Somalia Terrormiliz will Hungersnot allein besiegen

Somalia hungert, aber die internationale Hilfe wird blockiert: Die Schabab-Miliz verweigert Hilfsorganisationen den Zutritt zu den von ihr kontrollierten Gebieten. Die Dschihadisten sprechen lediglich von einer "Dürre" - helfen wollen sie selbst.

Von Yassin Musharbash

Parade von Schabab-Milizionären: "Hundertprozentig falsch"

Parade von Schabab-Milizionären: "Hundertprozentig falsch"


Die Welt blickt auf die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika, jeden Tag verlassen völlig erschöpfte Flüchtlinge das bislang am schwersten betroffene Somalia, Tausende Menschen sind bereits gestorben - und die Schabab-Milizen, die weite Teile des bitterarmen Landes kontrollieren, haben nicht Besseres zu tun, als Teigtaschen zu verbieten.

So jedenfalls berichten es somalische und ausländische Medien. Samosas, eine indische Spezialität, sollen demnach von den Fanatikern der Schabab mit einem Verbot belegt worden sein, weil ihre typische dreieckige Form angeblich an die christliche Idee der Dreifaltigkeit erinnere. Viele Exil-Somalier, die selbst Geld sammeln, um Hilfe für ihre Landsleute zu organisieren, sind entsetzt über diesen Zynismus.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Schabab-Milizen dadurch auffallen, dass sie ihre harschen Prinzipien über alles stellen. Wo sie die Macht ausüben - sie beherrschen ganze Regionen im Süden und im Zentrum des Landes, außerdem etwa 40 Prozent der Hauptstadt Mogadischu - haben sie ein Regime errichtet, das dem "Gottesstaat" der afghanischen Taliban vor 2002 in Grausamkeit nicht nachsteht. Angebliche Spione werden vor laufender Kamera hingerichtet, Gliedmaßen zur Strafe amputiert, vor einiger Zeit ließen die Dschihadisten zwei junge Mädchen an die Wand stellen und erschießen.

Dutzende Helfer hat die Schabab bereits getötet

Allein in den Jahren 2008 und 2009 haben sie Schätzungen zufolge mehr als 40 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen getötet - sie gelten ihnen wahlweise als Spione oder Propagandisten des Feindes.

Auch jetzt, da Somalia sich in einer akuten Hungerkrise befindet, schaltet die Schabab auf stur. Einen Moment lang sah es so aus, als sei sie bereit, das von ihr ausgesprochene Betätigungsverbot für Hilfsorganisationen aufzuheben - doch vor einigen Tagen wurde das wieder kassiert. "Die zuvor verbotenen Gruppen sind in unseren Gebieten nicht willkommen", sagte der Schabab-Sprecher Ali Mohamud Rage vergangenen Freitag. "Es gibt eine Dürre in Somalia, aber keine Hungersnot - was die Uno behauptet, ist einhundertprozentig falsch." Die Uno verfolge eine politische Agenda und wolle die Flucht von Somaliern in nichtmuslimische Länder forcieren.

Zuvor hatte die Uno offiziell eine Hungersnot erklärt - in zwei Regionen Somalias, die beide von der Schabab-Miliz beherrscht werden. 350.000 Menschen dort seien in akuter Lebensgefahr. Die Uno verwendet diesen Begriff nicht inflationär. Er kommt selten zur Anwendung und ist genau definiert: Eine Hungersnot liegt vor, wenn:

  • mehr als 30 Prozent der Kinder von akuter Unterernährung betroffen sind,
  • mehr als zwei Menschen pro 10.000 Einwohner pro Tag sterben,
  • die Menschen nicht in der Lage sind, Nahrung und andere grundlegende Waren zu erreichen.

"Wenn wir jetzt nicht handeln", zitiert die "New York Times" den Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe in Somalia, Marc Bowden, "wird die Hungersnot alle acht Regionen Südsomalias erreichen. Jeder Tag, um den sich die Unterstützung verspätet, ist buchstäblich eine Frage von Leben oder Tod."

Die Miliz suggeriert, sie habe die Lage im Griff

Die Schabab hingegen suggeriert, sie habe die Lage im Griff. Im Internet verbreitet sie Nachrichten über ihre eigenen Hilfsaktionen. Angeblich hat sie Hilfen an Tausende Familien verteilt, die wegen der "verspäteten Regenfälle" in Not geraten seien.

Das kann sogar stimmen. Die Schabab mag mit al-Qaida auf einer Linie liegen und eine internationale terroristische Agenda haben - aber sie will auch die Übergangsregierung stürzen, die Macht im ganzen Land übernehmen und Somalia in einen "wahrhaft islamischen Staat" verwandeln. Deswegen ist sie auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen - und hat in der Vergangenheit bereits in der Tat mehrfach Nahrungsmittelausgaben organisiert.

