sondergesandte Carson sieht nach der Vertreibung der Islamisten die Gefahr neuer Streitigkeiten: Er hoffe, sagte Carson, dass die alliierten Truppen schnell vorrücken "und eine politische Stabilität und ein politisches System etablieren, das den verschiedenen Clan- und Subclan-Interessen Rechnung trägt." Es wäre ein echter Fortschritt für Somalia.
Mit Material von Reuters
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