"Dadurch, dass sie Uno-nahen Organisationen verbietet, in ihren Gebieten zu agieren, versucht die Bewegung, einen PR-Gewinn daraus zu erzielen, dass sie selbst die Aufgabe der Verteilung von Hilfsgütern in den betroffenen Gebieten unternimmt", schreibt der Schabab-Experte Christopher Anzalone von der McGill-Universität im kanadischen Montreal.

Pragmatische Lösungen bleiben denkbar

Als sie im Februar 2010 das Betätigungsverbot für Hilfsorganisationen verhängte, begründete die Schabab es zudem damit, dass die Hilfslieferungen die Geschäftsgrundlage einheimischer Nahrungsproduzenten ruinierten. Einzelne Experten glauben, dass an dieser Argumentation etwas dran ist. Andererseits gibt es freilich Berichte, dass Milizenführer Nahrungsmittelhilfe vor dem Betätigungsverbot mit "Steuern" belegten und dann auch noch Teile davon weiterverkauften.

In jedem Fall hat sich die Lage seit Verhängung des Betätigungsverbotes drastisch verschärft - die derzeitige Hungerkatastrophe ist die schlimmste seit sechs Jahrzehnten. Die internationale Gemeinschaft und die Übergangsregierung in Mogadischu sind sich darin einig, dass sofortige Hilfe erforderlich ist - der Bedarf wird von der Uno auf mindestens 1,5 Milliarden Euro geschätzt. Niemand glaubt, dass die Schabab aus eigenen Mitteln und mit ihren Methoden ausreichend helfen kann.

Nun bleibt die Frage, ob die Schabab-Milizen ihrem Verbot auch Taten folgen lassen werden - oder ob es ihnen vor allem darum geht, ihre Position aus propagandistischen Gründen zu betonen. Die Schabab, deren Stärke auf rund 5000 Kämpfer geschätzt wird, sei kein monolithischer Block, erklärte am Freitag eine Sprecherin des World Food Programme. Daraus spricht die Hoffnung, dass man sich vor Ort eventuell mit lokalen Führern einigen könne.

Tatsächlich gibt es Hinweise in diese Richtung. Eine somalische Web-Seite berichtete, dass Schabab-Führer in der Region Gedo das Verbot ihrer obersten Anführer unterlaufen würden und Helfer in ihr Gebiet ließen. Die Schabab wird ihre offizielle Position wohl kaum revidieren. Aber pragmatische Lösungen könnten zumindest örtlich begrenzt möglich sein - so dass Hilfslieferungen auch in den von der Miliz kontrollierten Gebieten ankommen könnten.

Die Hilfsorganisationen sagen, dass sie so weit gehen werden, wie man sie lässt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
Shayla 27.07.2011
1. ..
Zitat von sysopSomalia hungert, aber die internationale Hilfe wird blockiert: Die*Schabab-Miliz verweigert Hilfsorganisationen den Zutritt zu den von ihr kontrollierten Gebieten. Die Dschihadisten sprechen lediglich von einer "Dürre" - helfen wollen sie selbst. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776901,00.html
Na mal sehen, ob hier das Geschrei über bewussten Massenmord VON MOSLEMS auch solch einen Anklang findet. Auch das Verbieten von Hilfe und das dadurch direkte Inkaufnehmen von Toten ist Mord! Aber ich bin sicher, jetzt wo Moslems die Übeltäter sind, können wir wieder getrost von "vereinzelten Irren" reden.
Cephalotus 27.07.2011
2. lorem ipsum
dann bringt die Hilfe eben nur in die Regionen, die nicht von der Miliz kontrolliert werden. Das spricht sich dann schon herum...
jsemmelr 27.07.2011
3. Fehler
Dadurch, dass sie Uno-nahen Organisationen verbietet, in ihren Gebieten zu agieren, versucht die Bewegung, einen PR-Gewinn daraus zu erzielen, dass sie selbst die Aufgabe der Verteilung von Hilfsgütern in den betroffenen Gebieten unternimmt", schreibt der Schabab-Experte Christopher Anzalone von der McGill-Universität in den USA. McGill University ist eine Kanadische Universität in Montreal und nicht in den USA.
Nevis 27.07.2011
4. Re.
Zitat von ShaylaNa mal sehen, ob hier das Geschrei über bewussten Massenmord VON MOSLEMS auch solch einen Anklang findet. Auch das Verbieten von Hilfe und das dadurch direkte Inkaufnehmen von Toten ist Mord! Aber ich bin sicher, jetzt wo Moslems die Übeltäter sind, können wir wieder getrost von "vereinzelten Irren" reden.
Das Verhalten dieser Moslems hat nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Islam zu tun. Lesen Sie denn keine Volkszeitungen? Dann wüßten Sie das! Und dann wüßten Sie auch, daß der Islam überhaupt nichts mit dem Islam zu tun hat.
micha-mille 27.07.2011
5. Unglaublich...
...was religiöse Verblendung für Blüten treibt. Das sind Verbrecher, nichts weniger. Da kann man echt nur noch kotz...
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